
„Literatur-Hängert“ im März 2026: Der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel hat ein Buch geschrieben über die 100 besten Bücher, die ihn persönlich am meisten berührt haben und für seine Karriere hilfreich waren. „Abenteuer Lesen“, so heisst die Anthologie. Es ist dies eine Reise durch die Welt der Bücher, vom Sachbuch über den Thriller bis zum Klassiker. Im „Literatur-Hängert“ erklärt Benedikt Weibel, weshalb jedes Buch „eine Seele“ hat und wie Bücher zur Persönlichkeitsbildung beitragen können.
Kurt Schnidrig: Benedikt Weibel, Sie waren von 1993 bis 2006 der Chef der Schweizerischen Bundesbahnen SBB. Als SBB-Chef hatte man Sie landauf landab gekannt, als Bücherleser waren Sie weniger bekannt. Hatten Sie sich immer schon mit Büchern beschäftigt oder erst, nachdem Sie den Chefposten bei der SBB aufgegeben haben?
Benedikt Weibel: Ich habe schon sehr früh als Kind mit dem Lesen von Büchern begonnen. Das Buch war überhaupt die erste Konstante in meinem Leben. Das ist so bis heute geblieben. Ich habe nie aufgehört zu lesen. Aus diesem Grund freue ich mich nun, dass ich ein Buch über mein «Abenteuer Lesen» geschrieben habe.
Sie haben Ihre Meinung dazu geschrieben, Sie haben auch mit Autoren gesprochen. Es handelt sich um Bücher, die Sie persönlich bewegt und berührt haben. Wie ist die Auswahl der besprochenen Bücher in ihrer Neuerscheinung «Abenteuer Lesen» zustande gekommen?
Die Idee zu «Abenteuer Lesen» ist aufgrund einer Kolumne entstanden. Darin wurde die Frage behandelt, was zu tun sein, damit man all das, was man gelesen hat, nicht in Vergessenheit gerate. Es wurde in dieser Kolumne auch der Ratschlag erteilt, man solle doch auch mal ein Buch schreiben über alle Bücher, die man gelesen hat. Ich habe dann festgestellt, dass ich das bereits seit über dreissig Jahre so handhabe. Es trifft ja auch für mich zu, dass ich vieles, was ich gelesen habe, schnell wieder vergessen habe. So habe ich bereits vor dreissig Jahren begonnen, ein Buch über Bücher zu führen. Ich habe ein Buch jeweils kurz zusammengefasst, vielleicht angereichert mit 2-3 Zitaten. Dazu habe ich ein Sternensystem eingeführt, ich habe einen, zwei oder drei Sterne verteilt. Ich habe auch nie ein Buch weggeworfen. Ich besitze eine riesige Bibliothek. So ist denn über Jahre hinweg eine Bücherliste entstanden, die relativ stabil geblieben ist.
Selber haben Sie, Herr Weibel, ja auch Bücher verfasst. Sie haben beispielsweise geschrieben über «Wege und Irrwege zu einem nachhaltigen Verkehr». Oder Sie haben auch über die «Mobilitätsmenschen» ein Buch geschrieben. Eines Ihrer Bücher hat mich besonders fasziniert: «Das Jahr der Träume. 1968 und die Welt von heute». Was lässt sich aus Ihrer Sicht zu dieser Schwerpunktsetzung sagen?
Ich bin in einem Alter, wo man immer wieder mal Rückschau hält. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann muss ich sagen: Das Prinzip, das mein Leben bestimmt hat, war immer der Zufall gewesen. Es war auch ein Zufall, der dazu geführt hat, dass ich mein erstes Buch geschrieben habe. Ich weiss noch genau, das war anlässlich der Eröffnungsfeier der EURO 08 in Wien gewesen. Der Verleger eines Berner Lehrmittelverlags hatte mich damals angesprochen auf meine Vorlesungen, die ich an der Universität Bern gehalten habe. Ob ich nicht ein Buch über diese Vorlesungen schreiben möchte? Ich habe sofort zugesagt, weil ich ja bereits über jegliche Materialien dazu verfügen konnte. So habe ich denn mein erstes eigenes Buch geschrieben und dabei viel Freude erlebt. Dazu kam eine Anfrage des Chefredaktors der «Schweiz am Sonntag». Ob ich in seiner Zeitung eine Kolumne schreiben möchte? So wurde ich auch noch Kolumnist, später auch bei der Zürcher Zeitung, dazu auch in einer Zeitung für Wanderer oder auch in einer Marketing-Zeitschrift. So wurde denn das Schreiben zu meiner Haupttätigkeit. Ich habe auch Bücher über «Führung» geschrieben. Auch ein Buch über die 1960er-Jahre. In der Rückblende ist es für mich das grösste Glück, aber auch der grösste Zufall, dass ich dieses Jahrzehnt als junger Mann erleben durfte, von meinem 14. bis zum 24. Lebensjahr. Damals habe ich erstmals von den «Beatles» gehört und von den «Rolling Stones». Das war vielleicht das sorgloseste Jahrzehnt gewesen, ein Jahrzehnt auch, das ich voll und ganz miterlebt habe. Darüber habe ich ein Buch geschrieben, das mir auch heute noch Freude bereitet.
Ihr aktuelles Buch trägt den Titel «Abenteuer Lesen». Worin besteht für Sie das «Abenteuer Lesen»?
Das Abenteuer besteht darin, dass man sich in etwas hineinbegibt und nicht weiss, wo man wieder herausfindet. Das ist bei jedem Buch so. Man ist vielleicht durch eine Empfehlung, durch eine Rezension oder anlässlich eines Besuchs in der Buchhandlung auf ein bestimmtes Buch gestossen. Man beginnt zu lesen. Wenn man Glück hat, wird man hineingezogen in das Geschriebene. Ich bin meinen Lebtag lang auf der Suche nach einem Buch, das nach der Lektüre der letzten Seite eine gewisse Traurigkeit aufkommen lässt, weil es mit dem Lesen dieses Buches zu Ende geht. Erst, wenn ich ein Buch ein zweites oder ein drittes Mal gelesen habe, wird mir oftmals bewusst, welch grosser Reichtum zwischen Buchdeckeln zu finden ist. Das Lesen eines Buches ist viel wirkungsvoller als jedes Kino, weil man die Bilder im Kopf selber produziert. Viele Erkenntnisse aus dem Gelesenen nimmt man dann auch noch für sein eigenes Leben mit. Deshalb der Untertitel meines neuen Buches: «Hundert Quellen der Lust und der Erkenntnis».
Vom Schriftsteller Carlos Luiz Zafon stammt das Zitat «Jedes Buch hat eine Seele». Herr Weibel, Sie möchten diese «Seele der Bücher» in den besprochenen Werken sichtbar machen. Wie soll das funktionieren?
Dafür hatte ich kein Konzept. Ich habe ganz einfach angefangen. Ich habe viereinhalb Jahre lang geschrieben, denn es galt, einen riesigen Berg von hundert gelesenen Büchern abzuarbeiten. Man liest ein Buch, man liest es nochmals viel intensiver, macht Notizen, markiert, fertigt Notizen an. Jedes Buch ist anders. Ich habe nicht eine Rezension schreiben wollen. Ich wollte «die Seele eines jeden von mir gelesenen Buches» sichtbar machen. Deshalb stütze ich mich auf sehr viele Originalzitate. Das Schöne daran ist: Nach Abschluss einer jeden Besprechung hatte ich ein kleines Erfolgserlebnis.
Wie kann ein Buch zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen?
Der erste Klassiker, der mich restlos begeistert hatte, war die «Schachnovelle» von Stefan Zweig. Eine Szene ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Da wurde Schach improvisiert. Aus mit Russ geschwärzten Brotkrumen hat der Protagonist die Schachfiguren hergestellt. Auf einer Bettdecke mit Schachmuster hat er Schachpartien gespielt. Er hat dann auch «blind» Schach gespielt, hat die Schachzüge in seinem Kopf ausgeführt. Diese Szenen haben mich seit jeher beschäftigt. Meine Meinung zu unserer gesamten Bildungspolitik ist folgende: Wir sind allzu stark auf die rationale Seite ausgerichtet. Aber wir vergessen häufig, was man mit den Bildern im eigenen Kopf alles bewerkstelligen kann. Der Sport ist ein gutes Beispiel dafür. Ich habe beispielsweise auch ein Abenteuerbuch über eine legendäre Antarktis-Expedition gelesen. Da habe ich bereits nach drei bis vier Seiten mitbekommen, dass es sich dabei zwar schon um ein Abenteuerbuch handelt, dass es aber doch auch ein Buch ist zum Thema «Führung». Aus diesem Buch habe ich sehr viel zum Thema «Führung» auch für mich persönlich mitnehmen können. Das Buch und dessen verfilmte Version haben mir bei meinen Universitäts-Vorlesungen jeweils als Einleitung zum Thema «Führung» gute Dienste geleistet. Die Studierenden mussten sich Notizen anfertigen zu Führungsprinzipien, wie sie in diesem Buch über eine Antarktis-Expedition ersichtlich werden. Die Studierenden konnten so sehr viel mehr zum Thema «Führung» lernen, als wenn ich akademisch doziert hätte.
Herr Weibel, Sie sind ehemaliger SBB-Chef. Sprechen wir nun noch über das Lesen im Zug. Schriftsteller wie Peter Bichsel haben in der Eisenbahn besonders leicht schreiben und lesen können. Eignet sich eine Fahrt mit der Eisenbahn in besonderem Masse gut fürs Lesen und Schreiben?
