Der „Literatur-Hängert“ im Juni 2026: Andreas Zurbriggen blickt auf bewegte Zeiten im Internat des Kollegiums Spiritus Sanctus zurück

Applaus von Staatsratspräsident Christophe Darbellay für Andreas Zurbriggen und sein Buch „Internat Kollegium Spiritus Sanctus. Streifzug durch fünf Jahrhunderte“ (Bild: Kurt Schnidrig)

Der Komponist, Musikpublizist, Journalist und Autor Andreas Zurbriggen nimmt uns mit auf einen Streifzug durch fünf Jahrhunderte im Internat des Kollegiums Spiritus Sanctus. Viele ehemalige Oberwalliser Studierende haben im Internat des Kollegiums studiert, gelacht, gelitten und geträumt. Viele Legenden ranken sich um das Internatsleben im Briger Kollegium. Im „Literatur-Hängert“ blickt Autor Andreas Zurbriggen zusammen mit dem Literaturexperten Kurt Schnidrig zurück auf Internatsgeschichten von den Anfängen bis in die Gegenwart.

„Hängert“ mit Andreas Zurbriggen:

(Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit im Originalton und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro)

Kurt Schnidrig: „Internat Kollegium Spiritus Sanctus – ein Streifzug durch fünf Jahrhunderte“, so heisst dein Buch. Herzlich willkommen zum „Literatur-Hängert“, Andreas Zurbriggen. Wie bist du auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?

Andreas Zurbriggen: Den Anstoss für das Buch hatte der Rektor Gerhard Schmidt gegeben. Er hatte den guten Riecher, dass jetzt der Moment günstig ist, um all diese Internats-Geschichten noch rekonstruieren zu können. Denn die Zeitzeugen sind noch da, die das alte Internat damals erlebt haben, die Schlafsäle, die klösterliche Strenge. Der Rektor kam auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, ein Buch über die Internatsgeschichte zu schreiben. Das habe ich gerne getan.

Du gehst mit deinen Recherchen recht weit zurück, bis ins 17. Jahrhundert. Wie hat das alles mit dem Kollegium und mit dem Internat angefangen? Könntest du für unsere Hörer:innen eine kurze Zusammenfassung geben?

Die Geschichte des Kollegiums und des Internats nahm ihren Anfang in der Zeit der Reformation, die schon bis Leuk vorangekommen war. Der Bischof von Sitten hatte damals an den heiligen Franz von Sales einen Brief geschrieben mit der Frage, wie das weitere Vorgehen nun aussehen könnte. Franz von Sales empfahl, ein paar Jesuiten ins Wallis zu holen, um vielleicht die Reformation noch aufhalten zu können. Die Jesuiten waren dann auch tatsächlich ein paar Jahre im Wallis, wurden in der Folge aber vertrieben. Es war dann Kaspar Stockalper, der die Jesuiten endgültig nach Brig gelockt hatte. Er hatte ihnen Boden gegeben, worauf sie das Kollegium bauen konnten, zur gleichen Zeit entstand auch das Internat.

Was wir auch heute noch vom Jesuiten-Orden wissen: Es waren wohl sehr strenge Ordensmänner. Was hatte man anno dazumal als Studierender (es waren ja ausschliesslich Männer) erdulden müssen?

Der Jesuitenorden hatte europaweit Schulen aufgebaut. In all diesen Schulen herrschte eine jesuitische Strenge. Die „Ratio Studiorum“ war die jesuitische Unterrichtsmethode. Da gab es Tage, da wurde sehr viel repetiert, dann gab es auch Tage, die der Freizeit vorbehalten waren. Damals gab es auch die Regel, dass die jungen Männer in Zweierkolonne durch das Internat und in die Kirche hatten laufen müssen. Erstaunlich ist, dass diese Regeln bis in die 1960er-Jahre überlebt haben. Die Strenge der Jesuiten hat sich tatsächlich bis ungefähr 1960 in den Räumlichkeiten des Kollegiums gehalten.

Ich kann mir vorstellen, dass dem Wort „Freiheit“ in diesem Rahmen eine ganz besondere Bedeutung zukam. Die Studierenden mussten wohl um die wenigen persönlichen Freiheiten kämpfen?

Das Wort „Freiheit“ hatten die Internats-Studenten wohl erst in den 1960er-Jahren für sich entdeckt. Sie haben sich ihre Freiheit auch erkämpft. Ich beschreibe in meinem Buch, wie die ersten Internats-Schüler sich in gewissen Angelegenheiten verweigert haben. Aber dazu möchte ich nicht allzu viel verraten…

Natürlich wollen wir hier im „Literatur-Hängert“ nicht allzu viel verraten. Gerne empfehlen wir die Lektüre deines Buches. Du richtest den Fokus in deinem Buch aber schon vorwiegend auf die siebzig vergangenen Jahre? Haben die 1968er-Unruhen hier in der Provinz, im Kollegium, auch ihre Spuren hinterlassen?

Auf jeden Fall. Angefangen hatte das so um 1967, da begannen sich Internats-Schüler zu wehren gegen das strenge und strikt regulierte Tagesprogramm. Sie versuchten sich verschiedene Freiheiten zu erkämpfen. Die Welle der Rebellion schwappte dann auch auf das Kollegium über. Einige Studenten erbauten sogar ein Mausoleum für den Rektor, es wurde auch ein Schülerrat ins Leben gerufen. Auch im Internat entstanden Komitees, welche die Mitbestimmung ermöglichten.

Persönlich hatte ich ja diese rebellischen Zeiten am Kollegium auch miterlebt. Damals hatte sich ja auch die Zeitschrift „Reflex“ einen Namen geschaffen…

Das war tatsächlich eine spannende Zeit. Bei den Recherchen bin ich auf verschiedene Ausgaben dieser Schülerzeitung gestossen. Da wurden interessante Alltagsgeschichten auch aus dem Internat wiedergegeben. Darin finden sich zudem gute Quellen mit den Jahresberichten des Rektors. Im „Reflex“ griffen Studierende, Professoren und auch der Rektor zur Feder. Das Themenspektrum war sehr breit. Es reichte von Artikeln über die Güte des Frühstücks, wie der Kaffee gemundet hat, bis zu kritischen Texten, die beispielsweise die fehlenden Aufenthaltsräume anprangerten. Der „Reflex“ war eine sehr kritische Zeitschrift. Zuweilen erhielt der Rektor das Recht, eine Gegendarstellung zu schreiben. Nicht alle Artikel handelten jedoch vom Kollegium. In der damaligen sehr politischen Zeit haben sich die Studierenden auch sehr kritisch zum weltweiten Zeitgeschehen geäussert.

In den 1970er-Jahren wurde seitens der Schülerschaft mehr Mitbestimmung eingefordert. Wie gestaltete sich dieser Kampf um mehr Mitbestimmungsrecht am Kollegium?

Rektor Albert Carlen hatte erkannt, dass nun eine Zeit des Wandels angebrochen war. In weiser Voraussicht hatte er der Schülerschaft, auch im Internat, mehr Mitbestimmungsrecht zugestanden. Der Schülerrat war sehr kritisch unterwegs, die Mitbestimmung im Internat hingegen gestaltete sich eher „auf Augenhöhe“. Im Internat war die Mitbestimmung weniger konfliktreich als beim Schülerrat im Kollegium. In den 1980er-Jahren gab es Aktionsgruppen, die sich für die Mitbestimmung einsetzten. Im Internat jedoch brauchten die Studenten nicht zu kämpfen für mehr Mitbestimmung, diese wurde vom Rektor recht grosszügig gewährt.

Wie fällt der Vergleich bezüglich der Rechte für die Studierenden am Kollegium Brig im nationalen Vergleich aus? War das Kollegium Brig vielleicht sogar tonangebend oder hinkte man hinterher, was die Rechte für die Studierenden anbelangt?

Das Internat ist mit Sicherheit immer ein Spiegel des gesellschaftlichen Lebens. Aus diesem Grund glaube ich, dass das Leben im Kollegium irgendwie auch ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Lebens im Wallis war. Als in den 1960er-Jahren eine Zeit des Umbruchs kam, hat auch das Kollegium Brig einen grossen Wandel mitgemacht. Dies vor allem in den 1970er-Jahren, als der Neubau errichtet wurde. War zuvor im Internat fast ein wenig eine „Gefängnis-Atmosphäre“ festzustellen, hat sich das nun stark verändert. Europaweit war dieser Umschwung im gesellschaftlichen Leben festzustellen. Das war wohl am Kollegium Brig nicht anders als andernorts auch.

Am Kollegium Brig war ja seit jeher die Studentenverbindung Brigensis aktiv. Wie war deiner Meinung nach das Selbstverständnis der Brigenser? Konnten sie etwas bewirken oder war die Brigensis eher ein gesellschaftlich ausgerichteter Verein?

