
Rund 2000 ehemalige und aktive Studierende des Schweizerischen Studentenvereins feiern Ende August in Brig. Tradition und Moderne treffen aufeinander. Stadtfest, Umzug, Stammbetrieb, Fahnendelegationen, Brandrede und Ansprachen sind Höhepunkte.
Kurt Schnidrig
Das Städtchen Brig durfte bereits mehrmals das Zentralfest ausrichten. In besonderer Erinnerung geblieben ist dem Schreibenden das Zentralfest des Jahres 1971 in Brig. Der Eintritt in die Studentenverbindung Brigensis eröffnete ungeahnte Perspektiven, zwei Jahre später schuf das Amt des Seniors der Briger Studentenverbindung Brigensis wertvolle Kontakte. Die nationale Vernetzung sprengte die engen Grenzen unseres Kantons und schuf Freundschaften, die bis heute Bestand haben.
Mit etwas Verspätung war die Rebellion der 1968er-Bewegung auch auf den Briger Bildungshügel übergeschwappt. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, in gewohnt studentischer Manier die Pflege von Tugend, Wissenschaft und Freundschaft hochzuhalten. Es galt, in der neuen Zeit auch eine neue Gemeinschaft zu suchen. Diese Aufgabe erforderte geistige, moralische und politische Kräfte. Das Zentralkomitee hatte zu diesem Zweck ein neues gesellschaftspolitisches Leitbild ausgearbeitet.
Die Forderungen am Zentralfest in Brig des Jahres 1971 waren fundamental, die Programmpunkte geradezu revolutionär: Jeder und jede sollte Bildung bekommen, die seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Das Bildungswesen sollte eng mit einer Gesellschaftsreform verknüpft werden. Die Möglichkeit des Unmöglichen sollte ausgelotet werden: Individuelle Begabtenförderung, Reform der Bildungsinhalte, Kritikfähigkeit des Einzelnen, Förderung der Kreativität, Verankerung der Bildung in der Bundesverfassung, Gleichstellung von ausländischen und einheimischen Arbeitskräften, Gründung von autonomen Instituten für Friedensforschung und Entwicklungshilfe.
Studentisches Brauchtum
Die moderne Zeit traf auf uralte Traditionen und teils überholtes studentisches Brauchtum. Während es auch zur Gründung von reinen Damenverbindungen kam, feierte die die viel besungene «alte Burschenherrlichkeit» in sogenannten «schlagenden Verbindungen» Urständ. Wer in eine «schlagende Verbindung» aufgenommen werden wollte, der musste mit dem Degen eine Mensur bestreiten. Schlagende Verbindungen betrachten die Mensur als wichtige Hilfe zur Persönlichkeitsbildung. Anders als beim Duell geht es dabei nicht mehr um Leben und Tod. Das Einüben von Tapferkeit durch Überwinden der eigenen Furcht ist das eigentliche Ziel. Ein Zurückweichen wird als Niederlage empfunden, nicht aber eine erlittene Verletzung. Sogenannte „Schmisse“ mit dem Degen sind oberflächliche Verletzungen, die vernarben und ein Leben lang stolz zur Schau getragen werden.
Früher trafen sich die Walliser Studenten zur Maifahrt. Die vier grossen Walliser Studentenverbindungen von Brig, Sitten, Martinach und Saint-Maurice hatten sich zur „Vallensis“ zusammengeschlossen, und sie trafen sich jeweils im Mai. Dabei wurden Reden gehalten und Debatten geführt, vor allem aber wurde gefestet und gesungen, bis sich die Tische bogen. Die Lieder waren im studentischen Liederbuch, „Prügel“ genannt, jederzeit mit Noten und Text abrufbar.
Das Traditionelle zieht wieder
Studentische Traditionen in abgeschwächter Form haben sich bis in unsere Tage hinein erhalten. Feiern und Kommerse gehören dazu. Bei Empfängen von Behördenmitgliedern und anderen offiziellen Anlässen tritt die Verbindung in corpore oder mit einer Fahnendelegation auf. Viele Mitglieder studentischer Verbindungen kennen sind lediglich aufgrund ihres Vulgo-Namens, abgekürzt v/o, während der bürgerliche Name in studentischen Kreisen oftmals völlig unbekannt und unwichtig ist.
Anlässlich der «Fuxentaufe» durchleuchtet der «Burschenkonvent» den Kandidaten. Es gilt, herauszufinden, was für einen Charakter und welche Vorlieben er hat. Daraufhin vergibt der Burschenkonvent in geheimer Beratung den Vulgo-Namen. Mit dem rot-weiss-grünen Band und der bunten Mütze ausgestattet, wird auch nach aussen die Zugehörigkeit zu einer Verbindung manifestiert.
Das Zusammenspiel von Tugend, Wissen und Freundschaft ist auch heute wieder gefragt. Studentenvereine schieben dem drohenden Individualismus in unserer Gesellschaft einen Riegel. Einerseits verleihen traditionelle Werte, Bräuche und Riten im studentischen Verbindungsleben vermehrt Haltung und Orientierung in einer vielfältig und komplex gewordenen Welt. Daneben finden aber auch zukunftsweisende Themen ihren Platz in den Versammlungen. Studentische Verbindungen bieten wertvolle Gelegenheiten zur Vernetzung, zum fachlichen Austausch und zur Stärkung des gemeinsamen Wissens und Zusammenhalts.
Literatur
- Urs Altermatt, Schweizerischer Studentenverein (Hrsg.): «Den Riesenkampf mit dieser Zeit zu wagen…» – Schweizerischer Studentenverein 1841–1991. Band 1. Maihof-Verlag, Luzern 1993.
- Urs Altermatt, Schweizerischer Studentenverein (Hrsg.): «Und keiner geh’ aus unserm Bund verloren» – Der Schweizerische Studentenverein im Umbruch 1991–2018. Band 2. Stämpfli Verlag AG, Bern 2019.
Hinweis: Dieser Beitrag erschien auf pomona.media/rro und im Walliser Bote online unter „Kultur“.