Literaturfestival Leukerbad: Wie Geschichten anfangen und wie sich mit Spass und Humor über Ernsthaftes schreiben lässt

Bei der Jubiläums-Ausgabe des Literaturfestivals gab es viel zu entdecken. Drei Begegnungen illustrieren das breite Angebot.

Peter Stamm (Mitte) und seine Studierenden in den Gassen von Leukerbad.
Quelle: pomona.media/Kurt Schnidrig

Zum Internationalen Literaturfestival Leukerbad reisten 23 Autorinnen und 18 Autoren aus aller Welt an. Wir haben drei davon getroffen.

Peter Stamm: Der Jubiläums-Autor

Das Jubiläum 30 Jahre Literaturfestival ist auch eine Gelegenheit, auf die Anfänge zurückzublicken, sagte sich der arrivierte Schweizer Autor Peter Stamm. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, so das eingängige Zitat von Hermann Hesse. Wo aber liegt der Zauber eines Anfangs, wenn man ein leeres weisses Blatt vor sich hat und Mühe bekundet, überhaupt mit dem Schreiben anzufangen? Eine fundamentale Frage seit jeher im Literaturbetrieb. Peter Stamm dazu: «Ich glaube, der Zauber stellt sich dann ein, wenn man die Idee zum Schreiben hat. Wenn die Idee kommt. Wenn die Idee nicht kommt, stellt sich leider der Horror der weissen Seite ein.»

Peter Stamm hatte vier junge Autoren, seine Schüler am Literaturinstitut Biel, mit ans Festival eingeladen. Jonathan Merz, Niclo Schmidt, Konstantin Stawenow und Florian Weder berichteten davon, wie das Erfinden von Geschichten vor sich gehen könnte. Und wie man anfangen könnte. Mit Spannung wartete das Publikum auf die Ratschläge. Der eine hatte ein Romanprojekt gestartet, nachdem er eine Ultra-Athletin bei ihrem „Race Across America“ als Betreuer begleitet hatte. Ein anderer liess sich von Ereignissen aus Kindertagen inspirieren: „Meine kleine Schwester und ich haben uns vor dem Einschlafen immer Geschichten erzählt.“ Und wer in einem „Nebelland“ aufgewachsen ist, der schreibt über Leid und Trost, dem drückt die Natur schon fast von alleine die Schreibfeder in des Dichters Hand.   

Trotzdem bei Peter Stamm nachgefragt: Wenn nun jemand liebend gerne mit dem Schreiben beginnen möchte, gibt es dann ein Rezept, das wirklich funktioniert? Gibt es so ein Königsrezept? «Zum Glück gibt es das nicht», sagt Peter Stamm, «deshalb kann man das Schreiben auch nicht automatisieren. Jeder und jede muss seine eigene Stimme finden. Ein eigener Stil ist wie eine eigene Stimme, die muss man finden, und dann mit dieser Stimme reden und schreiben. Manchmal klappt’s und manchmal klappt es eben nicht.»

Peter Stamm räumte auch mit gängigen Vorstellungen auf. Worauf sollte man achten, wenn man zu schreiben beginnt? Man möchte vielleicht nicht zu viel schon verraten, aber doch die Leserschaft neugierig machen…? Nichts davon! «Persönlich habe ich nie so geschrieben. Früher allerdings hatte ich immer auf ein Ziel hingeschrieben. Da habe ich gewusst, was ich sagen möchte. Das jedoch hat sich nicht bewährt, das hat sich nicht als gut erwiesen», resümiert Peter Stamm. «Ich habe herausgefunden: Ich muss von einem Punkt losschreiben. Ich muss eine Anfangssituation haben, die interessant ist, und dann schauen, wie sie sich entwickelt.»

Misserfolge im Literaturbetrieb gehören trotz all der guten Ratschläge zur Tagesordnung. «Man lernt vor allem aus Misserfolgen. Jede kreative Arbeit ist ein dauerhaftes Scheitern und wiederanfangen. Die Misserfolge sind genauso wichtig wie die Erfolge», tröstet Peter Stamm.

Was bedeutet das Literaturfestival Leukerbad für einen Schriftsteller, der mit grosser Regelmässigkeit das Publikum in Leukerbad fasziniert? «Schön finde ich, dass sich das Int. Literaturfestival Leukerbad nie auf seinen Lorbeeren ausgeruht hat. Es hat sich immer weiterentwickelt. Einerseits ist das Literaturfestival nun 30 Jahre alt, andererseits ist es aber immer noch sehr jung, weil die Leitung neue Ideen ausprobiert. Das macht wohl aus, dass das Publikum das Literaturfestival Leukerbad nicht als fixe Veranstaltung erlebt. Das Festival ist immer wieder für Überraschungen gut.»

Robert Menasse bei seinem Auftritt im James-Baldwin-Zelt in Leukerbad.
Quelle: pomona.media/Kurt Schnidrig

Robert Menasse: Der Verweigerer

Als Romancier verhandelt er die Europäische Union wie kein anderer: Robert Menasse. Die Literaturszene wartete gespannt auf den letzten Band der angesagten Europa-Trilogie des österreichischen Autors. «Ich habe da auf einmal Unlust in mir gespürt», verriet er uns. «Ich will nicht in eine Schublade gekippt werden.» Oftmals bekomme er als Schriftsteller zu hören, er sei nun mal der, der immer was über die EU schreibe.

Nun hat Robert Menasse eine Novelle geschrieben. Sie trägt den Titel «Die Lebensentscheidung». Wer das Buch aufschlägt und zu lesen beginnt, erkennt den gewieften Schriftsteller Menasse, «der immer was über die EU schreibt». Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft sein Protagonist Franz Fiala eine «Lebensentscheidung» und schmeisst seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. «Jeder von euch würde so anfangen», meint der Schriftsteller am Literaturfestival und liest uns vor, wie sich ein Beamter einer EU-Kommission fühlt, wie er lebt in «dieser Mischung aus Bürokratenzelle und Nest». Franz Fiala habe gelebt, wovon er überzeugt war, aber «seine Überzeugungen wurden verraten von jenen, in deren Dienst er stand.» Und was nun soll die Botschaft dieser ungeliebten Elitebürokraten sein? «Sie bestand aus Jauche und Mist!»

Das Publikum lacht und realisiert: Der angesagte Autor von Europa-Geschichten möchte nicht in diese Schublade gekippt werden. Nach dem erwarteten Beginn einer EU-Story folgt der abrupte Themenbruch: Sein Protagonist Franz Fiala fasst eine zweite, radikale Lebensentscheidung. Bei ihm treten Schmerzen auf, der Befund: Krebs, unrealistisch, dass er noch ein Jahr lebt. Der Romancier verweigert sich dem EU-Thema und rückt das Leben und Sterben seines Protagonisten ins Zentrum, seine Liebe und seine Familie. Und es geht nun um die Frage: Wie sehr kann man mit dem Willen physiologische Prozesse beeinflussen? Für uns alle wird deutlich: Der Schriftsteller Robert Menasse verweigert sich dem Bisherigen und hat sich neu erfunden.

Darf man einen Roman über Krieg und Fundamentalismus schreiben, der zum Totlachen ist? Hier Nussaibah Younis (rechts) zusammen mit ihrer Moderatorin Eliane Fitzé.
Quelle: pomona.media/Kurt Schnidrig

Nussaibah Younis: Die Kämpferin

Durch die Kriege in der Ukraine und im nahen Osten liegt der Fokus der Literatur zurzeit auf Krisenforschung. Es sind vor allem Schriftstellerinnen, die sich der Deeskalation und der Deradikalisierung verschrieben haben. Das Literaturfestival hatte die ukrainische Autorin Yuliia Iliukha eingeladen, die zurzeit im Literaturbetreib noch etwas «unter dem Radar» ist, wie Co-Leiter Stephan Bader ausführt, und man hatte auch Nussaibah Younis eingeladen, die mit ihrem Debüt «fundamentalös» neue Wege beschreitet. Kann, ja darf man einen Roman über Krieg, Korruption und Fundamentalismus schreiben, der zum Totlachen komisch ist?  Nussaibah Younis hats getan. Der Erfolg gibt ihr recht.

Die Friedensforscherin und anerkannte Irak-Expertin Nussaibah Younis beriet die irakische Regierung zu Deradikalisierungs-Programmen von IS-Frauen und leitete in Washington DC die Taskforce zur Zukunft des Irak. In ihrem Roman «fundamentalös» betraut sie ihre Protagonistin Nadia mit der Aufgabe, IS-Frauen zu deradikalisieren. Sara hat sich mit fünfzehn dem IS angeschlossen, ihr fühlt sich Nadia besonders verbunden, durch ihr muslimisches Aufwachsen einerseits, aber auch durch ihre derben Sprüche. Die beiden freunden sich an.  

Nussaibah Younis entlarvt in «fundamentalös» mit Scharfsinn, aber auch mit viel Humor und Satire die Scheinheiligkeit und die Korruption von radikalisierten Organisationen. Trotz der spassigen und humorigen Schreibe, bleibt uns als Lesende oftmals das Lachen im Halse stecken. So ungewohnt und bissig über eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit zu schreiben, berührt und rüttelt auf. Es hat Nussaibah Younis zu Weltberühmtheit verholfen. Ein Platz auf der Shortlist des Women’s Price for Fiction ist ihr sicher.

Text und Bilder: Kurt Schnidrig

Hinweis: Dieser Beitrag erschien auch im „Walliser Bote“ vom 29.06.2026