Wie anno dazumal: Literarisches aus der Alphütte „Nagulschbalmu“ auf der Riederalp

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In der Alphütte «Nagulschbalmu» auf der Riederalp erzählt Roberta Brigger Geschichten und freut sich auf ein aussergewöhnliches Jubiläum (Bild: Kurt Schnidrig)

Roberta Brigger ist die Betreuerin des Alpmuseums auf der Riederalp. Der «Verein 1606 Alpmuseum» ist Initiator und Betreiber. Mit traditionsreichen Veranstaltungen ermöglicht der Verein allen Interessierten, auch heute noch ein Stück weit den Alltag auf einer Alp zu erleben. Wie wars an Heilig Abend? Wir blicken zurück.

Es ist 15 Uhr vor Heilig Abend. Das Alpmuseum mit dem Stall ist offen, wir treten ein und stehen vor einer liebevoll aufgebauten Weihnachtskrippe mit den seit alters her bekannten und lebensecht nachgebildeten Krippenfiguren in einer weihnachtlichen Szenerie, dargestellt genauso wie sie sich zu Christi Geburt auf den Feldern von Bethlehem zugetragen haben mag. Roberta Brigger bittet uns zu sich in die altehrwürdige Stube und bewirtet uns mit einer Tasse dampfenden Tees. Roberta bittet uns in den Stall. Familien mit Kindern sitzen bereits erwartungsvoll im Kreis.

Urgemütliche Stimmung zusammen mit Gästen in der Alphütte bei Erzählerin und Gastgeberin Roberta Brigger.

Als es endlich ganz still geworden ist, öffnet die Erzählerin das Buch und liest in gesetzten Worten die Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelium des Lukas. Roberta erzählt von der Geburt Jesu, den Hirten und der Ankunft des Engels, der die frohe Botschaft verkündet. Dann schliesst sie das Buch und bittet uns alle in die gute Stube. Sie füllt unsere Tassen mit schäumender Schokoladen-Milch. Mit friedvollen Gesprächen lassen wir den Tag ausklingen.

Verzicht auf moderne Technik

Nein, ein „aufpeppen“ der Erzählungen mit modernen Einsprengseln, nein, das kommt Roberta Brigger nicht unter. Bei ihr soll alles noch so sein, wie es früher mal war. Ein einziges Licht in ihrer trauten Alphütte brennt mit Strom, alle übrigen Lichter leuchten ohne Strom. „Ich kann gut auf die moderne Technik verzichten“, sagt Roberta Brigger stolz. „Im Stall soll alles so sein wie früher. Besonders zur Weihnachtszeit ist alles so wie damals, als das Christuskind in einem Stall zu Bethlehem auf die Welt gekommen ist. Im Stall finden sich einzig „Barmä“, Fresskrippen für den Esel und die vielen anderen Tiere. „Das habe ich alles noch aus meiner eigenen Kindheit in Erinnerung behalten“, sinniert Roberta vor sich hin, „der Geruch von Heu und Stroh, das alles ist noch authentisch, so wie früher.“ 

Einheimisches Erzählgut

„Persönlich liebe ich die Sagen über alles, und die Menschen freuen sich sehr, wenn ich erzähle“, sagt Roberta Brigger. Die Sagen würde sie oftmals etwas anpassen, verrät sie, sodass sie auch für die Riederalp stimmig seien. Besonders wenn sich Kinder im Publikum befinden, achte sie auf kindgerechte Erzählungen, denn das Erzählgut sei oftmals nicht frei von Grausamkeiten und angsteinflössenden Szenen.

Im Gespräch mit Roberta Brigger in der guten Stube ihrer Alphütte.

Später im Februar lädt Roberta auch zu Strick-Nachmittagen in ihre gute Stube ein. „Zusammen können wir lismen, groschinu und biezu zu flotten Geschichten“, schmunzelt sie. Das seien dann urgemütliche Nachmittage mit Kuchen und Kaffee. Ebenfalls im Februar trifft man sich in der Alphütte zum Abusitz, einem Hängert mit Musik, frohem Zusammensein und Spiis wie Käse und Brot. Die Geschichten handeln von den Alpen, von den Bauern und vom Leben in der Bergwelt anno dazumal.

