Wie kann man trotzdem weitergehen, wenn das Leben ins Rutschen gerät? Peter Stamms neuer Erzählband „Auf ganz dünnem Eis“

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Peter Stamm ist immer wieder mal auch zu Gast im Deutschwallis (Bild: Kurt Schnidrig)

Nach einem schwierigen und katastrophalen Jahresbeginn wartet ein neues Jahr auf uns, das so manche Herausforderungen mit sich bringen wird. Das Leben ist unvorhersehbar geworden. Wir bewegen uns auf ganz dünnem Eis. Was passiert, wenn das Leben ins Rutschen gerät? Wie kann man sich aufraffen und trotz allem weitergehen?

Das neue Buch von Peter Stamm trägt den Titel „Auf ganz dünnem Eis“. Darin versammelt der Autor neun Erzählungen, die alle von grossen menschlichen Herausforderungen und Krisen handeln.

Der Autor thematisiert beispielsweise die Einsamkeit in einer Welt, die geprägt ist von einer fortschreitenden Entfremdung. Seine Figuren sind auf der Suche nach echten Kontakten und nach Begegnungen, die ihr Leben bereichern. Stellvertretend etwa die Erzählung mit dem Titel „Wintern“, in der Peter Stamm die Einsamkeit des letzten Überlebenden einer neuen Eiszeit beschreibt.

Hoffnung und Zuversicht in Stamms Erzählungen vermitteln jeweils die neuen Anfänge. Aufgeben geht nicht, weitergehen ist angesagt. Bei der Lektüre von Peter Stamms Erzählband habe ich mich unwillkürlich an die zauberhaften Zeilen aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse erinnert. Wie wundervoll eignen sie sich doch auch für den schwierigen, dramatischen und tragischen Beginn des noch jungen neuen Jahres: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

In Peter Stamms Erzählband «Auf ganz dünnem Eis» müssen sich die Protagonisten immer wieder mal neu erfinden. Nicht selten nimmt dabei das Leben eine ungeahnte Wendung, und es ergeben sich Möglichkeiten, die man bis anhin kaum für möglich gehalten hätte. Dann etwa, wenn ein junger Mann im Keller seines Elternhauses eine Marsmission simuliert.

Peter Stamm ist im Deutschwallis ein immer wieder gern gesehener Gast, sei es am Literaturfestival Leukerbad oder in der Buchhandlung ZAP in Brig. Peter Stamm versteht sich glänzend darauf, komplexe menschliche Emotionen und Beziehungen auf wenigen Seiten zu erfassen. In seinen Erzählungen findet sich auch immer das Ungewohnte, das Aussergewöhnliche, ja auch das Unheimliche. Dies eine Aufforderung an die Leserschaft, eigene Gedanken anzustellen über die inneren Konflikte und über die Motivationen der Figuren in den Geschichten.

Peter Stamm: «Auf ganz dünnem Eis». 192 Seiten. S. Fischer, 2025

Die Erzählungen in Stamms neuem Werk «Auf ganz dünnem Eis» sind kunstvoll, doppelbödig und überraschend. Sie erlauben ein tiefgehendes Leseerlebnis, das zum Weiterdenken einlädt.

Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig