Vielfältige Geschlechterrollen werden nun auch in unseren Schulen breit diskutiert

Der Schweizer Autor Simon Froehling versucht, die Vorurteile zu entkräften, die immer noch gegen queere Persönlichkeiten in Umlauf sind (Bild: Kurt Schnidrig)

Ein Junge kommt mit typisch femininer Kleidung und Nagellack in die Schule. Es gibt Blicke, manche kichern. Was ist zu tun? Kinder- und Jugendbücher können eine hilfreiche Debatte in Gang setzen.

In der Literatur für Erwachsene hat die Diskussion bereits Eingang gefunden. Simon Froehling ist ein Schweizer Autor, und er ist eine queere Persönlichkeit. Erlebt habe ich ihn an der Basler Buchmesse. Sein queerer Roman „Dürrst“ ist an der Buchmesse unter die besten fünf Bücher des Jahres 2022 gewählt worden, das Buch kam auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises. In Basel hatte Simon Froehling versucht, die Vorurteile zu entkräften, die immer noch gegen queere Persönlichkeiten in Umlauf sind. Das war vor vier Jahren. Seither hat sich diesbezüglich viel getan.

In unserer Gesellschaft findet mancherorts eine offene Debatte statt zu neuen Geschlechterrollen und über eine andere geschlechtliche Orientierung. Diese Diskussion ist nun auch in den Schulen, bei den Kindern und Jugendlichen, angekommen.

In der Literaturgeschichte hat Virginia Woolf mit ihrem Werk „Orlando“ einen Klassiker der queeren Literatur vorgelegt. Der scheinbar zeitlose junge Adlige Orlando reist durch drei Jahrhunderte, bis er als Frau im frühen 20. Jahrhundert ankommt. Die Grafikerin und Illustratorin Susanne Kuhlendahl hat nun den Klassiker von Virginia Woolf adaptiert und ihn einem breiten jungen Publikum zugänglich gemacht.

Susanne Kuhlendahl: „Orlando“. Nach einer Erzählung von Virginia Woolf. Helvetiq 2025; 208 Seiten

Die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur zeigt eine grosse Vielfalt an Geschlechterrollen und Lebensformen. Für Kinder und für Jugendliche stehen je nach Alter passende Bücher zur Verfügung: Bücher von 2 bis 6 Jahren, von 7 bis 12 Jahren und von 13 bis 17 Jahren.

Bereits kleinen Kindern möchte die einschlägige Kinder- und Jugendliteratur mit Hilfe von Bilderbüchern zeigen, dass Mutter und Vater in verschiedene Rollen schlüpfen können.

„Mama, Papa & ich“ heisst das Bilderbuch der Autorin Claudia de Weck. Unter dem Satz „Meine Mama ist ein Schiff“ sehen wir beispielsweise ein Kind bequem auf seiner Mama sitzen. Die Mama ist in diesem Bilderbuch aber auch eine Lokomotive oder eine Insel. Schlägt man das Buch von der anderen Seite her auf, steht da der Papa im Zentrum, ein Papa, der manchmal ein Igel ist, wenn seine Bartstoppeln kitzeln. Das Bilderbuch will eine Liebeserklärung sein an Mütter und Väter, die in verschiedene Rollen schlüpfen können.

Bei Kindern im Alter von 7 bis 12 Jahren liegen ebenfalls stufengerechte Bücher auf, die neue Geschlechterrollen und andersartige Lebensformen präsentieren.

Das Sachbilderbuch „Frauenpower“ von Rebecca June lässt den Kampf für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung hochleben. Das illustrierte Bilderbuch stellt 13 Protestaktionen aus der Weltgeschichte vor. Frauen haben anlässlich dieser Protestaktionen für ihre Rechte gekämpft, und sie haben sich auch gegen die Mächtigen durchgesetzt. Beispielsweise erinnern in Buenos Aires seit den 1970er-Jahren betroffene Mütter an die Opfer der Militärdiktatur. Oder es wird gezeigt, wie die aktuelle MeToo-Kampagne immer wieder Sexualdelikte an die Öffentlichkeit bringt.

Für Jugendliche von 13 bis 17 Jahren sind Bücher mit neuen Rollenbildern sehr gefragt, ebenso Jugendbücher, die eine andere sexuelle Ausrichtung thematisieren.

Im Buch „Mittelstreifenblues“ der Autorin Alice Gabathuler zum Beispiel können die Lesenden anhand der beiden Jugendlichen Elia und Jelscha mitverfolgen, wie sich zwei junge Menschen auf die Suche machen nach der eigenen Identität. Die beiden jungen Menschen sind eng befreundet und erkunden ein Leben als Erwachsene. Elia lernt dabei, zu seiner Homosexualität zu stehen. Er trennt sich von Jelscha, die das Dorf verlässt und sich andernorts auf die Suche macht nach einer neuen Identität.

In „Queer Kids“ von Christina Caprez finden sich 15 Porträts von Schweizer Jugendlichen. Sie erzählen über ihre Selbstfindung als non-binäre, trans oder homosexuelle Menschen. Sie berichten auch über ihr Coming-out vor den Eltern und in der Schule. Vor allem aber berichten die 15 Schweizer Jugendlichen über die fehlende Akzeptanz für die so ganz anderen Geschlechterrollen und für ihre eigene sexuelle Orientierung.

Christina Caprez „Queer Kids“. 15 Porträts. Limmat 2024; 240 Seiten

Zusammenfassend lässt sich festhalten: In aktuellen Bilderbüchern, in Kinder- und Jugendromanen finden Kinder und Jugendliche geeignete Identifikationsfiguren und Vorbilder zu vielfältigen Geschlechterrollen.

Hören Sie dazu den Podcast aus der Sendung Literaturwelle von Radio Rottu Oberwallis (Quelle: rro / Kurt Schnidrig / Stefanie Sterren / Daniel Theler)

Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig