Marino Bodenmann – «der Rote aus dem Wallis»: Vom Geissbub in Fiesch zum Mitarbeiter an der Kommunistischen Internationalen in Moskau

Marino Bodenmann begeisterte sich in Neapel für den Sozialismus und startete eine politische Weltkarriere. Im Bild: Der Europa-Platz im südlichsten Teil Italiens. (Symbolbild: Kurt Schnidrig)

Er hat eine Weltkarriere hingelegt, die beispiellos ist: Marino Bodenmann aus Fiesch, der „Rote aus dem Wallis“, wie man ihn nannte. Er lebte von 1893 bis 1964. Autor Urs Grässlin hat nun Leben und Werk seines Grossvaters aufgearbeitet im Buch „Marino Bodenmann – der Rote aus dem Wallis“.

Marino Bodenmann ist 1893 in Fiesch geboren, wo er in ärmlichsten Verhältnissen aufwuchs. Als Geissbub musste er seiner Bergbauern-Familie die Existenz sichern. Doch schon bald zog es ihn in die weite Welt hinaus. Vorerst wandte er sich südlichen Gefilden zu und traf mit nur wenigen Habseligkeiten als Emigrant in Neapel ein.

In der italienischen Metropole war alles um ihn herum fremd und neu. Gewohnt an die dörflichen und ländlichen Verhältnisse im heimatlichen Goms, war er tief beeindruckt, schockiert, aber auch fasziniert von der Grossstadt, vom geschäftigen Tun der Menschen, vom lauten Geschrei in neapolitanischer Mundart, von der er kein einziges Wort verstand.

Inmitten des neapolitanischen Getümmels waren Mut und Überlebenswille gefragt. Marino Bodenmann suchte ein Stellenvermittlungsbüro auf, das auf Hotels und Restaurants spezialisiert war. Bodenmann traf auf einen gepflegten Signor Nobile, der sogar der deutschen Sprache mächtig war. Doch es war bereits Spätherbst, die Touristensaison in Neapel vorbei. Das war eine niederschmetternde Nachricht für Bodenmann, denn nun würde es mehrere Wochen dauern, bis wieder Aussicht auf eine Arbeitsstelle bestünde.

Signor Nobile empfahl Marino, auf die Insel Capri weiterzureisen, denn dort starte man sehr bald schon in die Frühsaison. Auf Capri solle es eher möglich sein, Arbeit zu finden. Signor Nobile wies Marino den Weg zum Hafen.

In Neapel kam es jedoch zu einer Begegnung, die den Beginn einer beispiellosen Weltkarriere markieren sollte. Marino Bodenmann lernte einen jungen Arbeitskollegen kennen, der bei der sozialistischen Jugend war, und der Marino Bodenmann für das sozialistische Gedankengut begeisterte.

Als überzeugter Sozialist kehrte Marino Bodenmann vorerst in die Schweiz zurück und liess sich in Grenchen nieder. Grenchen war damals ein Zufluchtsort der sozialistischen Bewegung. Marino Bodenmann trat in Kontakt mit russischen Berufsrevolutionären. Damit begann Bodenmanns sagenhafter politischer Aufstieg.

Im Jahr 1918 reiste Marino Bodenmann nach Russland aus, wo er ein begeisterter Anhänger der Oktoberrevolution wurde. Noch im gleichen Jahr wurde er Parteisekretär der Bolschewiken im deutsch-russischen Wolgagebiet.

Ein Jahr später gründete Bodenmann in Berlin den Kommunistischen Jugendverband. In der Schweiz wählte ihn die Kommunistische Partei zu ihrem Sekretär. Als Vertreter der Schweiz nahm Marino Bodenmann Einsitz im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationalen in Moskau. Dort sass er zusammen mit Lenin am gleichen Tisch und arbeitete mit am Aufbau der Kommunistischen Internationalen in Moskau.

In der Schweiz war Marino Bodenmann Mitglied im revolutionären Flügel der Sozialdemokratischen Partei. Später bekleidete er das Amt eines Zentralsekretärs der Kommunistischen Partei. Als die Kommunistische Partei in der Schweiz verboten wurde, zeichnete Marino Bodenmann nach dem Zweiten Weltkrieg als Mitgründer der PdA, der Partei der Arbeit, verantwortlich. Bis zu seinem Tod übte Marino Bodenmann in der PdA wichtige Funktionen aus.

Auf nationaler Ebene amtete Marino Bodenmann in Basel als Grossrat und als Nationalrat. Er kämpfte sein Leben lang für soziale Gerechtigkeit, für internationale Solidarität, für Frieden und Freiheit. Er setzte sich ein für mehr soziale Gerechtigkeit und für die Bedürfnisse der Arbeiterklasse.

Urs Grässlin: „Marino Bodenmann – der Rote aus dem Wallis“. 368 Seiten. Edition 8, 2026  

Urs Grässlin ist der Autor des Buches „Der Rote aus dem Wallis“. Zurück von einem Studienaufenthalt in Moskau, begab er sich bereits 1968 auf die Spuren seines verstorbenen Grossvaters Marino Bodenmann. Nach seiner Pensionierung setzt er nun das Projekt um, Leben und Wirken von Marino Bodenmann und seiner Ehefrau Anette Kirschbaum und deren Familie aufzuarbeiten.  

Hören Sie dazu den Podcast aus der Sendung Literaturwelle von Radio Rottu (Quelle: rro / Kurt Schnidrig / Daniel Theler