Die Eisenbahn eignet sich besonders gut zum Denken. Ich kann beim gemütlichen Spazieren am besten nachdenken. «Gehen heisst denken», hat der Schriftsteller Thomas Bernhard in seinem Werk «Gehen» formuliert. Im Zug sind die Verhältnisse ähnlich. Ich kann sitzen, zum Fenster hinausschauen. Man sucht nach einem ersten Satz und plötzlich springt mich dieser Satz an. In diesem Sinne empfinde ich das Zugfahren als etwas Grossartiges, und zwar nicht nur zum Denken, sondern auch zum Lesen. Einen grossen Teil der Bücher, die ich in «Abenteuer Lesen» bespreche, habe ich im Zug gelesen.
Wenn ich auf der Suche nach einem freien Platz durch den Zug schreite, sehe ich viele Reisende, die sich mit ihrem Mobiltelefon beschäftigen. Es finden sich jedoch auch Reisende, die ein gedrucktes Buch in den Händen halten. Wie sehen Sie die Zukunft des gedruckten Buches?
Ich hoffe sehr auf eine gute Zukunft des gedruckten Buches. Das gedruckte Buch ist etwas Wunderbares. Meine Bibliothek ist auch ein grosses Tagebuch. Ich verfüge über Anmerkungen, ich finde jeweils, wonach ich suche. Noch vor zehn Jahren haben die Menschen im Zug oder im Tram eine Gratiszeitung gelesen. Kurz vor der Abschaffung von «20 Minuten» hat dann aber niemand mehr Gratiszeitung gelesen. Ich sehe jedoch immer noch im Zug und im Tram die Reisenden, die mit einem Buch unterwegs sind und darin lesen. Ich bin der Überzeugung, dass uns das Buch erhalten bleibt. Auch die «Tolinos» sind für mich kein Ersatz.
Zurück zu Ihrer Anthologie «Abenteuer Lesen». Könnten Sie für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer ein Buch aus Ihrer Anthologie empfehlen, das Ihnen in besonderem Masse am Herzen liegt?
Da stellen Sie mir jetzt eine sehr schwierige Frage. Mir liegen alle hundert Bücher in «Abenteuer Lesen» am Herzen. Sie sind auch teils auf meine Biographie abgestimmt (Benedikt Weibel ist auch Bergführer, Anm. der Red.), aus diesem Grund sind auch fünf Bergbücher mit dabei. Eine Zufallsentdeckung hat mich besonders berührt: Der Chefredaktor der englischen Zeitschrift «The Guardian» hatte im Jahr 2011, in einer sehr schwierigen Zeit, seinen Arbeitstag beschrieben. Er hatte Arbeitswochen zu meistern mit 80-100 Stunden. Sehr gerne hätte er vermehrt dem Klavierspiel gefrönt, es fehlte ihm jedoch ganz einfach die nötige Zeit dafür. An einem Sonntag, an einem Sommermorgen, hatte er sich dann nach Frankreich in ein Lager begeben, wo man Klavier gespielt hat. Dort beschloss er, nach einem Lehrjahr vor Publikum die Ballade Nr. 1 von Chopin zu spielen. Es handelt sich dabei um ein klassisches Stück, das selbst Profi-Pianisten oftmals wahre Schrecken einjagt. Wie der Chefredaktor nun diesen Lernprozess beschreibt, wie er die Musik beschreibt, wie er das Stück verinnerlicht, das ist einfach grossartig. Tatsächlich hat er sein Ziel erreicht. Dabei hat er sich entscheidende Fragen gestellt. Erstens: Hat man die Zeit für sowas? Die Antwort: Ja, man hat die Zeit, egal wie stark man belastet und ausgelastet ist. Zweitens: Ist man im Alter (er war 55 Jahre alt) noch lernfähig? Die Antwort: Ja, man ist auch im Alter noch lernfähig, was er auch mit Hilfe von Interviews mit Lernforschern belegt hat. Dieses Buch hat mich sehr begeistert, vor allem, weil es sich um ein interdisziplinäres Buch handelt. Da wird Musik abgehandelt, Journalismus, Weltgeschichte… so ein Buch zu lesen bereitet unglaublich viel Freude.
Wer Ihnen zuhört, Herr Weibel, der ist bald einmal angetan von Ihrer Begeisterung und von Ihren Emotionen. Haben Sie noch irgendwelche Projekte in petto?
Nein, ich habe kein Projekt mehr in petto. Ich denke auch nicht, dass ich nochmals ein Buch schreiben werde. Ich möchte nicht auf die Suche gehen nach Themen. Alle acht Bücher, die ich geschrieben habe, sind mir «angesprungen». Ich habe über Themen geschrieben, die mich über Jahrzehnte beschäftigt haben. Was ich aber immer noch liebend gerne weiterführen möchte, das ist das Schreiben von Kolumnen.
Wir freuen uns auf Ihre Kolumnen in der Schweizer Presselandschaft. Gerne empfehlen wir Ihr neustes Buch «Abenteuer Lesen. Hundert Quellen der Lust und der Erkenntnis.» Vielen herzlichen Dank für diesen «Hängert».
Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit im Originalton und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig