Ein exzellentes Stück Weltliteratur: Begegnung mit der israelischen Autorin Zeruya Shalev

Erfolgsautorin Zeruya Shalev (links) zusammen mit der Schauspielerin Maria Schrader im Oktober 2001 in Brig. (Bild: Kurt Schnidrig)

Die israelische Autorin Zeruya Shalev hat mit ihrem Roman „Nicht ich“ einen ersten Weltbestseller im noch jungen Jahr gelandet. Das Besondere daran: Der Roman ist bereits im Jahr 1993 auf Hebräisch erschienen, jetzt aber, 2024, erstmals in deutscher Übersetzung. Im Oktober 2001 ist die israelische Autorin im Oberwallis aufgetreten.

Ein Oberwalliser Friedenslauf quer durch Israel und durch die Palästinensergebiete war damals die Folge von Zeruya Shalevs Auftritt in Brig. Mit Spannung war die israelische Autorin in unserem Literaturseminar erwartet worden. Zeruya Shalev erzählte uns vom Krieg im Nahen Osten und von der Intifada zwischen Palästinensern und Israeli. Einige ihrer Worte sind mir in lebhafter Erinnerung geblieben:

„Unser Traum vom Frieden ist zerbrochen. Wenn sogar auf schwangere Frauen geschossen wird, dann macht mich das einfach nur sprachlos.“

Zeruya Shalev anlässlich ihres Auftritts im Jahr 2001 in Brig

Zeruya Shalev hatte uns damals aber auch erzählt von israelischen Dörfern, in denen jüdische und arabische Kinder gemeinsam in die Schule gehen. In meiner damaligen Funktion als Präsident des Laufsportverbands Oberwallis konfrontierte ich meine sportlichen Kolleginnen und Kollegen mit einer herausfordernden Idee. Sie liessen sich begeistern für einen Friedenslauf, der von Tel Aviv über Bethlehem und Jerusalem bis wieder zurück nach Tel Aviv führte. Was sich damals so alles auf diesem Friedenslauf ereignet hatte, davon erzähle ich in meinem Roman „Im Zauber der verkleideten Worte“, der kürzlich erschienen ist.

Mit ihrem Roman „Mann und Frau“ gastierte Zeruya Shalev im Jahr 2001 in Brig. Das Werk zählte für den damaligen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki „überhaupt zum Besten, was ich je gelesen habe“. (Bild: Kurt Schnidrig)

„Nicht ich“ – dies der Titel ihres Weltbestsellers, der nun auch in deutscher Sprache erhältlich ist. „Ich lebe in einer extremen Situation, die mich fast umbringt“, sagte Zeruya Shalev bereits damals anlässlich ihres Auftritts in Brig. Und jetzt, im Jahr 2024, aufgeheizt durch die aktuell dramatische Lage in Israel, findet der Roman in deutscher Sprache auch bei uns viel Zuspruch. Der Roman „Nicht ich“ ist unter anderem „Buch des Monats“ in den Oberwalliser Buchhandlungen.

Alle ihre Träume und Alpträume finden sich im Roman „Nicht ich“ wieder. Sie widerspiegeln die ureigenen Konflikte und Ängste der Autorin. Den Roman hat sie in einem traumatisierten und rauschähnlichen Zustand geschrieben. Ohne kompositorische Linie und ohne klare Konturen. Als Leserin oder als Leser begleiten wir eine Frau, die beziehungsunfähig geworden ist, eine Frau, die ihren Mann verlässt, die von ihrem Kind getrennt wird und die sich in die Arme eines Liebhabers flüchtet. Die Protagonistin im Roman breitet ihr Seelenleben zwischen Buchdeckeln aus.

„Der Körper des Geliebten ist mit Kies gefüllt, und wenn er geht, hört man den Kies knirschen. Das Mädchen ist mit Honig und Milch gefüllt und von süsser Asche überzogen, und mein Körper besteht aus klebrigem Pappmaché und zerplatzten Luftballons.“

Zeruya Shalev in „Nicht ich“

Der Verlust von Vertrauen, Trennungsangst, Liebesschmerz und Freiheitsdrang – dies die grossen Themen im Roman. Auch aufgrund des jüngsten Terrors und der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israeli ist „Nicht ich“ eine brisante und erschütternde Lektüre einer Autorin, die gewagt und aufgewühlt ihr Innerstes preisgibt:

„(Die Erzählerin) war nicht ich, aber sie schrie (…) aus mir heraus, in einem wilden und gnadenlosen Monolog, einer Art Seelenstriptease oder Stand-up-Tragödie, mal klagend, mal Liebe erflehend, mal ihren Geliebten verhöhnend – voller Ungereimtheiten; sie griff das Publikum an und attackierte sich selbst.“

Vorwort der Autorin in „Nicht ich“, Seite 7
Hören Sie dazu den Podcast aus der Sendung Literaturwälla. (Quelle: rro / Kurt Schnidrig / Joel Bieler)

Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig