Der „Literatur-Hängert“ im November 2026: Autor Urs Grässlin hat sich auf Spurensuche begeben nach seinem legendären Grossvater Marino Bodenmann

Literaturexperte Kurt Schnidrig besucht Urs Grässlin, Autor des Buches „Marino Bodenmann – der Rote aus dem Wallis“ (Bild: rro)

Autor Urs Grässlin hat sich auf Spurensuche begeben nach seinem legendären Grossvater Marino Bodenmann. Entstanden ist das Buch „Marino Bodenmann – der Rote aus dem Wallis“. Der Autor schreibt über seinen Grossvater, der als Geissbub aus Fiesch eine schier unglaubliche Polit-Karriere hingelegt hat. In Italien begeisterte sich Bodenmann für den Sozialismus. Später wurde er Parteisekretär der Bolschewiken im deutsch-russischen Wolgagebiet. In Berlin gründete er den kommunistischen Jugendverband. In der Schweiz war er Mitgründer der Partei der Arbeit und politisierte als Nationalrat in Basel. Es scheint, dass insbesondere im Oberwallis nur noch wenige Genaueres über die Weltkarriere des Marino Bodenmann wissen. Was könnten die Gründe dafür sein?

„Hängert“ mit Urs Grässlin:

Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit im Originalton und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro

Kurt Schnidrig: Herr Grässlin, herzlich willkommen zum Literatur-Hängert auf Radio Rottu Oberwallis. „Marino Bodenmann, der Rote aus dem Wallis“, dies der Titel des Buches, das Sie recherchiert und geschrieben haben. Sie schreiben über Ihren Grossvater, der als Geissbub aus Fiesch eine schier unglaubliche Polit-Karriere hingelegt und schliesslich am Aufbau der kommunistischen Internationalen in Moskau mitgearbeitet hat. Es scheint, dass im Wallis, insbesondere auch im Oberwallis, nur noch wenige Genaueres über die Weltkarriere des Marino Bodenmann wissen. Was könnten die Gründe dafür sein?

Das ist richtig. Bis anhin hatte man in der Tat nicht viel davon gehört. Ein Grund dafür könnte sein, dass Marino politisch vor allem in Basel tätig gewesen war. Als er von Neapel zurückkam, wo er in der Emigration gelebt hatte, hat er zuerst in Grenchen seinen Wohnsitz bezogen und ist dann nach etlichen Zwischenstationen in Basel sesshaft geworden. In Basel nahm er Einsitz im Grossrat und ist dann auch Nationalrat in der Stadt Basel geworden. Im Wallis hatte man begreiflicherweise wenig darüber erfahren, mit Ausnahme vielleicht von einem engen Kollegenkreis in Fiesch. Sein Familienhaus stand ja immer noch in Fiesch.

Weshalb ist Marino Bodenmann aus Fiesch weggezogen nach Neapel? Was war der Auslöser dafür?

Der Auslöser war der Hunger. Damals lebten viele Familien im Oberwallis in existenzieller Not. Seine Tante, Antonia Bürcher, hatte damals als Zimmermagd in Italien und später auch in Montenegro gearbeitet. Sie motivierte Marino, in den Süden auszuwandern, denn dort gäbe es fröhliche Menschen, und es sei wärmer. Sie stellte ihm in Italien auch Arbeit in Aussicht. Dies alles hat dazu beigetragen, dass Marino Bodenmann ausgewandert ist. Marino war auch nicht der erste, der aus dem Oberwallis nach Italien gezogen ist. In Neapel gab es sogar ein Vermittlungsbüro, dort arbeitete ein Herr Gentile, der auch die deutsche Sprache beherrschte. Marino Bodenmann kam mittellos in Neapel an und hatte dort eine deutschsprachige Vermittlungsfirma vorgefunden, die ihm eine Arbeitsstelle vermittelte.

In Neapel gedachte Marino Bodenmann im Tourismus zu arbeiten. Er wurde dann aber weitervermittelt auf die Insel Capri. In Neapel hatte er jedoch eine Begegnung, die sich als schicksalhaft erweisen sollte. Hat der Zufall seinen weiteren Lebensweg mitbestimmt?

Absolut. Marino hatte in einem bekannten Restaurant gearbeitet, im Giardini di Torino, wo ein liederlicher Lebenswandel angesagt war. Marino war katholisch erzogen, er hat in der Kirche von Martisberg ministriert. In Neapel hat sich ihm eine ganz neue Welt eröffnet, die sich in jeder Hinsicht vom dörflichen Leben im Oberwallis unterschied. In Neapel stellte er grosse Unterschiede fest zwischen arm und reich. Die Kirche war reich und die Menschen arm. Die Menschen im Hotel, das für ihn wegweisend werden sollte, leisteten sich nur das Beste, hat auch Frauen „gekauft“. Er lebte inmitten dieser reichen „Bourgeoisie“. Was ihn moralisch besonders schockiert hatte, das war die Tatsache, dass in diesem Hotel auch Kirchenleute verkehrten. Dazu kam ein weiterer Zufall. In diesem Hotel hatten auch zwei Jugendliche gearbeitet. Sie waren in den Jahren 1914/15 bei der sozialistischen Jugend in Neapel aktiv. Die Jugendlichen haben Marino aufgeklärt. Sie waren überzeugt, dass man eine bessere Welt haben könnte, eine Welt, die sozial ausgerichtet ist. Marino wandelte sich zu einem Sozialisten. Hiess er zuvor Marinus, änderte er jetzt seinen Namen in Marino um. Gleichzeitig legte er auch seinen katholischen Glauben ab.

Marino Bodenmann hatte also in Neapel sehr viel sozialistisches Gedankengut getankt. Er kehrte daraufhin in die Schweiz zurück und bezog in Grenchen seinen Wohnsitz. Grenchen war damals der Sitz von kommunistischen Berufsrevolutionären. Wie kam es, dass Bodenmann mit diesen Berufsrevolutionären in Kontakt kam?

Das ist rein zufällig geschehen. Im Jahr 1916 reiste er nach Grenchen weiter, denn im Oberwallis gab es für ihn kein Auskommen. In Grenchen hatte sich auch ein russischer Berufsrevolutionär niedergelassen. Marino war in Grenchen in der „Freien Jugend“ tätig. Die schönen Töchter des russischen Berufsrevolutionärs waren ebenfalls in der „Freien Jugend“ aktiv. Dies ermöglichte eine Verbindung zwischen Marino Bodenmann und dem Berufsrevolutionär Joseph Kirschbaum. Der Revolutionär Kirschbaum pflegte seinerseits lebhafte Beziehungen zu russischen Emigranten in Zürich und Bern. Kirschbaum war auch ein Bekannter von Lenin. Zu dieser Zeit brach die russische Revolution aus. Man war der Meinung, dass man endlich mit der alten Gesellschaft aufräumen könne. In den Augen der Revolutionäre war die alte Gesellschaft verantwortlich für den Ersten Weltkrieg mit den vielen Toten und mit den vielen jungen Menschen, die auf den Schlachtfeldern ihr Leben verloren hatten. Die russische Revolution löste einen riesigen Enthusiasmus aus. Mit russischen Soldaten, die in die Schweiz geflüchtet waren, ist Marino sodann nach Russland gefahren.

Beim Lesen Ihres Buches bin ich doch einige Male ins Staunen geraten. Marino Bodenmann wurde Parteisekretär der Bolschewiken im deutsch-russischen Wolgagebiet. Woher hatte Bodenmann sich die Kompetenzen für ein derartiges Amt erworben? Haben die Russen auf den Gommer Marino Bodenmann gewartet?

Das ist eine sehr gute Frage. In Grenchen war Marino bei der „Freien Jugend“ tätig, er war auch in der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen Smuv aktiv, dazu war er auch in der SP Schweiz. Dadurch hatte er einen Background, einen Hintergrund, der ihn zu diesem Amt befähigte. Für mich ist es auch erstaunlich, dass Marino mit relativ wenig sozialistisch-organisatorischem Wissen in diese Funktion aufgestiegen ist. Marino war jedoch ein aufgeweckter und sehr fleissiger junger Mann. Zwei deutsche Lehrer standen ihm zur Seite und haben wohl auch mitgeholfen. Marino wurde mit grossen Aufgaben betraut, besonders, als die Front der Interventionstruppen, der Weissen gegen die Roten, je länger je näher rückte. Marino wurde bewaffnet, er hatte sich zu organisieren, um sich bei einem Angriff verteidigen zu können. Persönlich habe ich grossartige Dokumente aus dem wolgadeutschen Archiv erhalten. Darin ersichtlich sind alle Einzelheiten, sogar die Nummer der Pistole, die Marino zur Verteidigung erhalten hatte, und die Anzahl Schuss Munition. All dies zeigt: In meinem Buch ist nichts erfunden, alles ist bestens belegt.

Marino Bodenmann hat auch in Berlin seine Spuren hinterlassen. In Berlin gründete er den kommunistischen Jugendverband. Wie kam diese Brückenfunktion von Russland nach Deutschland zustande?

In Grenchen hatte Marino einen Herrn Münzenberg kennengelernt. Dieser war eine wichtige Person innerhalb der revolutionären Jugendbewegung, er war Präsident der Jugend. Er war derjenige, der für die Jugendlichen „garantierte“. Man suchte damals Leute, für die sie „die Hände ins Feuer legen konnten“. Bei den Revolutionären hatte man nicht so genau gewusst, wer nun ein „Roter“ ist und wer ein „Weisser“. Aus diesem Grund hatte man die beiden Schweizer Münzenberg und Bodenmann geholt, weil auf die beiden Verlass war. Parallel wurde die Organisation ausgeweitet, man gründete die Kommunistische Internationale und hatte dann auch parallel dazu einen Jugendverband gründen wollen. Wohl auch deshalb hat Münzenberg seinen Schweizer Kollegen Marino gebeten, nach Moskau zurückzukommen und von dort nach Berlin, um an der Gründung mitzuwirken. Marino war bereits der italienischen Sprache mächtig, er hatte sich diese Sprache in Neapel und Capri angeeignet. Gleichzeitig besorgte er deshalb nun auch die Übersetzungen für die italienischen Jugend-Genossen, die von Rom her nach Berlin gekommen waren. Marino reiste sodann als Kurier nach Rom, dort wurde er verhaftet und musste 27 Tage im schlimmsten Römer Gefängnis verbringen. Danach reiste er in die Schweiz zurück. In Brig nahm ihn die Polizei in Empfang. Der Polizist, der ihn in Brig in Empfang nahm, war der Trinkkumpan von Marinos Vater Leo aus Fiesch. Aus diesem Grund verstanden sich Marino und der Briger Polizist auf Anhieb. Marino wurde freigesprochen. Die Polizei hat ihn laufenlassen. Von Brig reiste Marino anschliessend nach Basel weiter.

Oktoberrevolution in Russland. Marino Bodenmann sass vermutlich mit Lenin am gleichen Tisch. Konnte Bodenmann an Entscheidungen mitwirken? Konnte er in diesem Gremium seine Ideen einbringen?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Wir wissen nur, dass der Präsident und der Vertreter der Wolgadeutschen anwesend waren und andere Entscheidungsträger. Wir haben jedoch keine Protokolle gefunden. Tatsache ist aber, dass Marino Bodenmann dabei war. Auch später noch, nachdem Marino wieder in die Schweiz zurückgekehrt war, ist er nochmals für ungefähr drei Monate nach Russland berufen worden. Er hat diesbezüglich nichts hinterlassen. Sicher ist aber, dass er in Russland gelebt, gearbeitet und geholfen hat, das Komintern zu organisieren. (Die Kommunistische Internationale, kurz Komintern oder KI, auch Dritte Internationale genannt, war ein Zusammenschluss kommunistischer Parteien zu einer weltweiten gemeinsamen Organisation. Anm.d.Red.)

Zurück in der Schweiz, war Marino Bodenmann auch Mitgründer der PDA, der Partei der Arbeit gewesen. In Basel hat er im Parlament als Nationalrat politisiert. Warum ist Bodenmann nicht mehr ins Wallis zurückgekehrt?

Ins Wallis zurückgekehrt ist Marino einzig nur dehalb, um sich auszuruhen und um sich zu erholen. Politisch war er jedoch in Basel eingebunden, diesbezüglich pflegte er mit dem Oberwallis auch nicht mehr viele Kontakte. Einzig mit Karl Dellberg blieb er verbunden, ihn hatte Marino bereits im Jahr 1916 kennengelernt. Damals hatte Marino noch Mühe, sein geliebtes Wallis zu verlassen und wäre lieber hier geblieben, anstatt seinen Wohnsitz nach Grenchen zu verlegen. Die Freundschaft mit Karl Dellberg blieb jedoch während seines ganzen Lebens bestehen. Als Marino starb, hat Karl Dellberg die Grabrede gehalten.

Ziehen wir ein Fazit: Marino Bodenmann hat gekämpft für soziale Gerechtigkeit und für internationale Solidarität. Was hat er tatsächlich erreicht? Inwiefern waren seine Bemühungen und seine Arbeit von Erfolg gekrönt?

Das ist eine gute Frage. Es lässt sich sagen, dass nach dem Landesstreik von 1918 verschiedene Forderungen aufgestellt worden waren. Einige davon konnten erfüllt werden. Die eine davon war die Einführung der AHV. Marino kannte die Not aus eigener Anschauung, auch von seiner Tante her und von seinen Mitbürgern im Oberwallis. Die PdA war zwar eine kleine Partei, sie hatte jedoch einen grossen Stellenwert und hat viel erreicht. Die AHV war „das politische Steckenpferd“ von Marino Bodenmann. Er war diesbezüglich politisch sehr bewandert. Marino setzte sich auch ein für die Subventionierung der Bergbauern, da konnte er ja auch aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen. Das Fazit zu seinem Leben lässt sich folgendermassen auf den Punkt bringen: Marino Bodenmann war ein Kämpfer für eine bessere Welt. Er war kein Intellektueller. Er hatte nicht Marx lesen müssen, um zu begreifen, wie die Welt funktioniert. Er hat alles selber erlebt und selber erschaffen. Aus der Bergschule in Martisberg hervorgegangen, hat er sich zu einem wichtigen Journalisten und Nationalrat entwickelt. In dieser Funktion hat er auch viel erreicht, besonders auch in finanzieller Hinsicht, denn Marino hatte gut rechnen können. Rückblickend kann ich festhalten, dass seine katholische Erziehung ihm geholfen hat, nicht immer alles in Frage zu stellen. Er hatte ganz einfach diese Walliser DNA in sich, die ihm signalisierte: Es muss immer irgendwie weitergehen. Was nicht funktioniert, muss nicht immer so bleiben, denn morgen ist wieder ein anderer Tag. Er hatte gelernt, mit unwirtlichen Gegebenheiten zu überleben. Immer ist er aber der Marino geblieben. Er hatte gehofft, eine bessere Welt zu schaffen, was ihm jedoch nur zu einem kleinen Teil gelungen war.

Sprechen wir auch noch von Ihrer grossen Arbeit, Herr Grässlin. Sie haben sich bereits im Jahr 1968 auf die Spuren ihres verstorbenen Grossvaters begeben und sind nach Russland gereist. Warum hat es nun so lange gedauert, bis das Buch „Marino Bodenmann – der Rote aus dem Wallis“ erschienen ist?

Marino hatte eine Tochter des Revolutionärs Joseph Kirschbaum geheiratet. Für uns Junge damals war interessant zu erfahren, woher diese Familie herstammt. In Russland lebten ja auch noch einige Verwandte, die ich besucht habe. Persönlich habe ich mich dann aber beruflich weiterentwickelt, so dass diese Geschichten liegen blieben. Eine grössere Familiendelegation reiste im Jahr 2005 nochmals nach Nischni Nowgorod an der Wolga, denn von dort stammt die Familie Kirschbaum her. Eine Delegation unserer Verwandtschaft hat die Familie Kirschbaum getroffen. Man hat sich zu einer Aufarbeitung der Geschehnisse entschlossen. Nach meiner Pensionierung ist nun die Zeit gekommen, diese Aufarbeitung anzugehen. Von den Anfängen bis zum Erscheinen des Buches brauchte ich zehn Jahre.

Nicht nur Marino selber, sondern auch seine Familie steht im Fokus, besonders auch seine Frau Annette Kirschbaum. Haben Sie sich in Ihrem Buch vor allem auf Marino fokussiert oder auch auf dessen Familie und Verwandtschaft?

Der Familienbezug ist sehr wichtig. Marino Bodenmann war Berufsrevolutionär. Er hat bis 1925 auch im westeuropäischen Büro der Komintern in Berlin gearbeitet. Es entbrannte dann der grosse Kampf zwischen Stalin und Trotzki. Die Mitglieder der Familie Kirschbaum gerieten unter Verdacht, sie seien Trotzkisten. Die Familie Kirschbaum kommt in meinem Buch vor, auch die vielen Intrigen, die um diese Familie Kirschbaum gesponnen worden sind. Es gab damals sogenannte Linienkämpfe. Wer ist linientreu? Wer ist nicht linientreu? Marino konnte da nicht mehr mit dabei sein. Bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gab es diesbezüglich Auseinandersetzungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang der Neustart mit der PdA auch nicht optimal, weil es da auch wieder weitere Auseinandersetzungen gab.

„Marino Bodenmann, der Rote aus dem Wallis“, ein spannendes Buch. Wir empfehlen das Buch von Herzen. Der Geschichte eines Oberwallisers, der es in schwierigen Zeiten bis nach ganz oben geschafft hat, wünschen wir einen gebührenden Erfolg. Vielen herzlichen Dank, Autor Urs Grässlin.  

Urs Grässlin: „Marino Bodenmann – der Rote aus dem Wallis. Eine biografisch-politische Zeitreise. 368 Seiten. Edition 8, 2026

Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit im Originalton und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro

Text, Bild, Hängert und Radiosendung: Kurt Schnidrig