Vom Geissbuben zum Apotheker – die Lebensgeschichte des Benjamin Arnold

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Peter Arnold, der ehemalige Rektor des Kollegiums Spiritus Sanctus in Brig, nahm nach Abschluss seiner Berufstätigkeit die Herausgabe der Lebenserinnerungen seines Vaters an die Hand. (Foto: zvg)

Die Lebensgeschichte des einstigen Benjamin Arnold (1909-1998) ist auch die Chronik einer Welt von gestern. Mein nachfolgender Text erschien im „Walliser Bote“ am Samstag, 3. September 2022, als Vorschau auf die Buchvernissage, die gleichentags im Gemeindesaal von Simplon Dorf stattfand. Mein Interview mit dem Herausgeber Peter Arnold wurde verschiedentlich auf Radio Rottu Oberwallis ausgestrahlt und kann untenstehend ungeschnitten und im Originalton gehört werden.

Benjamin Arnold wurde als zehntes von sechzehn Kindern in einer Alphütte am Südhang des Simplon-Passes in eine Welt hineingeboren, die es heute nicht mehr gibt. Die früheren Verhältnisse in der Alpwirtschaft und im Schulwesen, der damalige Einfluss des Kirche, die Stellung innerhalb von Familie und Gesellschaft und der krönende Aufstieg zum Apotheker mit eigenem Geschäft – all dies mutet märchenhaft an, ist aber ein authentischer Lebensbericht, der bewegt und berührt, bearbeitet und editiert von Sohn Peter Arnold, dem ehemaligen Rektor des Briger Kollegiums.

Viele heissen Arnold in Simplon Dorf. Zur Unterscheidung behilft man sich mit Beinamen. Für Benjamin Arnold und seine Vorfahren fanden die Dörfler deshalb den Beinamen „Guggini“. Der Beiname rührt daher, dass die Vorahnen vor mehreren hundert Jahren „im oberen Drittel“, wie man damals sagte, in der Nähe des Walibachs, eine Alpe bewohnten mit dem Namen „Guggina“. Mit jeder Faser seines Herzens hing Benjamin in frühester Kindheit an den beiden Alpen „Laggin“ und „Oberstafel“.

Auch die jüngsten Kinder waren damals eingebunden bei der täglichen Arbeit im bäuerlichen Betrieb. Spielraum gab es wenig, man war aufeinander angewiesen. Tapfer kämpften die Dörfler ums tägliche Brot. Butter und „Confitüre“ oder sogar „Weggli“, das kannten sie nicht. „Das war nach unserem Begriff nur für Hotelgäste“, schreibt Benjamin Arnold. Doch die Sonntage hatten es in sich. Da stand der Vater frühzeitig auf und holte ein paar abgeschnittene kleinere Stücke Fleisch aus der „Heichi“, dem Estrich, und die Mutter holte den grossen Fleischhafen heraus und legte das Fleisch hinein, füllte ihn mit Wasser und liess das Ganze mehrere Stunden sieden zu einer schmackhaften Fleischsuppe. Dann nahm sie eine grosse Suppenschüssel, schnitt dünne Schnitten Roggen- und Weissbrot und Käse hinein und übergoss das Ganze mit der heissen Fleischsuppe. Derart gestärkt nahmen die „Guggini“ das Tagwerk in Angriff.

Bereits im Vorschulalter sammelte Benjamin auf der Alp Heilkräuter. Vor allem verschiedene Teesorten waren gefragt: Kamillen, Frauenmänteli, Spitzwegerich, Schafgarben, Himbeerstaudenblätter, Brombeerblätter, Johanniskraut und vieles mehr. Der Oberstafel und das Laggintal waren reich an bewährten Heilkräutern. Der kleine Benjamin nahm die Kräutlein heim, sortierte sie sorgfältig und dörrte sie im Schatten. Die Mutter bewahrte sie im sogenannten Medizinkorb auf und verkaufte sie im Dorf als herrliche Medizin für Mensch und Tier.

Erste Lebensstelle als Beihirt. Als eines Tages Tante Cölestine aus dem Weiler Brei bei Ried-Brig ins Dorf zur Sonntagsmesse kam, sagte sie zu Benjamins Eltern: „Ihr habt im Oberstafel genug Kinder. Gebt mir den Benjamin als Beihirt, bis wir im Spätherbst wieder nach Ried-Brig zurück zügeln.“ Der Handel war bald schon getätigt. Benjamin, damals sechsjährig, war darüber nicht sehr erfreut. „Denn ich wusste nur zu gut, dass mir in diesem Sommer der Oberstafel verloren ging. Und ein Sommer ohne Oberstafel war für mich kein Sommer.“ Seine erste Lebensstelle, wie er diese nennt, übernimmt Benjamin als Beihirt mit sechs Jahren. Ab dem dritten Schuljahr wird er jeweils für sechs Monate verdingt. Heimweh nach seinen geliebten Alpen quält ihn. So wächst der kleine Knirps langsam zum Kuhhirten und Geissbuben heran.

Episoden und Kurzgeschichten aus den acht Jahren Gemeindeschule in Simplon Dorf streut Benjamin Arnold ein in seinen Lebensbericht. Er hebt etwa das Altardienen hervor, wie man das Ministrieren auch nannte, es wurde in den sechs Wintermonaten von den Schulbuben besorgt. „Das waren noch jene Zeiten, wo jeder, dem das Altargebet eigen war, ministrieren wollte“, blickt Benjamin Arnold zurück. „Nicht wie später, wo man diese Buben fast herbeiziehen musste.“ Bei den oberen Klassen gab es fast jeden Samstagnachmittag eine Platzverteilung. In einer Prüfung wurden die Besten der Klasse erkoren. Wer am meisten Punkte hatte, war für die folgende Woche der Beste der Klasse. Am Sonntagmorgen begaben sich die Schüler in Zweierkolonne zur Kirche, die Besten zuvorderst, die Schlechtesten zuhinterst. Die Erwachsenen, welche vor dem Hochamt auf dem Dorfplatz herumstanden, kannten dieses Platz verteilungs-System. Sie wussten somit auf einen Blick, wer zu den Besten gehörte.

Dass Benjamin ans Kollegium Brig wechseln durfte, hat er einem Glücksfall zu verdanken. Eine gute Bekannte aus Brig hatte vernommen, dass Benjamin gerne ins Kollegium gehen würde, dass dies aber aus finanziellen Gründen nicht möglich sei. Er solle nur ins Kollegium kommen und die folgenden acht Jahre bei ihnen essen, beschied sie der Familie von Benjamin Arnold. „Wo vier Kinder essen, da hat auch ein fünftes noch Platz.“ Benjamin konnte es kaum fassen, dass aus einem Geissbuben nun ein Student werden sollte. „Wir Bergbuben mit unseren sechs Monaten Primarschule im Jahr mussten den Kampf aufnehmen mit jenen Stadtsöhnchen, die sieben bis acht Monate im Jahr zur Schule gingen.“ Der Ausgleich habe jedoch meistens nicht lange auf sich warten lassen, bis die Bergschüler die Stadtsöhnchen eingeholt hätten, merkt Benjamin Arnold süffisant an. Das Theaterspielen oder die Kommerse der Sectio Brigensis haben sodann Benjamins „Burschenherrlichkeit“ mitgeprägt.

Benjamins Berufswahl fällt in die Zeit seiner Jahre am Kollegium Brig. Nicht den Erwartungen entsprechend Priester wollte er werden, sondern Apotheker. Auch in diesem Beruf könne man „zum Wohle der kranken Menschheit“ da sein, begründet Benjamin Arnold in seinem Lebensbericht diesen Entscheid. Er studiert Pharmazie in Freiburg, Lausanne und Bern. Danach ergreift er den Beruf des Apothekers in Lenzburg und in Frick. Benjamin Arnold ist ein Kämpfer. Er weiss sich zu helfen, er gibt nie auf. Im Alter von fünfzig Jahren kauft er eine Apotheke. Der Zustand der Apotheke entspricht nicht den Vorschriften der kantonalen Gesundheitsdirektion. Doch Benjamin schafft, wovon er geträumt hat: vom Geissbuben zum erfolgreichen Geschäftsmann. Er verwirklicht sein Vorhaben auch dank der kompetenten Mithilfe seiner Ehefrau. Die Kinder noch in Ausbildung, und er, der stille Kämpfer und Ernährer.

Nach den Jahren in Lenzburg (1937-1959) merkt Benjamin Arnold an, sein Scriptum „Vom Geissbuben zum Apotheker“ wäre hier nun zu Ende. Auf Bitten von Sohn Peter folgen dann trotzdem noch einige Ausführungen über Benjamins Berufsleben. Auch nach dem Verkauf der Apotheke steht kein abrupter Rückzug ins Pensionisten-Leben an. Benjamin Arnold übernimmt kleine Pensen in Apotheken, seine Frau Aufgaben in der Pfarrei bei der Betreuung alter oder kranker Menschen.

„Vom Geissbuben zum Apotheker“ – die Lebensgeschichte des Bejamin Arnold – entführt uns in eine frühere Welt, in der um vieles gekämpft werden musste, was uns heutzutage als selbstverständlich erscheint.

Hören Sie ein Gespräch mit Peter Arnold, dem Herausgeber von Benjamin Arnolds Lebenserinnerungen. (Quelle: rro / Kurt Schnidrig)

Text, WB-Artikel und Radiosendung: Kurt Schnidrig