„Wallissärtiitsch“: Werner Bellwald versucht, dem breiten Publikum einen „lesbaren Zugang“ für wissenschaftliche Inhalte zu schaffen

Werner Bellwald erläuterte seine Broschüre „Wallissärtiitsch“ dem Publikum in der Buchhandlung ZAP Brig (Bild: Kurt Schnidrig)

Werner Bellwald ist Ethnologe, Kurator und Konservator. Im Lötschental sammelt der Kulturwissenschaftler Dr. Werner Bellwald all das, was andere fortwerfen. Das Sammelgut stellt der Volkskundler im sogenannten Chidr-Museum Lötschental aus. Nun hat Bellwald über die Sprache der Walliser geschrieben. 36 Kolumnen, die bereits in der Zeitung „Walliser Bote“ erschienen sind, hat er in einer Publikation vereint. Anlässlich der Vernissage in der Buchhandlung ZAP Brig präsentierte Werner Bellwald die Broschüre zusammen mit Rico Erpen.

In ihrem Vorwort schreibt Gabriela Bart, die Redaktorin des Schweizerdeutschen Wörterbuchs, der Autor schaffe einen „für das breite Publikum wissenschaftliche Inhalte vermittelnden und lesbaren Zugang“ zu den deutschsprachigen Walliser Dialekten.

Für die Hörerinnen und Hörer von Radio Rottu Oberwallis erläuterte Werner Bellwald seine Broschüre mit dem Titel „Wallissärtiitsch. Le Patois du Haut. Was? Wie? Woher? Warum? Wie lange noch?“

Gespräch mit Werner Bellwald

Kurt Schnidrig: „Wallissärtiitsch“ – so heisst deine neue Broschüre. Nun gibt es ja bereits recht viele Publikationen zum Walliser Dialekt. Du versuchst, einem breiten Publikum einen „lesbaren Zugang“ für wissenschaftliche Inhalte zu schaffen. Wie dürfen wir uns dieses Vorhaben vorstellen?    

Werner Bellwald: Ich habe versucht, komplizierte wissenschaftliche Dinge verständlich darzulegen. Zum Beispiel Ausdrücke wie „Denominalisierung“. Das ist eigentlich ganz einfach: Wenn man ein Hauptwort hat wie „Computer“, lässt sich daraus eine Tätigkeit machen. Zum Beispiel abgeleitet vom Hauptwort Computer: „dii cha de güet compiutru“.

(In der Sprache der Wissenschaft formuliert:  Denominalisierung bedeutet, dass aus einem Nomen ein Verb abgeleitet wird, z. B. „Hammer“ → „hämmern“. Es handelt sich also um den umgekehrten Prozess der Nominalisierung, bei dem ein Nomen als Wortstamm dient und durch Ableitung, versehen mit typischen Verbindungen, ein neues Verb entsteht. Anm.d.Red.)

Ähnliches lässt sich sagen über Grammatik, über Flurnamen oder über die Geschichte unserer Sprache. So sind 36 Kolumnen entstanden. Ich bin selber erstaunt, dass es so viel Verschiedenartiges über den Walliser Dialekt zu berichten gibt.  

In der Schweiz ist das Schweizerdeutsche Wörterbuch, das sogenannte Idiotikon, das grosse Nachschlagewerk für die Schweizer Mundarten. Da wurde eine immense Arbeit während mehr als hundert Jahren geleistet. Ist das „Idiotikon“ für dich auch eine Fundgrube, ein Fundus, der dir bei deiner Arbeit zur Verfügung steht?

Ja, immer wieder begegne ich einem Wort, dessen Herkunft mir unbekannt ist. In derartigen Fällen nehme ich das Idiotikon zur Hand. Die ersten Bände des Schweizerdeutschen Wörterbuchs erschienen bereits in den 1880er-Jahren. Nach rund 150 Jahren stehen uns 16 Bände des Idiotikons zur Verfügung. Da ist verzeichnet, wo überall in der Schweiz ein Wort in Gebrauch ist. Oftmals glauben wir fälschlicherweise, dass wir die einzigen sind, die ein bestimmtes Wort benutzen. Zudem liefert das Idiotikon auch Erklärungen, in welchen Zusammenhängen ein Wort vorkommt zum Beispiel. Auf nationaler Ebene ist das Schweizerdeutsche Wörterbuch tatsächlich eine wahre Fundgrube. Ich kann das Idiotikon allen empfehlen. Das Idiotikon lässt sich auch online abrufen. Das ist ein grandioses Hilfsmittel.

