
Trotz der modernen hoch technisierten und digitalisierten Welt unserer Tage hat sich der Glaube erhalten, dass es Menschen gibt, die über eine besondere Sensibilität gegenüber den Verstorbenen und der Geisterwelt verfügen. Da trifft die Vergangenheit auf die Gegenwart.
Die Bergstürze, die bröckelnden Berge und die drohenden Abbrüche der schwindenden Gletscher rufen die vielen Alp- und Bauernsagen zurück ins Bewusstsein, in denen es um Naturkatastrophen geht. Früher sahen viele darin eine Strafe Gottes, weil bestimmte Gebote nicht eingehalten wurden. Schuldige mussten gefunden werden – wie die Hexen, die man verfolgte und tötete.
Auch wenn Naturkatastrophen dank ausgeklügelter Überwachung vorhersehbarer geworden sind, bleibt ein Restrisiko bestehen. Im Katastrophenfall müssen auch heute Schuldige her, die oftmals erst Jahre später für Vergehen verurteilt werden, die ihnen zur Last gelegt werden.
Seit mehr als einem halben Jahrhundert erzählt Andreas Weissen Sagen und wilde Geschichten aus dem Oberwallis, kürzlich auch anlässlich der Heimattagung in Eischoll. Dabei macht er nicht einfach auf Nostalgie. Er hat einen eigenen Erzählstil entwickelt, der sein Publikum derart virtuos ins Geschehen entführt, dass sich ab und zu und augenzwinkernd überraschende Bezüge zur heutigen Zeit herstellen lassen, so wie dies bei der Sage über das Wässern der Fall ist.
Wässern im Wallis
Nach dem soeben überstandenen Hitzesommer drängt sich eine Sage über das «Wässern im Wallis» geradezu auf. Seit Jahrhunderten führen die Walliser das Gletscherwasser über Suonen oder Bisses auf die ausgetrockneten und dürren Weiden. Was aber, wenn die Gletscher so stark abschmelzen, dass zu wenig Wasser fliesst, um die Matten und Äcker mit dem kostbaren Nass zu versorgen? Davon erzählt eine Sage.
Auf seiner Weltreise soll der liebe Gott vor Zeiten auch die Schweiz besucht haben. Die Sage erzählt, dass er sich beim Abschied bei den Eidgenossen erkundigte, ob sie noch eine besondere Bitte an ihn hätten.
«Die Gletscher sind in den letzten Jahren so stark zurückgegangen, dass jetzt zu wenig Wasser fliesst, um die Matten grün zu erhalten», monierte ein Landwirt und fragte unverblümt: «Lieber Herrgott, kennst du da kein Heilmittel?» Der Herrgott war sofort im Bilde und meinte: «Das ist doch einfach, ihr müsst wässern! Wollt ihr das Wässern übernehmen, dann ist’s recht, wenn nicht, werde ich es selbst besorgen müssen.» Die Eidgenossen dankten dem Herrn mit innigen Worten: «Herr, du warst uns bis anhin Schutz und Schirm. Mach es nur weiter so!»
Einzig die Walliser blieben stumm, denn sie trauten dem Vorschlag des Herrn nicht so ohne weiteres. Dem heiligen Petrus jedoch war der Argwohn der Walliser bekannt. Er lief hinter den geschlossenen Reihen der Walliser hindurch, gab ihnen einen Schubser in den Rücken und zischte: «Lasst doch um Himmels Willen den lieben Gott nur machen, er meint es ja so gut mit euch! Bestimmt wird er euer Anliegen verstehen, denn er ist ja sozusagen selbst ein Walliser.»
Die Walliser waren bass erstaunt und fragten argwöhnisch zurück: «Was, ein Walliser ist er? Aber wie will er denn das Wässern besser verstehen als wir? Nein, nein, wenn dem so ist, wässern wir selbst!» Und so wässert heute in der übrigen Schweiz der liebe Gott, im Wallis aber wässern die Walliser selbst und die Matten verdorren.
Eine Sage – wie jene über das Wässern im Wallis – ist per definitionem eine kurze Erzählung von fantastischen, die Wirklichkeit übersteigenden Ereignissen. Da diese jedoch häufig mit realen Begebenheiten verknüpft werden, beispielsweise mit dem diesjährigen Hitzesommer, entsteht der Eindruck eines Wahrheitsberichts.
Das Monster
Ähnlich verhält es sich mit wilden Geschichten, die sich jedoch oftmals historisch belegen lassen. Sollen Wölfe bei uns gänzlich ausgerottet werden, wie das nach dem Zweiten Weltkrieg bereits geschah? Der Historiker Wilfried Meichtry erzählt die spektakuläre Urgeschichte dieser Polemik.
Im Frühjahr 1946 riss ein wildes Tier im Oberwallis Schafe. Viele wollten einen Panther gesehen haben, der sich in unsere heimatlichen Gefilde verirrt hatte und nun hungrig umherstreifte. Die Oberwalliser verfielen in eine wahre Raubtier-Hysterie. Der Grosswildjäger Fernando stellte seine Fallen auf. Ein zu Unrecht verdächtigter Hund wurde erschossen.
