Lukas Bärfuss gilt als Kronfavorit für den Schweizer Buchpreis 2026 – Persönliche Gespräche über sein Schreiben

Ob in einer Gartenlaube oder in einem Hotel in Leukerbad – die persönlichen Gespräche mit Lukas Bärfuss waren jedes Mal spannend, geistreich und inspirierend (Bild: rro)

Die fünf nominierten Bücher für den Schweizer Buchpreis stehen fest: «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss, «Hauptsache kein Zeitgeist» von Hayat Erdoğan, «Die Auster» von Yael Inokai, «Das grosse Eis» von Sonja Sophie Kreis und «Unwucht» von Sarah Elena Müller stehen auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises 2026. Wer den Schweizer Buchpreis 2026 erhält, das entscheidet eine Jury live vor Publikum am Sonntag, 15. November 2026 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel. Ein Kronfavorit ist Lukas Bärfuss.

Kurt Schnidrig    

Gleich mehrere Male trafen wir uns in Leukerbad zum Austausch, in einer schattigen Gartenlaube oder zum Frühstück in seinem bevorzugten Hotel. Lukas Bärfuss gehört zu jener seltenen Art von Schriftstellern, die nicht nur exzellent schreiben, sondern auch sprechen, vortragen und referieren können. Ja, er ist ein Shootingstar, aber einer, der auf Umwegen und Abschweifungen seine Ziele erreicht. Er finde es wichtig, Kunst und Literatur auch in die Region zu bringen, deshalb sei er schon fast regelmässig auch in Leukerbad mit dabei, sagt er.

«Königin der Nacht»

Der Titel, den Lukas Bärfuss seinem «kurzen Buch über meine Mutter» gegeben hat, ist einerseits sehr passend. «Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen» ist die weltberühmte Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Oper «Die Zauberflöte». Wie die Mozart Oper, so zeichnet sich auch Bärfuss’ neustes Werk aus durch seine virtuosen Koloraturen und vor allem durch seine dramatische Ausdruckskraft.

Die Arie der Königin der Nacht wird gemeinhin auch als die «Rachearie» bezeichnet. Da unterscheidet sich Mozarts Arie jedoch von Bärfuss’ Buch. «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss ist eher ein sozialkritisches Melodrama. Mal verflucht er seine Mutter, die sich selber als Rabenmutter bezeichnet hatte, im Stile von Mozarts Rachearie. Sie habe es an Zärtlichkeit mangeln lassen, ihre schärfste Waffe sei ihr böses Maul gewesen und ihr Kind habe sie wie eine Fessel angesehen. So habe sich ihr Sohn früh in der Kunst üben müssen, seine Mutter zu überleben, lesen wir tief betroffen. Doch verteidigt der Sohn seine Mutter im Buch auch als eine Ausgestossene und Unterdrückte. Autor Bärfuss stellt uns Lesenden die unbequeme Frage, wo in einem elenden Leben die Verantwortung einer ganzen Gesellschaft beginnt.

Schon fast märchenhaft mutet Lukas Bärfuss’ Aufstieg an. In Thun verliess er nach neun Jahren die Primarschule. Er verdiente sich sein Geld als Tabakbauer, als Eisenleger und als Gärtner. Dann verschlug es ihn in eine Buchhandlung, wo er sich mit der Schriftstellerei befassen konnte. Seit 1997 ist er freier Schriftsteller, Lehrbeauftragter am Literaturinstitut in Biel und Dramaturg am Schauspielhaus Zürich. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in 20 Sprachen übersetzt. Der Georg-Büchner-Preis 2019 für Lukas Bärfuss kam überraschend, und dies trotz seiner damals bereits beeindruckenden Werkliste. „Das ist der Engelskuss, der einen da trifft“, soll Bärfuss gemäss Mitteilung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung nach Bekanntwerden der Preisvergabe gesagt haben. Der Büchner-Preis hat eine lange Tradition. Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner („Woyzeck“), er wurde 1813 in Hessen geboren und starb 1837 in Zürich. Zu den Preisträgern gehören Literaten wie Max Frisch (1958), Günter Grass (1965) und Heinrich Böll (1967). Der Büchner-Preis ist der renommierteste und seit 2011 höchstdotierte jährlich vergebene Literaturpreis für deutschsprachige Autoren.

Gartenlauben-Gespräche

Gleich mehrere Male trafen wir uns in Leukerbad, in einer schattigen Gartenlaube bereits vor zehn Jahren, zum Frühstück in Bärfuss’ bevorzugtem Hotel in späteren Jahren. Mit einem ausgetüftelten Fragebogen fürs Interview und mit aktuellen Bärfuss-Büchern unter dem Arm angerückt, sah ich mich jedoch bald einmal veranlasst, alle meine Unterlagen beiseite zu legen. Unsere Gespräche nahmen nämlich Wendungen und Abzweigungen, die ich niemals hätte vorhersehen können.

Lächelnd nahm Bärfuss dies zur Kenntnis und meinte beiläufig: «Das Interessante passiert immer dann, wenn man die falsche Abzweigungnimmt.» Es sei wie auf einer Autobahn. Sobald man eine Ausfahrt nehme, erwarte uns das Unerwartete. So geht es auch in seinem Roman „Hagard“ zu. Die Hauptfigur nimmt eine Abzweigung in ihrem Leben, und „es kommt nicht nur gut heraus“, fasst Bärfuss zusammen.

Was aber ist interessant? Worüber lohnt es sich zuschreiben? Es gelte, die eigene Stimme erklingen zu lassen und die heute überall grassierende Anpasserei zu vermeiden, rät Bärfuss.  Es sei vor allem die Konkurrenz, die dazu beitrage, dass sich die Leute aneinander anpassen. Die Art und Weise, wie die Menschen heute ihre Ziele erreichen wollten, sei immer die gleiche. Das führe zu Anpasserei. Wichtiger wäre jedoch, die Unterschiede und Besonderheiten unter den Menschen zu entdecken. Deshalb seien Konformismus, Gleichmacherei und das ewige Konkurrenzdenken wichtige Komponenten in seinem literarischen Schaffen, gegen die er anschreibe.  

Schreiben als Verführung

Die heutige Gesellschaft sei Geschichten aller Art hilflos ausgeliefert, stellte ich anlässlich einer Begegnung zur Diskussion. Kann oder muss der Schriftsteller seinen Leserinnen und Lesern diesbezüglich behilflich sein? Der Schriftsteller müsse aufzeigen, wie wir verführbar seien, mit welchen dramaturgischen Mitteln wir verführbar seien, gab sich Bärfuss überzeugt. Es gebe verschiedene Techniken und Methoden, auf die Leserinnen und Leser immer wieder ansprechen. Wisse ein Schriftsteller, welche Techniken verführerisch wirken, könne er seine Leserschaft verführen, führte Bärfuss weiter aus. Wer allerdings diese Manipulationen und Verführungskünste kenne, der könne sich auch dagegen wehren.

Lukas Bärfuss versteht sein Schreiben auch als eingebettet in eine globale Kultur, in ein Universum. Ob dies den nicht auch die Gefahr in sich birgt, klischeehaft zu wirken? Bärfuss gibt mir recht. Das Gegenmittel gegen die Gefahr, in Klischees zu verfallen, sei allerdings, möglichst genau eine bestimmte Situation zu beschreiben. Man dürfe sich nicht im Allgemeinen verlieren. Und mit einem Augenzwinkern gesteht Bärfuss, er halte es mit dem Papst, der zu Ostern dieses „urbi et orbi“ in die Welt hinausschicke. Jeder von uns lebe zwar in einem persönlichen Umfeld, gleichzeitig aber auch unter dem Einfluss von allem, was weltweit passiert. Dazu beitragen würde eine globalisierte Kultur, Wirtschaft und Welt. Leider hätten wir noch nicht eine globalisierte Politik, bedauert Bärfuss, das jedoch könne eine Aufgabe sein für die nächsten Generationen.

Neben den Inhalten ist für Lukas Bärfuss auch das Wie des Schreibensvon entscheidender Bedeutung. In seinen Werken dominiert die sogenannte erlebte Rede. Es handelt sich dabei um eine Figurenrede, sie steht zwischen direkter Rede und indirekter Rede. Mit Hilfe der erlebten Rede lassen sich Gedanken, Gefühle und Empfindungen einer Figur wiedergeben. In einem Gespräch brachte Lukas Bärfuss auf den Punkt: Die «erlebte Rede» ist so eine innere, leise Stimme, welche durch den Autor verdeutlicht und versprachlicht wird. Der Autor verschwindet hinter dieser inneren Stimme. Die Frage stelle sich, ob es diese innere autonome Stimme in unserer Gesellschaft überhaupt noch gebe, sinniert Bärfuss.  

Das Recht, sich einzumischen

Existieren irgendwelche Grenzen für den modernen Schriftsteller? Kann und darf der Schriftsteller alles tun oder lassen? Bei dieser meiner Frage kommt Bärfuss ins Studieren. Das sei eine gute Frage, er glaube aber, dass auch ein Schriftsteller nicht alles machen dürfe. Auch er selber schreibe nicht immer die Bücher, die er gerne schreiben möchte. Er schreibe immer die Bücher, die er schreiben könne. So stosse er oftmals an seine Grenzen, an die Grenzen seiner Fähigkeiten, seines Denkens. Auch durch unsere Lebenszeit und durch unsere menschliche Beschränktheit seien uns Grenzen gesetzt. Er versuche immer, so ein kreatives „Reizklima“ für seine Arbeit am Leben zu erhalten, resümiert der Schriftsteller.

Gibt es ein Recht, sich einzumischen? Ist es ein Erfordernis, dass heutige Autorinnen und Literaten auch gesellschaftlich aktiv werden? Auf diese meine Frage wartet Lukas Bärfuss mit einem Exkurs über die Pflichten und Rechte der Bürgerinnen und Bürger auf. „Das Erfordernis, gesellschaftlich aktiv zu werden, besteht nicht nur für den Schriftsteller, sondern für jede Bürgerin und für jeden Bürger in einer freiheitlichen Demokratie. Man soll sich Fragen stellen zu einer Situation, in der man lebt.“

Der Schriftsteller als Experte für wichtige gesellschaftliche Fragen, dieser Anspruch ist nicht neu. Schriftsteller wie etwa Georg Büchner – der bedeutendste deutsche Literaturpreis trägt seinen Namen – haben gesellschaftspolitisch eine Spur hinterlassen, in die Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss nun getreten ist.

Mit Lukas Bärfuss traf ich mich vor längerer Zeit zu einem Frühstücks-Gespräch in einem Leukerbadner Hotel (Bild: Kurt Schnidrig)

«Die Frage ist, ob die Welt, in der wir leben wollen, wirklich die Welt ist, die wir haben wollen. Oder müssen wir etwas verändern? Was ist meine Aufgabe als Schriftsteller? Ich bin Bürger von diesem Land, ohne dass man mich gefragt hätte. Bevor ich einen Namen hatte, hatte ich schon eine Nationalität. Daraus leite ich ein Recht ab, mich einzumischen», erläutert Lukas Bärfuss.

Manchmal brauche es auch das rebellische und aufmüpfige Element, gibt sich Bärfuss überzeugt. «Wir haben in der Schweiz zwei Millionen Menschen, die nicht an der Demokratie partizipieren können, weil sie nicht den Schweizer Pass haben. Und dies, obschon sie Steuern bezahlen und ihre Kinder bei uns in die Schule schicken.»

Lesen!

«Es fehlt eine gemeinsame Lektüre-Erfahrung!» Lukas Bärfuss erinnert daran, dass wir in einer Kultur leben, in der Wissen über das Lesen vermittelt wird. «Meine Kinder kommen nach neun Jahren aus der Schule und haben kein einziges Buch gelesen!», berichtet Lukas Bärfuss bereits bei unserem ersten Gespräch vor zehn Jahren. Das sei einer der grössten bildungspolitischen Skandale, denn da gehe auch viel Kompetenz verloren. Das Übel sei mit dem Lehrplan 21 gekommen. Einen bildungspolitischen Skandal habe der Lehrplan 21 heraufbeschworen. In der obligatorischen Schule würden vielerorts kaum mehr Bücher gelesen. Damit würden gemeinsame Lektüre-Erfahrungen fehlen und wichtige Kompetenzen gingen verloren. Ob diese Aussage auch heute noch zutrifft?

Literatur zu Lukas Bärfuss (Auswahl):

  • «Die toten Männer». Novelle. Suhrkamp Verlag, 2002.
  • «Hundert Tage». Roman. Wallstein Verlag, 2008.
  • «Koala». Roman. Wallstein Verlag, 2014.
  • «Hagard». Roman. Wallstein Verlag, 2017.
  • «Krieg und Liebe». Essays. Wallstein Verlag, 2018.
  • «Malinois». Erzählungen. Wallstein Verlag, 2019.
  • «Die Krone der Schöpfung». Essays. Wallstein Verlag, 2020.
  • «Vaters Kiste. Eine Geschichte über das Erben». Rowohlt, 2022.
  • «Die Krume Brot». Roman. Rowohlt, 2023.
  • «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter.» Rowohlt 2026.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien auch auf pomona.media/rro