Die Brigensis hat sehr viel zum Kollegiumsleben beigetragen. Die Studentenverbindung wartete mit Veranstaltungen auf. Die Studierenden im Internat waren auch immer sehr gerne in der Brigensis, weil sie bei den Anlässen der Brigensis den rigiden Tagesablauf etwas aufmischen konnten. In der Verbindung liessen sich die Tagesstrukturen aufbrechen. Die Brigenser trafen sich im Brigensis-Stamm. Die Brigensis war eng verzahnt mit dem Internat. In den 1980er-Jahren fanden die Kommerse der Brigensis auch manchmal im Internatskeller statt. Die Geschichte der Brigensis ist stark verknüpft mit dem Internat des Kollegiums.

Die Internen kamen wohl vor allem aus den Seitentälern. Wie schätzst du die Beziehungen und Verbindungen ein, die im Internat entstanden? Hatten Sie auch beigetragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt des gesamten Oberwallis?

Die Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Oberwallis ist immens. Persönlich war ich selber im Internat, zwischen 2001 und 2006. Es war damals eine wunderbare Stimmung festzustellen. Studenten aus allen Seitentälern fanden sich im Internat zusammen. Sie haben ihre Eigenarten beibehalten und trotzdem war der Zusammenhalt grossartig.

Im Internat haben sich auch alle möglichen Geschichten ereignet. In deinem Buch hast du einige davon aus der Erinnerung heraus wiedergegeben. Wollen wir hier im Literatur-Hängert das eine oder andere legendäre Vorkommnis preisgeben?

Der Mythos „Burgaufnahme“ war sehr zentral für die gesamte Internatsgeschichte. Wer von der Unterstufe in die Oberstufe kam, musste einen Initiationsritus über sich ergehen lassen. Dieser Brauch hat sehr lange überlebt, sogar bis in die Corona-Zeit hinein. Der Brauch hat sich aber mit der Zeit gewandelt. Zuweilen ist der Brauch auch etwas ausgeartet, man musste teils recht unschöne Dinge über sich ergehen lassen. Der Präfekt versuchte dann, diesen traditionellen Initiationsritus wieder in den Griff zu bekommen. Der Mythos „Burgaufnahme“ blieb aber immer stark verknüpft mit der Internatsgeschichte.

Andreas Zurbriggen, eigentlich gibt es ja nicht eine Internatsgeschichte, es gibt Internatsgeschichten. Zu den Geschichten gehören viele junge Menschen, die hier im Internat gelernt, gelitten und sich gefreut haben. Wie bist du an diese Geschichten herangekommen? Wie hast du die Protagonisten dieser Geschichten nach langer Zeit noch gefunden? Und waren sie gerne bereit, über ihre Zeit im Internat zu sprechen?

Ich hatte das Glück, viele schöne Gespräche führen zu dürfen. Eineinhalb Jahre habe ich an meinem Buch gearbeitet. Während dieser Zeit habe ich mit mehr als siebzig Ehemaligen diskutiert. Einige dieser Gespräche haben mehrere Stunden gedauert. Erstaunlich ist, wie unterschiedlich die Erinnerungen der ehemaligen Internatsschülerinnen und -schüler sind. Bei jungen Menschen, die zur gleichen Zeit im Internat gelebt haben, sind teils recht unterschiedliche Wahrnehmungen festzustellen. Es ist eine wichtige Erkenntnis, wie subjektiv die Wirklichkeit im Internat wahrgenommen wurde.

Ich kann mir vorstellen, dass auch Freundschaften und Beziehungen entstanden sind, die ein Leben lang hielten und vielleicht immer noch halten?

Das ist auf jeden Fall so. Besonders mit den Kollegen, mit denen man das Zimmer geteilt hat, bleibt man lebenslang verbunden, das habe ich auch aus eigener Erfahrung erlebt. Man lebt ja im Internat über lange Zeit auf engstem Raum zusammen, man teilt das Leben, man teilt Freud und Leid. Auf diese Weise sind sehr viele grossartige Freundschaften entstanden, die bis heute Bestand haben.

Anlässlich der Buchvernissage trafen sich ehemalige Studierende und berichteten unter den Augen von Staatsratspräsident Christophe Darbellay von ihrem damaligen Internatsleben (Bild: Kurt Schnidrig)

Andreas Zurbriggen, eine persönliche Frage an dich: Auch du warst hier im Internat einer der „Zöglinge“. Wie denkst du an deine Zeit im Internat zurück? Hermann Hesse hatte geschrieben, er lege jeweils einen goldenen Rahmen um seine Erinnerungen. Ergeht es dir ähnlich mit deinen Erinnerungen? Welche Gefühle kommen bei dir hoch, wenn du an deine Zeit im Internat denkst?

Bei mir kommen durchwegs sehr schöne Gefühle hoch, wenn ich an meine Zeit im Internat zurückdenke. Es war eine unglaubliche schöne, aber auch intensive Zeit. In den Jahren zwischen dem 15. und dem 20. Lebensjahr entwickeln wir uns alle ja sehr viel weiter. Ich erinnere mich auch an tolle Mitstudenten, die mit mir das Internatsleben geteilt haben. Man ging miteinander sehr wohlwollend um, man hat einander unterstützt, jeder hat so seine Passionen gepflegt. Persönlich hatte ich in dieser Zeit viel musiziert. Das Internat wurde mit strenger Hand geführt, die Freiheiten musste man sich erkämpfen. So sind wir beispielsweise manchmal über die Kollegiumsmauern geklettert, um nach Brig ins Kino zu gehen. So hatte alles seine Magie und seinen Reiz, weil man es sich verdienen musste.

Du bist heute als Komponist musikalisch tätig, du bist aber auch literarisch tätig, du bist sehr vielseitig unterwegs. Ist der Boden dazu, das Fundament, zu deinen künstlerischen Betätigungen vielleicht auch schon damals im Internat gelegt worden?

Auf jeden Fall. Es war damals eine inspirierende Zeit und das Zusammenleben mit motivierenden Menschen hat bestimmt dazu beigetragen. Inspirierend war auch das Leben hier in diesem historischen Gebäude mit dem Kreuzgang. In der Hauskapelle habe ich häufig meiner Musik gefrönt. Das gesamte Umfeld damals hat mich unterstützt, dafür bin ich heute noch dem Kollegium und insbesondere dem Internat dankbar.

Andreas Zurbriggen, richten wir unseren Blick noch auf die Aktualität, auf die Gegenwart. Wie hat sich das Internat weiterentwickelt? Wie siehst du die Zukunft des Internats?

Ich habe vor zwanzig Jahren die Matura abgelegt, seither hat sich alles gewandelt. Es sind jetzt nicht mehr hauptsächlich junge Menschen aus den Seitentälern, die im Internat leben. Vielmehr sind es heute Sportlerinnen und Sportler. Zudem leben auch recht viele Romands im Internat, es wird häufig Französisch gesprochen. Zurzeit wird das Gebäude aus den 1970er-Jahren umgebaut. Die Architektur geht in Richtung Wohngemeinschaft und in Richtung Appartement. Auch viele andere Bauteile des Internats wurden renoviert. Aus all diesen Gründen sehe ich eine rosige Zukunft für das Internat. In einer Gemeinschaft zu leben, zu wachsen und zu gedeihen, all dies bietet nur ein Internat.

Das alles hört sich sehr positiv und rosig an. Trotzdem noch die Frage: Was würdest du als Kenner und als Autor eines Buches über das Internat den heutigen Internatsleiter:innen empfehlen oder nahelegen? Was könnte im Internat des Kollegiums Spiritus Sanctus in Brig noch vermehrt berücksichtigt oder ins Leben gerufen werden?

Als man in den 1970er-Jahren den Internats-Neubau plante, hätte man eigentlich im Dachstock 25 Musikzimmer einrichten wollen. Das habe ich immer sehr vermisst: Den Internatsschülerinnen und -schülern stehen relativ wenige Musikzimmer zur Verfügung. Wenn man heute ein paar zusätzliche Räumlichkeiten mit Klavieren ausrüsten könnte, das wäre schon sehr schön.

Vielen herzlichen Dank, Andreas Zurbriggen, gerne empfehlen wir dein reich bebildertes und hoch interessantes Buch von Herzen. Wer jemals das Kollegium Brig besuchte, wird dein Buch bestimmt mit grossem Gewinn lesen und in Erinnerungen schwelgen.

An der Vernissage des Buches „Internat Kollegium Spiritus Sanctus“ berichtete Andreas Zurbriggen (links) von seinen Recherchen, während Staatsratspräsident Christophe Darbellay bereits mit viel Interesse in Zurbriggens neuem Werk blätterte (Bild: Kurt Schnidrig)

Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro  

Text, Bilder, Hängert und Radiosendung: Kurt Schnidrig