
„Wenn die Maske fällt“, dies der Titel des neuen Erzählbands, den Nicolas Eyer in der Briger Buchhandlung ZAP vorstellte. Nach den Japan-Büchern „Natsuko verschwindet“, „Kaguya“ und „Kamikochi“ jetzt also ein Zyklus von vier unheimlichen Geschichten.
Es sind dies Geschichten, wie man sie etwa aus der Zeitepoche der Romantik kennt, besonders vom deutschen Schriftsteller E.T.A. Hoffmann (1776-1822), der sich beeinflussen liess von Gespenstergeschichten aus dem 18. Jahrhundert und auch von der englischen Schauerliteratur. Mit seinen Erzählungen hatte Hoffmann, und insbesondere seine Novelle „Der Sandmann“, die Prosa von zahlreichen spanischen, russischen, französischen und amerikanischen Autoren inspiriert. Hoffmann veröffentlichte 1816 die Erzählung „Der Sandmann“ aus den sogenannten „Nachtstücken“. „Der Sandmann“ zählt zu den Schlüsseltexten der Schwarzen Romantik.
Das Unheimliche des Romantikers E.T.A. Hoffmann hat nun auch dem Schreiben von Nicolas Eyer Anreize verliehen. Zusätzlich mag auch das Genre der englischen Schauerliteratur, das insbesondere vom US-amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe geprägt ist, seine Wirkung auf Nicolas Eyers unheimliche Geschichten ausgeübt haben.

Im Zwiegespräch mit seinem Autorenkollegen Anton Rey betonte Nicolas Eyer, er sei mit den unheimlichen Walliser Sagen aus dem Saastal, aber auch aus Deutschland, aufgewachsen. Die Bibliothek der Familie Eyer hätte diesbezüglich einen reichen Fundus geboten. Zusammen mit seinen Schülerinnen und Schülern habe er auch Walliser Sagen zu Hörspielen umgeschrieben und vertont.
Dass die Realität, unsere gelebte Wirklichkeit, zuweilen unheimlicher erscheint als die fiktiven Autorentexte, dies ein Denkanstoss, den Anton Rey in die Debatte einbrachte und das Publikum damit nachdenklich stimmte. Der Autor konterte: „Unsere Sinne sind begrenzt, vielleicht gibt es etwas ausserhalb von uns.“