Viele Sprachforschende haben sich in der Vergangenheit bereits mit dem Walliser Dialekt beschäftigt. Werner, was ist nun deine persönliche Motivation, dem Walliser Dialekt nachzuspüren und ihn einem breiten Publikum näherzubringen?

Ich bin ein Kolumnenschreiber. Beim Schreiben von Kolumnen kommt mir nicht immer ein geeignetes Thema in den Sinn. Vor fünf Jahren – es müsste während der Jahre 2020/21 gewesen sein – da fiel mir ein, dass sich vielleicht doch auch mal über den Dialekt eine Kolumne schreiben liesse. Die Vorgabe dabei lautet: Schreibende von Kolumnen sollten nie eine Fortsetzung verfassen. Persönlich habe ich mich nicht an diese Vorgabe gehalten. Die ersten vier bis fünf Kolumnen hatte ich bereits im Kopf. Doch dann erwies sich das Thema „Walliser Dialekt“ als sehr facettenreich. Schliesslich entstanden 36 Kolumnen zu diesem Thema. Motiviert dazu hat mich die wissenschaftliche Neugierde und der Spass an der Sprache, die wir von morgens früh bis abends spät brauchen. Die Sprache ist ein wichtiger Teil von uns. Es kann lohnend sein, sich darüber Gedanken zu machen.

Werner, du hast dich in den vergangenen fünf Jahren auf eine Erkundungs-Reise durchs Oberwallis begeben. Wie bist du vorgegangen? Wie sieht deine Recherche-Arbeit aus?

Zuerst einmal öffne ich meine Ohren und höre den Menschen zu. Hin und wieder notiere ich mir Interessantes auf einen Zettel. Ich ziehe dann auch Literatur bei, ich bediene mich alter und neuer Bücher und vertiefe mich auch in die Lokalliteratur. Manchmal finde ich etwas in einer Urkunde, manchmal auch im Internet. Einiges war mir auch noch vom Studium her in Erinnerung geblieben. Ich habe bei Professor Robert Schläpfer studiert, er war bezüglich der Schweizerischen Dialektforschung eine der tragenden Säulen.

Ich gehe davon aus, dass du bei deiner Arbeit auf viel Spannendes und vielleicht bis anhin kaum Bekanntes gestossen bist?

Da möchte ich so spontan nichts hervorheben. Meine Broschüre mit 36 Kolumnen bietet bestimmt für jeden und für jede etwas. Und womöglich fehlen den Lesenden nach der Lektüre schlicht die Worte, weil sie erstaunt und baff sind.

Wenn du deine Broschüre innerhalb der Mundartliteratur verorten müsstest: Ist deine Arbeit eher populärwissenschaftlicher Art? Oder ist das Werk besonders für Touristen gedacht? Für Menschen, die das Walliserdeutsch nicht besonders gut kennen? Welche Ansprüche machst du bezüglich deines Werks geltend?

Meine Broschüre ist kein lokales Wörterbuch wie zum Beispiel jenes von Werner Imseng, der vor über fünfzig Jahren den Saaser Dialekt erforscht hat. Meine Broschüre ist auch keine grosse Dialektwörter-Sammlung wie das Nachschlagewerk von Alois Grichting. Es handelt sich bei meiner Broschüre auch nicht um eine lokale Sprach-Monographie, wie sie für einzelne Dörfer bei uns im Oberwallis existiert. Ich habe versucht, eine Übersicht herzustellen, die von Flurnamen, über die Geschichte unserer Sprache bis hin zu einzelnen Worten reicht. Die Broschüre verschafft einen Überblick, den es in dieser Art und Weise – meiner Meinung nach – noch nicht gibt. Das Besondere an der Broschüre: Man kann eine Kolumne lesen, das Buch auf die Seite legen und später dann vielleicht wieder einmal weiterlesen. Die Lesenden brauchen nicht in einem Zuge das ganze Buch durchzulesen, sie können sich dazwischen Pausen gönnen, um über das Gelesene nachzudenken.

Danke vielmals, Werner Bellwald. In der Hoffnung, bei vielen Leserinnen und Lesern die Neugierde geweckt zu haben, wünschen wir deinem Buch viel Erfolg.   

Werner Bellwald: „Wallissärtiitsch. Le patois du haut. Was? Wie? Woher? Wie lange noch?“ 84 Seiten. rottenedition, 2026

Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig