
Vor rund einem halben Jahrhundert gehörte der Schmuggel an der Schweizer Südgrenze zu Italien zum Alltag. Die Schmuggler transportierten ihre Waren auf verborgenen Wegen von der Schweiz nach Italien und umgekehrt. Viele spannende Geschichten über die Schmugglerei sind entstanden, und es lassen sich auch geschichtsträchtige Wanderungen unternehmen auf den Spuren der Schmuggler.
Im Buch „Schmuggellandschaften – Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze“, herausgegeben von Franz Ebner und Dominik Siegrist, finden sich drei Oberwalliser Schmuggler-Geschichten von Andreas Weissen und eine Unterwalliser Schmuggler-Geschichte von Stéphane Andereggen.
Andreas Weissen hat sich vor der Buchvernissage in der Buchhandlung ZAP Brig zum rro-Interview eingefunden. Das Interview führte Kurt Schnidrig.
Kurt Schnidrig: Andreas Weissen, herzlich willkommen zur Vernissage des Buches „Schmuggellandschaften – Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze“, herausgegeben wurde das Buch von Franz Ebner und Dominik Siegrist. Andreas, was war dein Beitrag für dieses Buch?
Andreas Weissen: „Ich war der Fleissigste“ (lacht). Im Buch hat es 13 Beiträge und ich habe drei davon zum Oberwallis geschrieben. Mein Kollege Stéphane Andereggen hat einen Beitrag zum Unterwallis verfasst. Es geht um den Schmuggel zwischen Graubünden, Tessin, Wallis und Italien.
Der Schmuggel zwischen Wallis und Italien ist für unsere Region ein interessantes Thema. Insbesondere zwischen Binn und Ossola soll der Schmuggel floriert haben. In der Schweiz wurde der Schmuggel nach dem Zweiten Weltkrieg sogar legalisiert und als „Export II“ bezeichnet. Was ist deine Meinung zur Legalisierung des Schmuggels?
Binn war nicht die Hochburg des Schmuggels, das grosse Schmuggler-Nest damals war Gondo-Zwischbergen. Der Name „Export II“ war ein interner Name, der in alltäglichem Gebrauch war. Der offizielle Name erscheint in einem Gesetz, das 1948 erlassen worden ist und der lautet „Ausfuhr in das Zwischengelände“. Wie ist das zu verstehen? In der Schweiz hatte man damals als Schmuggler eine Tabaksteuer zu bezahlen, damit war alles in bester Ordnung. Die einzige Auflage bestand darin, dass die Ware innerhalb von 24 Stunden aus dem Land geschafft werden musste. Nach dem Krieg handelte es sich bei der Schmuggelware vor allem um Zigaretten.
Gab es auch noch andere Waren, die – ausser Zigaretten – für die „Ausfuhr ins Zwischengelände“ gefragt waren? Was alles hatte man damals den Maultieren aufgeladen?
Es waren eigentlich die Träger, die „Spalloni“, welche die Waren transportiert haben, die Maultiere kamen nur für den Warentransport bis an die Grenze in Frage. Die „Spalloni“ waren die „Puggler“, das waren Männer, welche die Schmuggelwaren auf verrücktesten Schmuggler-Pfaden transportiert haben. In Gondo gab es beispielsweise den „Fruschière-Graben“ (Fruschièru = Schmuggeln). Der Fruschièru-Graben wurde auch „Couloir von Gondo“ genannt. Der Graben war 400 Meter lang und erforderte den 2. bis 3. Klettergrad. Die Spalloni passierten den Graben mit 30 – 38 Kilogramm Schmuggelware auf dem Buckel. Im Lombardischen Dialekt wurden die Schmuggler als „Fruschinggini“ bezeichnet, die Zöllner als „Propòschggini“.

