BergBuchBrig: Von der „Wirkmächtigkeit“ der Volkslieder

Roman Walker präsentierte spannend und eloquent seine Forschungsarbeit über „Die Alpen im Lied der Schweiz“ (Bild: Kurt Schnidrig)

Wie stark haben die Alpen die Entwicklung eines eigentlichen „Schweizer Volksliedguts“ geprägt und ermöglicht? Roman Walker präsentierte am Multimediafestival BergBuchBrig Auszüge aus seiner Forschungsarbeit. Ein Chor umrahmte Walkers Ausführungen mit Beispielen aus dem traditionellen Schweizer Liedgut, das seit Jahrhunderten die kulturelle Identität der Schweiz prägt.

Wohl die meisten der wohlbekannten Lieder wurden bereits im Jahr 1906 zusammengetragen von der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, dem Schweizer Lehrerverein und dem Verein Schweizerischer Gesang- und Musiklehrer.

„Man spricht oft den Namen Volkslied aus und weiss nicht immer ganz deutlich, was man sich dabei denken soll“, schrieb bereits der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe. Goethe zeichnete wohl erstmals Volkslieder mit ihren Melodien systematisch auf. Das Volkslied hat denn auch seine dramatische Dichtung und seine Musiktheorie beeinflusst. Goethe vertonte gar selbst seine eigenen Gedichte, wie etwa den „Erlkönig“.

Johann Wolfgang von Goethe zeichnete wohl erstmals Volkslieder mit ihren Melodien systematisch auf, wie Referent Roman Walker ausführte. (Bild: Kurt Schnidrig)

Im Gedicht und im Volkslied einem gebildeten Publikum die Schönheit der Alpen näherzubringen – dies war ein hehres Ziel bekannter Dichter, insbesondere zur Zeit der Aufklärung. Albrecht von Haller mit seinem Gedicht „Die Alpen“ ist ein prächtiges Beispiel dafür. Das Gedicht „Die Alpen“ ist bereits 1729 erschienen und besteht aus 49 Strophen zu 10 Zeilen. Zusammen mit der aufkeimenden Alpenbegeisterung der englischen Alpinisten und der zunehmenden Beherrschung der Natur ergab sich die Möglichkeit, vermehrt die Schönheit der Alpen in den Vordergrund und deren Unberechenbarkeit in den Hintergrund zu rücken.

Volkslieder haben eine enorme „Wirkmächtigkeit“, wie dies der Referent Roman Walker bei BergBuchBrig formulierte. Emotional und einprägsam öffnen sie unsere Sinne für die Schönheit der Berge, der Alpen sowie der Alp- und Landwirtschaft. 

Zu den bekanntesten gehört beispielsweise das Volkslied „Le vieux chalet“, dessen Komposition und Liedtext von Abbé Joseph Bovet stammen. „Lueget, vo Berg und Tal“ ist ein Schweizer Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. Es stammt aus der Feder von Ferdinand Huber. Es handelt sich um ein sogenanntes Heimwehlied, das auf den Dreiklangsprüngen basiert, wie wir sie vom Alphorn-Spiel her kennen. Das Lied ist tief im Volk verwurzelt und gilt als eines der schönsten Schweizer Volkslieder.

Wer kennnt sie nicht, Volkslieder wie „Le vieux chalet“ oder „Lueget, vo Berg und Tal“. Anlässlich von „BergBuchBrig“ vorgetragen zur Illustration von Roman Walkers Forschungsarbeit. (Bild: Kurt Schnidrig)

Zu den Themenfeldern des Alpinen gehören gemäss Referent Roman Walker vor allem Ereignisse, Rituale und das Brauchtum im Alpenraum. Mythen und Sagen, Arbeiten, Tiere, Produkte und Gegenstände der Alpwirtschaft finden ebenfalls zuweilen Eingang ins Volksliedgut. Die prächtige Alpenflora liefert den Dichtern und Musikern eine Pflanzenmetaphorik, die sich musikalisch umsetzen lässt.

Die Forschungsarbeit umfasst auch Detailanalysen ausgewählter Volkslieder. Dazu gehören die historische Perspektive (Lebenslauf des Liedes), die sprachliche Perspektive (Analyse des Liedtexts) und die musikalische Perspektive (musikalische Analyse).

 Der Lebenslauf eines Volkslieds offenbart zuweilen auch die gesellschaftliche Akzeptanz. So musste beispielsweise im „Rigilied“ (Vo Lozärn gäge Wäggis zue) aus dem Jahr 1832 die 8. Strophe ersatzlos gestrichen werden: „Meitschi, du hesch frohe Muet, bisch so lieb, schön und guet. Diini Aeugli gfalle mer au, aber i ha scho e Frau…“

Roman Walker: „Die Alpen im Lied der Schweiz“. Gesungene Alpenbilder zwischen Konstruktion und Authentizität. 368 Seiten. Verlag Zytglogge, 2026

Text, Bilder und Radiosendung: Kurt Schnidrig