Eine literarische Reise mit Bernadette Lerjen-Sarbach und ein Werkstattgespräch über ihr Buchprojekt „Öi nimme d Jungschta“

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Die Mundartschriftstellerin Bernadette Lerjen-Sarbach mit Kurt Schnidrig am Kulturnachmittag im Alpmuseum auf der Riederalp. (Quelle: Alpmuseum)

«Nein, auf der Riederalp sei sie bisher doch noch nie aufgetreten», lacht Bernadette Lerjen-Sarbach, als ich sie in Visp abhole. Sie wartet auf einem «Hängertu-Bankji» auf mich. In ihrer Tasche eine Sammlung von Kurztexten, die in diesem Sommer in Buchform erscheinen sollen. Neugierig geworden, erkundige ich mich nach dem Titel ihres Buchprojekts. «Öi nimme d Jungschta. Äs Achti vor dum Nulli», flüstert die Autorin und steckt mir Auszüge aus ihrem Manuskript zu.

Von Roberta Brigger, der Betreuerin des Alpmuseums, hatten wir beide uns auf die Riederalp lotsen lassen, um das Jubiläum der Alphütte Nagulschbalmu mit einem Kulturnachmittag zu bereichern.

In einer Kabine der Gondelbahn hinauf auf die Riederalp finden wir Zeit und Musse, unseren Auftritt zu besprechen. Es sei eine Sammlung von Kurztexten, meistens Gedankensplitter, hauptsächlich in Wallisertitsch, die sie präsentieren werde, fasst Bernadette Lerjen-Sarbach zusammen. Und ja, auch etwas Schriftdeutsches sei mit dabei. Und eben auch bereits etwas aus ihrem neuen Buchprojekt «Öi nimme d Jungschta. Äs Achti vor dum Nulli.»

Ob sie mir ein Müsterchen aus ihrer neuen Sammlung zum Verkosten geben könne? Da muss die Mundart-Schriftstellerin nicht lange überlegen. Sie zitiert: 

«Ubr achtzig.Bi immer nu Schieleri / machu immer nu Hüsüfgabä / zalu immer nu Lehrgäld / ha nu längscht nit alles kapiert.»

Und die Schriftstellerin verrät in «A la Bernadette», was ein gesundes Alter immer noch ermöglicht: «Ich schpilu nu Klaviär / liisli / dass i niemer schteeru / langsam / dass i gnüeg Ziit ha / di neetigu Taschtä z verwitschu».  

«Das Altern» bietet der Autorin neue Möglichkeiten: «Das Äussere schrumpft / Das Innere kann sich noch weiten». Trotzdem sind es die leidigen «Präschtä», die Wehwehchen, die einem schon mal das Altern vermiesen können: «Äs paar Bubini / äs paar Pillini / Schprizzä ins Öig / im Gsicht än Naarba / Was willt? / Jedes Jahr verlangt schiinä Tribut.»

Für die Mundart-Schriftstellerin ist ihr Leben rückblickend ein «Söörfu dur miini Landschaft». Beim «Söörfu» erhellen die Leuchttürme ihres Lebens und ihre Arbeit als Kindergärtnerin die Vergangenheit, wie folgender Ausschnitt belegt:

Ämbri in d Chindheit / ämüecha in d Schüelzit / veruber in ds Inschtitut / ämacha ze miine Chinderschieler / ämbrüf in d Hochziitsreis / näbudra an än Familitisch / (…) / obschi in d erscht Läsig…

Bernadette fasst ihr spannendes und erfahrungsreiches Leben kurz und bündig zusammen:

«Miinä root Fadu.Nigs Grads / eener äs Gwätschel / mit Chnepf».

Den «roten Faden» in Bernadette Lerjen-Sarbachs Leben wollen wir gerne etwas zurückspulen. In Ingenbohl im Kanton Schwyz hatte sie die Ausbildung zur Kindergärtnerin genossen und dann vier Jahre lang in ihrem Heimatdorf Visp auf diesem Beruf gearbeitet. 1966 hatte sie ihre grosse Liebe geheiratet, den Kulturingenieur ETH und Geometer Johann-Josef Lerjen. Weil er seit 1973 auf dem Bündner Meliorations- und Vermessungsamt in Chur eine Anstellung gefunden hatte, ist die Familie von Visp nach Zizers gezogen, wo Bernadette Lerjen-Sarbach heute noch ihren Wohnsitz hat.

