
Auf dem Weg zu einer diskriminierungsfreien, inklusiven Erziehung soll moderne Jugendliteratur Stereotype hinterfragen und den Blick öffnen für eine grosse Vielfalt an Lebensformen.
Inklusion ist ein menschenrechtliches Prinzip, das bedeutet, dass alle Menschen mit all ihren Unterschieden gleichberechtigt mitmachen können. Auch LGBTIQ+ Themen müssten sich wie selbstverständlich in den Schulalltag integrieren lassen. Geeignete Kinder- und Jugendliteratur soll dabei zielführend sein.
Der Shootingstar, der vor vier Jahren erstmals literarisch gegen eine tabuisierte Lebensweise angetreten ist, heisst Kim de l’Horizon. Nach dem deutschen Buchpreis wurde er auch mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Gesellschaftspolitisch hat er mit seinem «Blutbuch» wohl unbewusst auch pädagogische Begehrlichkeiten geweckt.
Das „Blutbuch“ war ein hoch interessantes Debüt. Autor Kim de l’Horizon hatte zwölf Jahre seines Lebens ins Schreiben dieses Buches investiert. Er hat viel Persönliches, auch viel Erlittenes und Erlebtes, da mit hinein verpackt. Der Mensch Kim de l’Horizon fühlt sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig. Für die moderne Literaturkritik gilt nicht erst seither, besonders aber seit dem literarischen Coming-out von Kim de l’Horizon, bereits die blosse Repräsentanz von marginalisierten Gruppen als Qualitäts-Merkmal.
Unzählige Bücher bewirtschaften seither die Problematik von non-binären Personen, die sich in einer durch und durch binaritäts-fixierten Welt zurechtfinden müssen. Subthemen lassen sich jedoch auch finden, so etwa die Stellung der Frau in der modernen Gesellschaft oder die Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Klassen.
Geschlechtliche Vielfalt an unseren Schulen
Das gesellschaftliche Interesse an geschlechtlicher Vielfalt hat in den letzten Jahren stark zugenommen und Geschlechterfragen gehören aktuell zu den drängendsten Fragen unserer Zeit. Zu Intergeschlechtlichkeit gibt es erst seit Kurzem wissenschaftliche Studien. Erst seit der Studie über Geschlechtliche Vielfalt an Schweizer Schulen (GeViSS), im Jahr 2024 an der Pädagogischen Hochschule Bern erschienen, ist einigermassen bekannt, was (angehende) Lehrpersonen und Auszubildende über Trans wissen und wie sie trans Menschen gegenüber eingestellt sind. Die GeViSS Studie leistet damit einen wichtigen Beitrag für fundierte Erkenntnisse über die sozialen Einstellungen gegenüber Trans und Intergeschlechtlichkeit im Schulkontext.
In Bilderbüchern, Kinder- und Jugendromanen sowie Comics finden Kinder und Jugendliche Identifikationsfiguren und Vorbilder. Sie können in unterschiedliche Lebensformen hineinblicken. Bücher zeigen Kindern und Jugendlichen eine Welt, die nicht durch starre Geschlechter-Zuschreibungen geprägt ist.
Stufengerechte Jugendliteratur
Nachfolgend einige Empfehlungen. Die Personen in diesen Büchern zeigen eine Breite an Handlungsmöglichkeiten, ungeachtet ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung.
Für Teenager sei der Roman «Orlando» empfohlen. Die Autorin Susanne Kuhlendahl hat eine Erzählung von Virginia Woolf in eine bissige Gesellschaftssatire über Geschlechterrollen umgewandelt. Der junge Orlando wacht eines Morgens als Frau auf. Er lernt die Vor- und Nachteile beider Geschlechter kennen und wie er sie für sich nutzen kann. Der komplexe Text von Virginia Woolf erscheint nun in moderner Aufbereitung als Graphic Novel (Helvetiq 2025; 208 Seiten.)
Im Buch «trans* – Don’t judge my journey» von Beate Lakotta (Text) / Walter Schels (Fotos) berichten Jugendliche und junge Erwachsene in neun Kapiteln von ihrer Transgeschlechtlichkeit, einige über mehrere Jahre hinweg. Die persönlichen Lebensgeschichten fördern das Verständnis für die emotionalen und sozialen Herausforderungen, mit denen Transmenschen konfrontiert sind (Gabriel 2025; 208 Seiten.)
In «Queer Kids» von Christina Caprez (Text) / Judith Schönenberger (Fotografie) erzählen 15 Schweizer Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren. Sie berichten über die Selbstfindung als non-binärer, trans oder homosexueller Mensch in der Stadt oder auf dem Land, über das Coming-out vor den Eltern und in der Schule sowie über Orte, an denen sie Gemeinschaft spüren. Sie berichten aber auch von fehlender Akzeptanz und Mobbing. (Limmat 2024; 240 Seiten.)
«GENDERQUEER» ist eine nichtbinäre Autobiografie von Maia Kobabe. Maia fühlt sich weder als Junge noch als Mädchen. Wie kann Maia anderen erklären, was das bedeutet? Die autobiografische Graphic Novel erzählt auf sensible und einfühlsame Weise vom Weg zur non-binären, asexuellen Identität. Mit dem Einblick in die eigene Geschichte regt Maia Kobabe zugleich zum Austausch über Geschlechtsidentität an. (Reprodukt 2024; 239 Seiten.)
Im Buch «Korianderkuss» von Antje Herden fühlt sich Rosa einsam und unverstanden, seit ihre beste Freundin einen Freund hat. Während alle nur zu interessieren scheint, welchem Geschlecht sie Kim zuordnen können, spürt Rosa: Sie ist einfach in den Menschen Kim verliebt. Im Roman erzählt sie davon, wie schön, schwierig und spannend das ist. (Tulipan; 2024; 176 Seiten)
Kinder- und Jugendmedien mit vielfältigen Geschlechterrollen werden zurzeit für unsere Schulen aufbereitet. Anbieter sind beispielsweise das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM sowie die PBZ Pestalozzi-Bibliothek. Praxiserprobte Materialien für den Unterricht, didaktische Hinweise und wichtige Links zu den Themen Vielfalt, Geschlecht und sexuelle Orientierung für Erziehende und Lehrpersonen liegen auf. Die Sammlungen umfassen Arbeitsblätter, Projektideen, Hintergrundtexte und Handreichungen, die sich direkt im Unterricht einsetzen oder zur Vorbereitung nutzen lassen.
Hinweis: Dieser Beitrag erschien auch auf pomona.media/rro und im Online-Portal der Zeitung „Walliser Bote“ unter „Kultur“. Text und Bild: Kurt Schnidrig