In bestimmten Gebieten, wie etwa auf dem Grossen Sankt Bernhard, hatte man im Winter die Schmuggelware auch auf Ratracs transportiert. Es wurden Warendepots eingerichtet. Die Schmuggelware über die Grenze getragen haben jedoch immer die Italiener. Die Schweizer waren die Händler, welche die Waren besorgt haben, sie haben den Transport bis an die Grenze übernommen. In der Schweiz war die Schmugglerei legal, man hat das Schmuggeln als einen Beitrag für das Berggebiet angesehen. In Graubünden und in den Südtälern bestand die Schmuggelware vor allem aus geröstetem Kaffee. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem grüne Kaffeebohnen, die über die Grenze geschmuggelt wurden. Mit dem Schiff kamen die Kaffeebohnen nach Genua, von dort wurden sie in die Schweiz transportiert. Alphons Jordan aus Gondo hatte eine Transport-Lizenz für diese Waren, er hat sie dann auf die verschiedenen Geschäfte und Dorfläden („Magusii“) im Oberwallis verteilt. Alles lief absolut legal ab. In Gondo und im Zwischbergental wurden sogenannte „Frouschière-Boutiquen“ eröffnet. Das waren Depots, die von den Italienern aufgesucht wurden, um dort die Waren abzuholen. Dasselbe war auch im Goms festzustellen, etwa in Ulrichen, von dort führten die Schmugglerpfade über den Griesspass ins Pomatt.
Das alles hört sich abenteuerlich an. Wird das Schmuggeln heute rückblickend nicht auch etwas verherrlicht? Was ist die Botschaft des Buches „Schmuggellandschaften“? Ist mit dem Buch auch eine Aufforderung verbunden, auf den Schmugglerpfaden wandern zu gehen? Oder möchte das Buch eher einen Beitrag zur Sozialgeschichte leisten?
Bei den Schmugglern handelt es sich nicht um Helden. Wer wandern geht oder eine grosse Leistung erbringt, der prahlt nun mal hin und wieder gerne damit. Man muss aber die Geschichte der Schmugglerei aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Die Menschen, die in den besagten Tälern wohnten, besassen damals wenig oder nichts. Bis man 16 oder 17 Jahre alt war, hatte man damals keine Ausbildungsmöglichkeiten. Das Tragen von schwerer Ware, und insbesondere von schweren Packungen über die Grenze, war die beste Möglichkeit, Geld nach Hause zu bringen. Die Eltern zu Hause liessen das ganze Jahr über ihren Einkauf „anschreiben“, und als dann im Herbst ein Tier geschlachtet wurde, konnte man beim Krämer seine Schulden bezahlen, die sich während des Jahres angehäuft haben. Der Zahlungsverkehr wurde im Oberwallis auf diese Weise gehandhabt. Besonders das Saastal war damals ein einziges grosses Armenhaus. Die wenigen, die in Italien als Schmuggler verhaftet und verurteilt worden sind, das waren die Saaser (d Saasini). Verurteilungen von Menschen aus dem Saastal sind für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dokumentiert. Die Saasini waren anno dazumal derart verarmt, dass sie ihre Kinder „verdingen“ mussten. Einzig die Walser in Macugnaga, in Makanaa, verfügten über mehr finanzielle Mittel. Trotzdem war auch dieses Tal, verglichen mit italienischen Verhältnissen, ein eher verarmtes Tal. Man hat also aus der Not heraus und mangels Alternativen die Schmugglerei betrieben. Als dann in den 1950er-Jahren der Bau von Kraftwerken einsetzte, haben viele mit dem Schmuggeln aufgehört. Wer eine Arbeit im Bauwesen annahm, der konnte auch ein weniger risikoreiches Leben führen. Die Arbeit auf dem Bau war besonders in Kriegszeiten viel sicherer. Denn damals wurde für die faschistische Kriegsmiliz der Befehl ausgegeben, Menschen zu erschiessen, die illegal die Grenze überschritten. Die italienischen Grenzwächter, die „guardia di finanza“, begnügte sich hingegen lediglich damit, Warnschüsse in die Luft abzugeben. Die faschistische Kriegsmiliz jedoch erhielt den Befehl, gezielt auf Menschen zu schiessen. Es war lebensgefährlich, die Grenze zu überschreiten. Die Finanzwächter und die Schmuggler kannten sich meistens. Abends sassen sie nicht selten alle zusammen in der Wirtschaft und tranken etwas miteinander. In Italien gibt es bis bis heute noch Veteranentreffen. Die „Fruschinggini“ (Schmuggler) und die Angehörigen der guardia di finanza treffen sich beispielsweise am 12. September dieses Jahres. Schmuggler und Finanzwächter verrichten gewissenhaft ihre Arbeit und pflegen ein friedliches Auskommen miteinander.
Andreas, du hast dich bis in alle Einzelheiten in dieses Thema eingearbeitet. Wir sind gespannt auf das Buch „Schmuggellandschaften – Wege und Geschichten an der Schweizer Südgrenze“, ein Werk, an dem 13 Autorinnen und Autoren mitgearbeitet haben.
Text, Bilder und Radiosendung: Kurt Schnidrig