Nicolas Eyer im rro-Interview
Kurt Schnidrig: Nicolas Eyer herzlich willkommen. „Wenn die Maske fällt“, dies der Titel deines neuen Erzählbands mit vier unheimlichen Geschichten. Nicolas, wir kennen dich vor allem als Autor japanischer Geschichten. Nun also dieser Wechsel zu unheimlichen Geschichten, was ist der Grund dafür?
Nicolas Eyer: Das Unheimliche und Abseitige hat mich immer schon fasziniert. Stichwort „Schwarze Romantik“: Immer schon hatte ich sehr gerne Geschichten von E.T.A. Hoffmann und auch von Edgar Allan Poe gelesen. Bereits seit längerer Zeit hatte ich an derartigen Geschichten gearbeitet. So sind diese unheimlichen Geschichten eigentlich bereits über Jahre entstanden. Nun habe ich mich entschlossen, einige davon in Buchform herauszugeben.
Die Schauplätze dieser unheimlichen Geschichten sind beispielsweise eine Schweizer Kleinstadt oder eine süditalienische Insel, aber dann doch auch wieder Fernost. Verdankt doch zumindest eine der Geschichten ihre Entstehung deiner Sehnsucht nach Fernost, nach Japan?
Auf jeden Fall. Japan ist ein Land, das mich nicht loslässt. Ich könnte mir schon vorstellen, dass es Menschen gibt, die mittlerweile sagen, ach dieser Eyer, immer mit seinem Japan! Aber mich fasziniert dieses Land ganz einfach. Japan ist ein grandioser Schauplatz für grossartige Geschichten. In einer der Geschichten in meinem neuen Buch geht es um einen Noh-Maskenschnitzer, in einer anderen Geschichte spielt das Erdbeben sowie der Tsunami und der Supergau vom 11. März 2011 in Fukushima mit hinein. Dabei handelt es sich um Themen, die mich auch privat interessieren. Sie beschäftigen mich derart, dass ich mich nun entschlossen habe, darüber zu schreiben.
Du hast E.T.A. Hoffman erwähnt, er lebte von 1776 bis 1822. Bestehen deinerseits irgendwelche Assoziationen zu dieser Epoche? Oder ist es eher einem Zufall zu verdanken, dass du dich, ähnlich wie Hoffmann, dem Genre der Horror- und Schauergeschichten verschrieben hast?
Ich habe immer gerne Texte aus dieser Zeit gelesen, diese Geschichten haben mich fasziniert. Sehr wichtig zur Zeit der Romantik war die Sehnsucht. Da denke ich beispielsweise an das gleichnamige Gedicht von Joseph von Eichendorff.
Erste Strophe des Gedichts «Sehnsucht» aus der Feder von Joseph von Eichendorff (Anm.d.Red.):
Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!
Nicolas Eyer: Die Sehnsucht und der Wunsch, vielleicht auch einmal ein anderes Leben oder eine andere Lebensrealität zu versuchen und an andere Orte zu reisen, befeuern mein Leben, zumindest gedanklich.
Der US-amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe schrieb zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Inwiefern hat dich Edgar Allan Poe beeinflusst?
Was mich an Edgar Allan Poe fasziniert, das ist die Dichte, die seine Texte auszeichnet. Einige seiner Texte sind von der Sprache her vielleicht nicht mehr besonders zeitgemäss, aber sie sind atmosphärisch unglaublich dicht. Edgar Allan Poe versteht sich darauf, in seinen Texten viel Spannung aufzubauen.
Sprechen wir doch noch kurz von deinen vier unheimlichen Geschichten im neuen Buch. Zuviel wollen wir nicht verraten, aber vielleicht können wir bei unseren Leserinnen und Lesern die Neugier wecken auf dein neues Buch «Wenn die Maske fällt».
Was alle vier unheimlichen Geschichten vereint, das ist die relativ überraschende Wende, die jeweils kurz vor Schluss eintritt. Sinngemäss und auch wortgemäss fällt kurz vor Schluss die Maske. Es kann sein, dass dabei eine Täuschung aufgehoben wird oder dass eine plötzliche Erkenntnis uns Lesende überrascht. Das Fallen der Maske kann auch bedeuten, dass sich das Leben des jeweiligen Protagonisten grundlegend ändert.
«Ich schreibe, um der Realität etwas hinzuzufügen, sie neu zu erfinden», sagst du. Phantasie oder Wirklichkeit? Was ist für dich prioritär?
Persönlich war ich nie der Fantasy-Fan. Für mich wurzelt alle Literatur in der Realität. Die Realität kann allerdings auch durch die Fantasie erweitert werden. Insbesondere haben das Walliser Sagengut und auch Sagen aus aller Welt immer mein Interesse geweckt. Die Sagen existieren irgendwie auch neben unserer Realität. Die Sagen koexistieren zusammen mit unserer gelebten Wirklichkeit, dies ist gemeint, wenn von der Erweiterung der Realität durch das Phantastische die Rede ist.
Wir empfehlen sehr gerne den neuen Erzählband «Wenn die Maske fällt». Wir sind gespannt auf die Lektüre deiner vier unheimlichen Geschichten.

Die EDITION SIGNAThUR wird von Bruno Oetterli Hohlenbaum seit 1996 geführt. Sie ist spezialisiert auf zweisprachige Titel aus der englischen Literatur. Dazu erscheinen belletristische Werke in deutscher Sprache. Die vier unheimlichen Geschichten seien in moderner Sprache verfasst und nicht etwa im Schreibstil eines Edgar Alla Poe, erklärte Bruno Oetterli. Der Verleger zeigte auf, wie im Buch „Die Maske fällt“ die Adjektive nicht lediglich als „schmückende Beiwörter“ gesetzt sind, sondern vielmehr im Sinne einer Präzisierung, wie beispielsweise im Ausdruck „ein zerfleddertes und ziemlich feuchtes Taschenbuch“. Er plädierte für einen vernünftigen Umgang des Lesestoffs mit einer überschaubaren Seitenzahl. Ergänzt wird das Buch durch sechs vom Autor nach eigenen Fotografien angefertigte Cyanotypien (Blaudrucke).

Text, Bilder und Radiosendung: Kurt Schnidrig