Herzlich willkommen geheissen auf der Riederalp von Roberta Brigger: Die Mundart-Schriftstellerin Bernadette Lerjen-Sarbach und Kurt Schnidrig (Quelle: Alpmuseum)

Mittlerweile sind wir im Alpmuseum auf der Riederalp herzlich willkommen geheissen worden und sitzen nun in der heimeligen Stube in der Alphütte «Nagulschbalmu». Alles ist hier noch original, nur das Dach hatte neu gedeckt werden müssen. Die moderne Technik jedoch hat auch hier Einzug gehalten. Unser Gespräch wird mit Lautsprechern auf den Festplatz übertragen, den Reimi und Roberta liebevoll und stilecht für die grosse Festgemeinde hergerichtet haben.

Bei der älteren Generation ist Bernadette Lerjen-Sarbach immer noch ein Begriff. Sie ist die Oberwalliser Mundartschriftstellerin, die man aus Zeitschriften, Mundartbüchern und auch aus dem Radio noch sehr gut kennt, hatte doch der Musiker Heinz Holliger zehn ihrer kurzen und markanten Texte vertont.     

Ihr Werk „En anneri Farb“ aus dem Jahr 2000 zeigt wohl am besten ihre Entwicklung als Dichterin. Was unterscheidet Ihre frühen Texte von heutigen Texten? Was war früher wichtig, was vielleicht eher heute? Bernadette Lerjen-Sarbach dazu: „Wahrscheinlich habe ich in Graubünden meine Muttersprache wieder entdeckt.  Die Walservereinigung hat mich aufgenommen, was auch ein bisschen Heimat bedeutet. Irgendwann bin ich zur Kurzform gekommen. Dabei bin ich geblieben. Ob man dem, was ich schreibe, ‚Gedicht‘ sagen kann, ist eine andere Frage.»

Unser Gespräch wird mit Lautsprechern auf den Festplatz übertragen, den Roberta und Reimi liebevoll und stilecht für die grosse Festgemeinde hergerichtet haben (Quelle: Alpmuseum)

Ihre ersten Sammlungen von Texten hatte sie bereits 1993 herausgegeben: „Ich ha mi geschter im Schaufenschter gsee“ – dies eine der ersten Veröffentlichungen. Später habe die Walservereinigung Graubünden diese ersten Texte zusammen mit neueren in «En anneri Faarb» herausgegeben, ergänzt die Schriftstellerin, aber alle Büchlein seien mittlerweile vergriffen.»

In Ihrem Werk „Mamma Lawasch“ aus dem Jahr 2000 gibt uns Bernadette Lerjen-Sarbach einen Einblick in ihre Kindheit. Sie schaue gerne zurück, gesteht sie. Und es sei auch gut, dass sie noch mit ihren Geschwistern viele Erinnerungen teilen könne. Auch die Kinder und Kindeskinder könnten auf diese vergangene Zeit (1942-1954 in Visp) zurückblicken.»

Die kurzen Texte von Bernadette Lerjen-Sarbach sind oftmals von persönlichen Erfahrungen geprägt, insbesondere von Verlust und Trauer. Ein sehr bedeutsames Werk von ihr trägt den Titel: „Di Poort wäri offni“ (2004). Der Gedichtband thematisiert eindringlich und poetisch die Einsamkeit, aber auch die Hoffnung einer Witwe. Dazu die Schriftstellerin: „Di Poort wäri offni“ hat mir  geholfen, den Tod von Hans zu verarbeiten, immer aber auch in der Hoffnung, meine Texte könnten auch anderen helfen. Die Einsamkeit und die Hoffnung hat sie in kurzen Texten eingefangen:

«Dü müesch gaa / wier blibä zrugg / Niä mee äs Familifäscht / ooni dass einä feelt.»

«Na bald drii Jaar / Dis Sunntaggwand isch jezz ds Rumäniu / In iischum Gaartu schteit äs Hüs / In iischum Zimmer äs Chinderbettji.»

Bernadette Lerjen-Sarbach gilt schweizweit als angesagte Mundartschriftstellerin. Doch manchmal hat sie auch Texte in „Schriftdeutsch“ geschrieben, zum Beispiel in Ihrem Werk „Dr Böim lacht“:

«In den frühesten Tagen / Eine Stimmung im Raum / als sei die Tür zur andern Welt / einen Spalt offen / Magdalenas Engel beginnt seinen Dienst.»

Bernadette Lerjen-Sarbachs Sprache ist tief in der Walliser Kultur verwurzelt. Ihre Werke sind bekannt für ihre emotionale Tiefe und sprachliche Präzision. Sie sind auch präsent in nationalen Anthologien, so zum Beispiel in der Sammlung „Igajanumemenchligalose“. Darin finden wir so bekannte und berührende Texte wie „D Mäntschä“, „Ich bi öi epper – Schii“, „Ämaal“, „Spuurä va Liebi“ und „Säg mr s numaal!“

Wie sie als Mundartschriftstellerin die Zukunft unserer Mundart innerhalb der multikulturellen Gesellschaft unserer Tage wohl sehe, wollte ich von Bernadette Lerjen-Sarbach wissen. «Meine Kinder haben die Mundart auch noch gelernt, weil wir zuhause Wallisertitsch gesprochen haben. Die Enkelkinder verstehen es noch ein bisschen … Ich selber lebe in meinem Wohnort Zizers in einem Multikulti-Haus. Im Dorf kann ich nicht süüber Wallisertitsch redu. So muss ich wohl annehmen, dass die Dialekte verflachen … so richtig urchig Wallisertitsch red‘ ich ja öi nimme.»

Bevor wir den Festplatz auf der Riederalp verlassen, möchte ich nur zu gern von Bernadette Lerjen-Sarbach wissen, ob sie denn nun eine besondere Botschaft in ihr neues Werk «Öi nimme d Jungschta» hineinverpackt habe. Die Schriftstellerin wiegelt ab: «Alle Texte habe ich wohl für mich selber geschrieben, aus Zwang oder aus Luscht, um etwas Ordnung zu machen oder aufzubewahren. Schönes und Mühsames, auch immer auch in der Hoffnung, dass das andern, dem Leser, der Leserin, auch etwas bringt, denn ich «profitiere» ja auch ständig von anderen.»

Abschied vor der Alphütte Nagulschbalmu auf der Riederalp (Quelle: Alpmuseum)

In Gedanken versunken steigen wir zu Tal, glücklich über die «Sommerwallfahrt». Das Gedicht «Summerwallfahrt» von Bernadette gibt wunderbar zutreffend wieder, was unser sommerliches Miteinander tief in der Erinnerung am Leben erhalten wird:

Summerwallfaart. Im Kapälli uf dum Hubel / unnr dm Wald / d Soorge, d Winsch und di Plään dargleit / und merssi gseit / fr das wa im letschtu Jaar gigratu ischt / Mee gibättlut als globt und gidankt.

Literatur zu Bernadette Lerjen-Sarbach:

  • «Öi nimme d Jungschta. Äs Achti vor dum Nulli.» Walservereinigung Graubünden. Erscheint Juli / August 2026.
  • «Hag um Hag», ein Requiem, 2010
  • Texte in der Sammlung «Igajanumenechligalose»
  • «En anneri Faarb» – Alte und neue Texte von Bernadette Lerjen-Sarbach, Walservereinigung Graubünden.
  • «Di Poort wäri offni», Zizers/Splügen 2004.
  • «Dr Böim lacht». Gedichte 2004-2009.  
  • «Gseits, Gsungus und Gspillts». 10 Gedichtjieni va dr Bernadette Lerjen-Sarbach. Vertont von Heinz Holziger.
  • «Ich ha mi geschter im Schaufenschter gsee», 1992.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien auf pomona.media/rro und im Walliser Bote online unter „Kultur“.

Text, Bilder und Radiobeitrag: Kurt Schnidrig