Wie staunte da das Oberwallis, als der junge Jäger Albinus Brunner aus Eischoll mit dem erlegten Raubtier auf den Schultern für die Zeitung posierte. Das Raubtier war kein Panther, es handelte sich dabei um einen 43 Kilo schweren Wolf. In Eischoll wird bis heute unter vorgehaltener Hand von einer Posse berichtet: Erledigt habe den Wolf nicht der junge Jäger Albinus Brunner, sondern sein Onkel, der Wilderer Marinus Brunner. Doch psssst! Wer die 500 Franken Belohnung letztlich kassiert hat, das war, das ist und das bleibt ein wohlgehütetes Geheimnis innerhalb der Dorfschaft.
Wo bleiben die Frauen?
Wer sich in den Sagenschatz unserer Region vertieft, der sucht zumeist vergeblich nach heldenhaften Protagonistinnen. Die Autorin Ursula Walser-Biffiger geht in ihrem Buch «Bergmütter, Quellfrauen und Spinnerinnen» der Frage nach, weshalb das Weibliche in den Walliser Sagen so stiefmütterlich behandelt wird. Gefunden hat sie das frauliche Element einzig in Gestalt von gruseligen Hexen. Wie lässt sich dieser Befund erklären? Die Autorin sagt es ganz offen: Weil die Herausgeber früherer Sagensammlungen vor allem Pfarrherren waren, denen alles Weibliche grundsätzlich verdächtig, sündhaft und gefährlich erschien, sollen erzkonservative Kirchendiener die kraftvollen, mächtigen und geistreichen Frauen hinter gruseligen Hexengestalten getarnt haben.
Die Realität ausserhalb der Sagenwelt sieht anders aus. Viele Menschen aus früherer Zeit verehrten unsere Berge als Ur-Mütter und als Göttinnen. Bergführer und Berggänger aus der Pionierzeit des Alpinismus erwiesen dem Matterhorn als einer machtvollen Bergmutter ihre Reverenz. Der Kult um die legendären Berge soll sich auch im Bau von zahleichen Marien-Kapellen manifestiert haben.
Quellfrauen hielten sich an Bächen und an deren Ursprung auf. Es soll sich dabei um wilde Naturfrauen gehandelt haben. Auch die Quellfrauen waren, gemäss Recherchen der Autorin Ursula Walser-Biffiger, den Pfarrherren unheimlich. Waren die wilden Quellfrauen den Dienern des früheren Katholizismus allzu erotisch? Tatsache ist, dass die Kirche zum damaligen Allheilmittel griff: Die wilden Naturfrauen wurden dämonisiert und ersetzt durch männliche Protagonisten.
Späte Genugtuung
Die Walliser Band «Tylangir» ist musikalisch im Folk Metal verwurzelt und baut in ihren Texten gekonnt eine Brücke zwischen Tradition, Sozialkritik und alten Sagen. Beeindruckend ist der Brückenschlag zur Gegenwart bei der musikalischen Umsetzung der alten Walliser Sage, die von der Wirtin namens Johanneli Fi handelt. Das Johanneli soll im 17. Jahrhundert die erste Wirtin auf dem Brigerberg gewesen sein. Nach dem sie abends ihre Taverne abgeschlossen hatte, soll Johanneli heimlich das Weinfass mit Wasser aufgefüllt haben, um den Gewinn zu steigern. Als ein Gast die Wirtin dabei auf frischer Tat etappte, wurde sie aus dem Dorf vertrieben und ward nie mehr gesehen. Die Sage berichtet, sie müsse nun ewig als verlorene Seele in den Gletschern für ihr sündhaftes Tun büssen.
Beim Stück «Johanneli Fy» geht es gemäss Interpretation der Band Tylangir um das Missverstehen und die Missgunst gegenüber einer erfolgreichen Berufsfrau. Für die Zuhörenden wird klar, dass man dieser Frau Unrecht angetan hat. Folgerichtig wird Johanneli Fy nicht wie in der alten Walliser Sage gebüsst, sondern gemäss Version von «Tylangir» erlöst. «Tylangir» schaffen mit der gehaltvollen musikalisch-textlichen Umsetzung der alten Walliser Sagen überraschende Bezüge zur Aktualität. Eine späte Genugtuung für die Protagonistinnen in den Walliser Sagen.
Literatur:
- Josef Guntern (Hrsg.): Volkserzählungen aus dem Oberwallis: Sagen, Legenden, Märchen, Anekdoten aus dem deutschsprechenden Wallis. 977 Seiten. Krebs Verlag 1979. –
- Wilfried Meichtry: «Hexenplatz und Mörderstein. Die Geschichten aus dem magischen Pfynwald». 164 Seiten. Nagel & Kimche 2010.
- Ursula Walser-Biffiger: Bergmütter, Quellfrauen, Spinnerinnen. Sagen und Geschichten aus dem Wallis. 256 Seiten. Hier und Jetzt Verlag 2021.
- Websites wie www.walserdialekt.ch bieten Sagen im Walliserdeutschen an, oft begleitet von Musik und Liedern von Felix Schmid.
- Das Virtuelle Walsermuseum www.walsermuseum.ch stellt Sagen online bereit und vermittelt zusätzlich kulturelle Hintergründe.
- Tylangir: «Där Totutanz». https://www.metalinside.ch/2026/07/tylangir-daer-totutanz-review/
Hinweis: Dieser Beitrag erschien auf pomona.media/rro und im Walliser Bote online unter „Kultur“.
Text, Bild und Beitrag für pomoma.media: Kurt Schnidrig