Roberta Brigger bringt gekonnt auch einheimische Literatur unter die Leute. Immer bereitet sie die Geschichten publikumsgerecht auf und liest sie im heimeligen Stall vor. Zuweilen begleiten befreundete Flötistinnen ihre Erzählungen musikalisch. Mit handgefertigten Figuren schafft Roberta eine motivierende Szenerie zu ihren Geschichten.

420-Jahre-Jubiläum

Roberta Brigger ist seit dem Jahr 2013 die Betreuerin des Alpmuseums, das am 13./14. Juni 2026 ein wohlverdientes und aussergewöhnliches Jubiläum feiern kann. Ein grosses Fest  steht somit Mitte Juni bevor. Die Alphütte steht sage und schreibe bereits 420 Jahre. „Einzig das Dach haben wir inzwischen neu gedeckt und im Museum haben wir Licht und Wasser installiert, ansonsten ist alles noch original geblieben, so, wie es bereits vor 420 Jahren war“, erklärt Roberta Brigger.

Bevor Roberta Brigger die Betreuung des Alpmuseumns übernommen hatte, waren es immer „gute Geister“ des Vereins Alpmuseum Nagulschbalma, die das Alpmuseum geführt hatten. In den Jahren 1982/83 hatten sich ein paar Männer von der Riederalp zusammengetan und beschlossen, einen Verein zu gründen, um Brauchtum und Kultur unters Volk zu bringen. Seither haben sich immer wieder Einheimische zur Verfügung gestellt, die das Schaukäsen angeboten haben, Frauen aus dem Dorf haben gebuttert, Ortskundige haben Führungen angeboten und vieles mehr.

Für das 420-Jahre-Jubiläum hat der Verein „Alpmuseum Nagulschbalma“ bereits vieles angedacht und vorbereitet. „Wir stellen eine Infrastruktur her, bereiten Geschenke vor, planen die Werbung und vieles mehr“, freut sich Roberta Brigger. Und sie ergänzt: „Was mir persönlich am Herzen liegt: Am Jubiläums-Sonntag soll bei der Alphütte eine Messe gelesen werden. Ich versuchte mit allen Mitteln einen Pfarrer zu finden, der hier oben in der Alphütte eine Messe liest, das ist mir nun gelungen. Es wird eine wunderschöne Jodelmesse geben. Anschliessend werden verschiedene Musikantinnen und Musikanten zum Feldtanz aufspielen. Dazu werden wir auch einen Festbetrieb aufziehen mit feinem Essen und Trinken.“

Mundart-Schriftstellerin Lerjen-Sarbach

Passend zum Jubiläum wird die bekannte Oberwalliser Mundartschriftstellerin Bernadette Lerjen-Sarbach am 13. Juni, am Jubiläums-Kulturnachmittag, Gedichte vortragen und aus ihren Büchern erzählen. „Ich habe Frau Lerjen-Sarbach immer in wundervoller Erinnerung behalten, und ich freue mich sehr auf das Wiedersehen mit ihr nach so vielen Jahren“, freut sich Roberta Brigger.

Mit ihr dürfen sich auch alle Freundinnen und Freunde von einheimischer Mundartliteratur auf den Auftritt der Schriftstellerin Bernadette Lerjen-Sarbach freuen. Für all jene, die sich bereits in Vorfreude etwas einlesen möchten, seien hier ihre prächtigen Bücher in Erinnerung gerufen:

  • «Dr Böim lacht»: Gedichte 2004-2009: Schriftdeutsch und in Walliser Mundart, Davos: Walservereinigung Graubünden, 2009.
  • «Di Poort wäri offni»: Gedichte 1999-2003, Splügen: Walservereinigung Graubünden, 2004.
  • «En anneri Farb»: alte und neue Texte, Splügen: Walservereinigung Graubünden, 2000.
  • «Mamma Lawasch»: Blick in eine Kindheit, Visp: Rotten Verlag, 2000.
  • «Ich ha mi geschter im Schaufenschter gsee», Aarau: Sauerländer, 1992.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien auch auf pomona.media/rro und im Online-Portal der Zeitung „Walliser Bote“ unter „Kultur“. Text und Bilder: Kurt Schnidrig.