„Schräge Scheuklappen“: Poetische Miniaturen von François Meichtry

Vielen ist er noch als ehemaliger Kollegiumslehrer in Erinnerung: François Meichtry aus Guttet-Feschel. Heute lebt er in Binningen bei Basel.

François Meichtry stammt aus Guttet-Feschel. In Wien, Paris und Bern hat er Romanistik und Germanistik studiert, bevor er Lehrer am Kollegium Spiritus Sanctus in Brig wurde. Nun ist er bereits seit längerer Zeit pensioniert und lebt heute in Binningen bei Basel.

Bereits fünf Bücher mit kleinen poetischen Texten, sogenannten Miniaturen, hat er herausgegeben. In diesem Herbst ist sein neuster Band erschienen, er trägt den Titel „Schräge Scheuklappen“.

Der Titel des neuen Buches hört sich kritisch an. In der Tat finden sich im Poesieband kritische Texte, die zudem auch noch politisch aktuell sind. So trägt ein Miniatur-Text den Titel „Helvetia mit schrägen Scheuklappen“. In diesem Text hinterfragt Autor Meichtry das Zitat von Bruder Klaus: „Mischt euch nicht in fremde Händel“ und kritisiert: „Sich duckmäusern? Nicht Farbe bekennen? Aber Raketen und andere Geschosse sind eher farbenblind. Sie können jeden treffen“.

Derart kritische Texte stellen jedoch eher eine Ausnahme dar. Viele poetische Miniaturen thematisieren das Erleben und Entdecken draussen in der freien Natur. Andere schildern alltägliche Begegnungen mit Menschen. Mit psychologischem Feingefühl nimmt der Autor das Besondere und Originelle wahr und wartet mit einer tiefschürfenden Interpretation auf.

Im Text „Der Herbst naht“ zum Beispiel begleiten wir als Lesende den Autor bei einem Krankenbesuch. Die Interpretation lässt sich aus der poetischen Miniatur herauslesen: Das Leben ist wie ein Baum, der eben noch farbenfroh erstrahlt und die letzten warmen Sonnenstrahlen gierig in sich aufsaugt. Der Fruchtbaum hinterlässt jedoch ein tröstliches Erbe: die reifen Früchte, die roten Feigen und die saftigen Pfirsiche.

Zuweilen tauchen in François Meichtrys neuem Buch ferne Erinnerungen oder auch Regressionen aus der Kindheit auf. Sie sind zauberhaft in leicht lesbare Miniaturen verpackt. So hat etwa das Tal- und Bergwandern den Autor fasziniert, als er noch im Oberwallis wohnte. Das Wandern sei wie unser Leben, schreibt Meichtry: Zuerst geht’s steil bergauf, dann je länger je mehr bergab. Zum Schluss „geht einem der Schnauf aus“, und man fragt sich: Schaffe ich all das noch? Kann ich mein Lebensziel noch erreichen?

In einem Text fasst der Autor zusammen, was ein Menschenleben ausmacht: „Eine glückliche Jugend, eine erspriessliche Lebensmitte, gefolgt von der mühsamen Zeit des Älterwerdens.“

Hin und wieder erleben wir als Lesende eine Überraschung. Da taucht ein „Bote aus Walliser Kindertagen“ auf. Das kann etwa ein „Straffel“ sein, eine Heuschrecke. Der Autor erinnert sich an die Zeit, als er in Guttet-Feschel als Kuhhirt gearbeitet und in den Pausen „Straffla“ gefangen hat, um mit ihnen zu spielen. Schön muss es damals in den Kindertagen gewesen sein.

„Doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Tempus fugit! Die Zeit verfliegt“, resümiert der Autor philosophisch in seinem neusten Buch „Schräge Scheuklappen“.

Zum Autor: François Meichtry ist 1941 in Guttet-Feschel ob Leuk geboren. Das Gymnasium besuchte er in Marienburg Thal und in Einsiedeln. Das Studium der Romanistik und Germanistik führte ihn nach Mödling bei Wien, nach Paris und Bern. In Paris bekleidete er das Amt eines Assistant d’Allemand au Lycée Henri-IV. Anschliessend wurde er Lehrer am Kollegium Spiritus Sanctus in Brig. François Meichtry lebt heute in Binningen bei Basel.

Hören Sie dazu den Podcast aus der Sendung Literaturwelle von Radio Rottu Oberwallis. (Quelle: rro / Kurt Schnidrig / Karin Imhof)

Text und Radiosendung: Kurt Schnidrig