
Der Sänger, Gitarrist und Texter Jean-Marc Briand tritt zusammen mit seiner Band „Walliser Seema“ vors Publikum. Seine Texte sind oftmals verwegen, unberechenbar, mitreissend oder auch besinnlich. Der Liedermacher schreibt und singt von schroffen Bergen, immer wieder vom Meer, aber auch von menschlichen Maschinen, von der längsten Autobahn der Welt oder von Emojis. Zusammen mit seinem Partner Andreas Rubin bietet Jean-Marc Briand poetische Schreibwerkstätten an. Zum Repertoire des Schulsozialarbeiters gehören auch kreative Musik- und Textarbeiten für Kindergruppen oder für die Walliser Kinder- und Jugendpsychiatrie.
„Literatur-Hängert“ mit Jean-Marc Briand:
(Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro)
Kurt Schnidrig: Jean-Marc Briand, Walliser Seema, herzlich willkommen zum „Literatur-Hängert“ auf Radio Rottu Oberwallis. Vor genau 10 Jahren war es, im Jahr 2016, da hast du die erste CD herausgegeben. Hast du dieses Jubiläum bereits gefeiert?
Nein, wir leben als Band „Walliser Seema“ eigentlich mehr in der Gegenwart. Aber die Herausgabe der ersten CD war bestimmt ein einschneidender Punkt, denn es handelte sich damals nicht bloss um eine CD, es war sogar ein Doppel-Vinyl-Album, weil ich alle Lieder in Französisch und auch auf Walliserdeutsch komponiert hatte.
Jean-Marc, du bist Liedermacher, deine erste CD hiess «Fa Obina Embri De Haut En Bas». Du bist von oben, von Albinen, hinunter ins Tal gekommen. Weshalb hast du deinen Wohnsitz nach Termen verlegt?
Hier in Termen steht ein altes Haus, immer wieder bin ich daran vorbeigefahren. Ich habe mich in dieses Haus verliebt. Als das Haus eines Tages zum Verkauf stand, konnte ich es erwerben und in Stand stellen.
Du bist Sänger, Gitarrist und Texter. Wir wollen in diesem «Literatur-Hängert» vorwiegend über deine Arbeit als Texter sprechen. Trotzdem aber zuvor einen Blick zurück: In den 1990er-Jahren kannte man dich vor allem als Texter und Komponist der Gruppe «Ds Personal». Reichen deine ersten musikalischen Arbeiten noch weiter zurück?
Die Worte und Texte aus meiner Feder hatten tatsächlich zu dieser Zeit ihren Ursprung. Der Start als Texter und Songwriter fiel zusammen mit der Geburt unseres ersten Sohnes. Damals war ich bereits 35 Jahre alt, als ich begann, mich erstmals als Songwriter und Texter zu betätigen. In der Zeit davor war ich Gitarrist in einer Band.
In den Anfängen hast du in einer multikulturellen Band mitgewirkt, ein Syrer war beispielsweise mit dabei. Ist die Band «Walliser Seema» bis heute multikulturell geblieben?
Auf jeden Fall sind wir auch heute noch kulturell ausgerichtet. Den syrischen Musiker haben wir aber an den Jazz verloren. Multikulti heute heisst vor allem, dass Oberwalliser und Unterwalliser zusammen agieren, sowohl französische Texte als auch walliserdeutsche Texte gehören zu unserem Repertoire. Unsere musikalischen Einflüsse sind ebenfalls sehr vielseitig. Wir bewegen uns zurzeit etwas mehr in Richtung Folk. Die Walliser Volksmusik liegt uns am Herzen, und sogar hin und wieder auch die russische Volksmusik. Mit Jennifer Sokolowski dürfen wir nun auch auf eine Sängerin zählen, die teils auch mazedonische Einflüsse mitbringt. Unsere Musik wird bunt und multikulti im besten Sinn bleiben.
Nach diesem Ausflug in die Vergangenheit wollen wir nun vorausschauen: Am 25. September trittst du im Kellertheater Brig auf. «Rubin und Briand» sind angesagt. Andreas Rubin und Jean-Marc Briand stehen auf der Bühne. Wie ist dieses Tandem zustande gekommen?
Das ist eine lustige Geschichte. Begegnungen sind mir wichtig. Im Café Zuckerpuppa in Naters habe ich einen Auftritt von Andreas Rubin gesehen. Andreas ist ein Dichter, er hat Trisomie. Wir haben uns beide spontan entschieden, zusammen einen Auftritt zu planen. Seit zweieinhalb Jahren sind wir nun zusammen unterwegs. Er liefert die Texte und ich die Sololieder dazu.
Und der Dichter Andreas Rubin bietet mit dir zusammen auch Schreibwerkstätten an?
Ja genau. Beruflich bin ich ja Schulsozialarbeiter. In der OS in Naters habe ich auch schon Schreibwerkstätten angeboten. Auch bei unseren Konzerten haben wir im Vorfeld hin und wieder Schreibwerkstätten durchgeführt, auch immer zusammen mit Andreas Rubin.
Du bist in der Schulsozialarbeit, Kreis Naters, engagiert. Lassen sich deine Künste als «Walliser Seema» auch in der Schulsozialarbeit verwirklichen?
Das Schöne an der Schulsozialarbeit ist, dass man gemäss den Möglichkeiten arbeiten kann, die einem liegen und die einem eigen sind. Es gibt Schulsozialarbeiter und Schulsozialarbeiterinnen, die gerne mit Musik arbeiten, andere kreieren irgendetwas. Persönlich arbeite ich sehr gerne mit Texten. Wenn ein junger Mensch vielleicht auch selber schreibt, versuche ich seine Texte in eine Form zu bringen. Manchmal nehme ich bei den Beratungen ein Instrument zur Hand. Wenn zwei Buben miteinander im Streit liegen, lasse ich diese auch schon manchmal zusammen mit einem Instrument spielen. Das Ehrliche an der Musik besteht darin, dass Vieles auf den Tisch kommt, was in Beziehungen wichtig ist.
Jean-Marc, du schreibst Texte für Chansons, die von den Bergen handeln, und du schreibst und singst auch von viel Meer. Berge und Meer – Gegensätze, die dich faszinieren?
Ich liebe die Gegensätze und ich mag auch die Vielfalt. Ich denke, ein gutes Leben ist vielseitig und vielfältig. Die Verwurzelung widerspiegelt sich auch schon im Namen «Walliser Seema». Wichtig ist die Heimaterde, aber auch das In-die-Ferne-Schweifen. Um offen bleiben zu können, braucht es beide Perspektiven.
Wirken die schroffen Berge und das weite Meer für einen Songwriter besonders inspirierend?
Tatsächlich schreibe ich vorwiegend an zwei Orten, am Meer und in den Bergen. Ich schreibe oftmals auf Bergwanderungen, wenn ich allein mit meinem Hund unterwegs bin, da sammle ich Ideen und spreche sie auf mein Natel. In Genua, am Meer, kenne ich einen sehr tollen Ort, den ich immer wieder mal besuche. Es handelt sich dabei um eine Wohnung von Reini Jossen und von Daniela Zenklusen. Da zieht es mich mit Vorliebe hin, um zu schreiben. Genua ist ein eher «finsterer» Ort, da gibt es Prostitution und Drogenprobleme. Andererseits wohnen in Genua aber auch herzliche Leute. Ich kann grandios schöne Orte, Beizen und Gassen aufsuchen. Hier bei mir zu Hause fällt mir das Schreiben eher weniger leicht, weil ich mich ablenken lasse. Auch meine Hütte auf der Torrentalp ist ein Ort, der mich beim Schreiben inspiriert. Da habe ich auch schon ein Solo-Album von «Seema Briand» aufgenommen.
Liesse sich demnach sagen, dass diese Orte, an denen du schreibst, auch dafür verantwortlich sind, dass deine Texte «verwegen» und «unberechenbar» sind?
Ja, ich überlege nicht allzu viel, während ich schreibe, es «kommt» und es «fliesst» bei mir ganz einfach beim Schreiben. Wenn ich schreibe, müssen mir die Inhalte und die Wörter «zufallen». Die Inspiration stellt sich ein, wenn man offen dafür ist. Wer nicht bereit ist für eine Idee, der verpasst diese, sie geht dann weiter zu einem anderen Empfänger. Es gilt also, die Themen und Ideen zu büscheln und daraus einen Text zu kreieren. Die Musik kommt dann erst später hinzu.
Du drückst dich auch liebend gerne in Bildern und in Metaphern aus. Deine Lieder seien wie «Pastis mit Absinth», heisst es etwa. Wie lautet deine Erklärung dazu?
Dabei handelt es sich auch wieder um einen Gegensatz. Ich weile sehr gerne in Südfrankreich, wo Pastis ein Lieblingsgetränk ist. Bei uns gibt es nicht Pastis, sondern Absinth. Häufig reise ich auch in die Camargue, nach Saintes-Maries-De-La-Mer. Da sind die vielen Parallelen entstanden, die ich im Lied «Walliser Seema» besinge. Zu den Parallelen gehören zum Beispiel die Stechfeste mit den Stieren, die es sowohl in Südfrankreich wie auch bei uns gibt. Eine Parallele ist auch der Pastis in Südfrankreich, der bei uns Absinth heisst. Die Walliser Sturheit, unser Stolz und unser Glaube lässt sich vergleichbar auch in Südfrankreich finden.
Du bezeichnest einige deiner Lieder auch als «verlorene Lieder». Andererseits verbreiten deine Lieder auch wieder viel Hoffnung, besonders jene, die vom Meer handeln. Verlorenheit oder Hoffnung? Wo ist der Schwerpunkt deines Texteschaffens zu verorten?
Eine Manie von mir besteht darin, dass alles am Schluss gut enden muss. Vielleicht müsste ich das ändern. Bis anhin war es jedoch immer so, dass am Schluss eines Liedes die Hoffnung steht. Das kürzlich erschienene Album von «Walliser Seema» war thematisch geprägt von Verlust, von Tod oder von Krieg. Aber auch bei derartigen Liedern versuche ich den «Dreh» zu finden: Wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Worauf lässt sich trotz allem noch hoffen? Ohne das Helle und ohne die Schönheit lässt sich nicht leben.
Jean-Marc, deine Texte sind auch immer wieder mal kritisch, besonders, wenn sie von menschlichen Maschinen handeln oder von der längsten Autobahn der Welt, um nur zwei Beispiele zu erwähnen. Fallen dir die Themen ganz einfach zu oder machst du dich auf die Suche nach guten Themen?
Die Themen fallen mir zu. Ich schreibe gerne Texte über Themen, die bei mir «anklopfen». Das Lied «Die längste Autobahn der Welt» war ursprünglich ein Lied von Toni Vescoli, «du bisch en Strass, wo n i hass, aber irgendwie hani di gäärn…» Ich habe dieses Lied zum N9-Lied umgetextet, selbstverständlich mit dem Einverständnis von Toni Vescoli.
Bei deinen Auftritten schaffst du eine ganz bestimmte Atmosphäre, eine Stimmung, die unter die Haut geht. Diese Stimmung kann mitreissend sein, wie zum Beispiel im Chanson «Grain de sable», oder sie kann auch besinnlich sein wie in «Teif». Von mitreissend bis besinnlich – das ist ein breites Stimmungs-Spektrum. Wie stimmst du dich auf deine Auftritte ein?
Unser Leben ist nun mal facettenreich. Ich möchte niemals in einer Gruppe mitspielen, die reine Unterhaltung produziert. Wenn die Leute nach einem Konzert zu mir kommen und mir sagen, die Gedichte von Andreas Rubin oder meine Solostücke hätten sie berührt, sie hätten gar eine Träne vergossen, dann stellt sich bei mir eine grosse Zufriedenheit ein. Wenn die Zuhörerinnen und Zuhörer sich zu meinen Liedern bewegen, vielleicht sogar tanzen, wenn ich Gefühle auslösen kann, dann stellt sich bei mir eine künstlerische Befriedigung ein.
Mit deinem «Emoji-Song» bist du auch topaktuell…
Ich denke, das Publikum hat diesen Song nicht richtig verstanden (lacht). Die Emojis haben mich seit jeher etwas enerviert. So ist denn so etwas wie ein «Punk-Song» entstanden. Manchmal muss ich auch mit verzerrten Gitarren der Wut und der Aggression etwas Raum geben.
Jean-Marc, du arbeitest musikalisch auch mit Kindergruppen, und dies sogar in der Walliser Kinder- und Jugendpsychiatrie. Was lässt sich mit Musik und guten Texten bei Kindern auslösen und erreichen?
In der Beratung und in der Therapie gibt es wenig, was ehrlicher wäre als Musik. Sprachlich versucht man sich korrekt auszutauschen, aber oftmals ist das Sprachliche recht tückisch. Die Musik ist da ehrlicher. Wenn Menschen in einem Konflikt leben und dann beginnen, zusammen zu musizieren, machen sie sich auf die Suche nach Harmonie. Wie kommt Harmonie zustande? Müssen wir das Instrument wechseln? Sollten wir die Geschwindigkeit anpassen? Im Beratungsprozess löst die Musik viel Positives aus, was sich anschliessend in gute Bahnen lenken lässt. Dabei lässt sich der Ehrlichkeit und dem Lachen sehr viel Raum geben.
Lagern in deinem Seemanns-Sack noch irgendwelche Projekte, Träume, Wünsche oder Visionen? Was bringt die nahe Zukunft dem Walliser Seema?
Was kommt, das kommt. Ich lebe sehr im Augenblick. Die Künstlerin, Sängerin und Flötistin Jennifer Sokolowski wird demnächst bei «Walliser Seema» mitmachen, was mich sehr freut. Sie wird der Band «Walliser Seema» einen neuen Geist einhauchen. Ich möchte mit den Worten etwas zurückhaltender umgehen und den Instrumenten mehr Raum geben. Persönlich möchte ich mich innerhalb der Band etwas zurücknehmen, um Jennifer dafür mehr Raum zu geben. Meine Texte möchte ich noch besser auf das Wesentliche reduzieren. Häufig lässt sich in wenigen Sätzen bereits ausdrücken, was wichtig ist. Neue Stilmittel sollen in den Chansons zur Anwendung kommen. Unsere Reise mit Musik und Texten wird noch lange dauern. Wichtig ist, einen offenen Geist und viel Neugierde beizubehalten.
Was alles dein offener Geist und deine Neugierde noch zutage befördern werden – darauf sind wir sehr gespannt. Wir freuen uns auf alles, was da noch kommen wird, von dir und von deiner Band «Walliser Seema». Vielen herzlichen Dank, Jean-Marc Briand, für diesen «Literatur-Hängert» auf Radio Rottu Oberwallis.
Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro