Der „Literatur-Hängert“ im Oktober 2026: Marianne Künzle und ihr neuer Roman über eine Feuersbrunst und die Sorge um das Erdklima

Literaturexperte Kurt Schnidrig besucht Marianne Künzle, Autorin und Mitarbeiterin im NPO-Bereich (Bild: rro)

Marianne Künzle ist 1973 in Bern geboren. Die Kindheit hat sie an der Peripherie Schönbühls erlebt, die Jugendzeit in Jegenstorf. Nach der Mittelschule liess sie sich in Bern zur Buchhändlerin ausbilden. Nach Aufenthalten in Irland arbeitete sie im Buchhandel und wagte den Sprung in die Selbständigkeit. Im Jahr 2002 erfolgte der Wechsel vom ehrenamtlichen Engagement in den professionellen Umweltschutz. Bei Greenpeace übernahm Künzle die Kampagnenkoordination für eine ökologische Landwirtschaft. Auf die internationale Projektarbeit folgten Auszeiten in Australien sowie Weiterbildungen und Praktika im Landbau. Berufsbegleitend liess sich Marianne Künzle in literarischem Schreiben ausbilden. Seit 2016 ist sie Autorin und Teilzeitangestellte im NPO-Bereich. Marianne Künzle wohnt und lebt im Wallis. Im „Literatur-Hängert“ spricht sie über ihren neuen Roman „Der Rasen in Guwarra Heights“, erschienen im Telegramme Verlag.

„Hängert“ mit Marianne Künzle:

Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit im Originalton und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro

Kurt Schnidrig: Marianne Künzle, herzlich willkommen zum „Literatur-Hängert“ auf Radio Rottu Oberwallis. In deinem neuen Roman „Der Rasen in Guwarra Heights“ ist Australien einer der Schauplätze. Marianne, es ist dies bereits dein dritter Roman?

Marianne Künzle: Vielen Dank für die Einladung zu diesem „Literatur-Hängert“. Gerne möchte ich meinen dritten Roman vorstellen, der soeben im Telegramme-Verlag erschienen ist: „Der Rasen in Guwarra Heights“. Ich habe auch schon zwei andere Romane veröffentlicht. Mein erstes Buch war ein biographischer Roman über Johann Künzle, über den bekannten Kräuterpfarrer, der im letzten Jahrhundert gelebt hatte. Mein zweiter Roman trägt den Titel „Da hinauf“. Er handelt von zwei Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten auf einem Gletscher unterwegs sind. Jetzt also die Neuerscheinung „Der Rasen in Guwarra Heights“.

Die Protagonistin im Roman „Der Rasen in Guwarra Heights“ ist Gerda. Sie schlägt eine Brücke zwischen Australien und der Schweiz. Das verbindende Thema ist der „Black Summer“ 2019/20 in Australien. Ich denke, der australische Buschbrand dient in deinem Roman auch als pars pro toto, als ein Teil fürs Ganze, für die vielen Klimakrisen und Umweltkatastrophen unserer Tage?

Ja, das kann man so sagen. Gerda, die Hauptfigur im Roman, besucht ihre Eltern, die nach Australien ausgewandert sind. Dort gerät sie in die verheerenden Busch- und Waldbrände. Zurück in der Schweiz, verfolgt sie das Bild von Wildtieren, die sich vor dem Feuer auf den Rasen vor dem Elternhaus geflüchtet haben, um ihr Leben zu retten. Dieses Bild lässt Gerda nicht mehr los. Das archaische Bild steht für die Erderwärmung und für deren Folgen. In diesem Sinne könnte es auch eine Geschichte sein über die Waldbrände in Kanada, in Deutschland oder in Frankreich.

Waldbrände wüten in Kanada, Deutschland, Frankreich und auch bei uns. Im Jahr 2023 brannte der Wald oberhalb von Bitsch. Marianne, hat dich beim Schreiben unsere Gegenwart vielleicht sogar ein- oder überholt?

Ich habe mich längere Zeit in Australien aufgehalten. Ich kenne die Gegend, in der sich das Geschehen in meinem Roman abspielt. Als ich dann im Radio hörte und in den Zeitungen las, wie in Australien in ungewohntem Ausmass Feuer wüteten, hat mich dies wahnsinnig stark berührt und nicht mehr losgelassen. In einer Schweizer Zeitschrift habe ich eine Titelstory gelesen über ein Paar, welches nach Australien ausgewandert ist und dort alles verloren hat, auch ihre Farm. In einem Nebensatz wurde in dieser Story erwähnt, dass Wildtiere aus dem Wald heraus geflüchtet waren, kurz, bevor die Feuersbrunst die Farm erreichte. Die Wildtiere flüchteten auf den Rasen, den die Menschen nass gespritzt hatten, um die Wildtiere vor dem Feuer zu retten. Dieses eindrückliche Bild hat mich nicht mehr losgelassen. Ich begann mit dem Schreiben dieses Romans. Seit einem oder zwei Jahren hatte ich bereits an meinem Roman geschrieben, als in der Nähe meines Wohnorts Birgisch der Waldbrand ausbrach. Das war für mich schon ein sehr seltsames Gefühl. Plötzlich wurde Wirklichkeit, was ich in meinem Roman fiktiv zu Papier brachte. Der Himmel vor meiner eigenen Haustür war rauchverhüllt und nachts leuchteten die Feuer unheimlich.

In deinen Büchern ist die Natur das beherrschende Thema, dazu auch die Angst vor der Zerstörung und vor den Naturkatastrophen. Für dieses Genre des Schreibens kennen wir den Fachausdruck „Nature Writing“. Marianne, lässt sich sagen, dass du dich nun dem „Nature Writing“ verschrieben hast?

Das möchte ich so nicht sagen. Man weiss ja nie, was noch kommt. Aber es trifft zu, dass viele Schreibenden ihre Themen haben, die sie durchs Leben begleiten. Sei es beispielsweise, dass jemand über seine Herkunft schreibt oder über die Eingliederung an einem neuen Ort als geflüchtete Person. Andere schreiben über Gewalt, die sie erlebt haben. Wieder andere sind fasziniert von Kriminalgeschichten. Für mich ist nun mal die Natur von grosser Wichtigkeit in meinem Leben. Wenn ich mich in der Natur aufhalte und arbeite, gibt mir die Natur viel Energie. Entsprechend gross ist meine Sorge um den Verlust von Natur, der in unglaublicher Geschwindigkeit voranschreitet. Dieses Spannungsfeld liefert mir viel Motivation für mein Schreiben. Aber es könnte natürlich auch sein, dass ich künftig auch mal über etwas gänzlich anderes schreibe.

Marianne Künzle, dein neuer Roman trägt den Titel „Der Rasen in Guwarra Hights“. Bei der Lektüre kam ich ins Studieren. Ich habe mich gefragt: Handelt es sich bei diesem Roman um ein Buch, das uns zeigen soll, wie wir besser leben sollten und wie wir zur Natur vermehrt Sorge tragen könnten? Oder handelt es sich um eine Beschreibung des Ist-Zustands? Wie siehst du deine Rolle als Roman-Autorin? Schreibst du, um zwingend Lösungen aufzuzeigen?

Nein, nicht wirklich. Es handelt sich um die Geschichte von Gerda, die in eine Krise führt. Was sie in Australien sieht, belastet sie, und Gerda leidet darunter. Sie bekommt mit, was der Klimawandel anrichtet. Sie weiss nicht so recht, wie sie sich verhalten soll in einer Gesellschaft, welche die Klimakrise praktisch ignoriert. Diesen Prozess beschreibe ich in meinem Roman. Ich habe absolut keinen Anspruch, dass mein Roman Lösungen anbieten soll. Es ist an den Lesenden, ihre Schlüsse zu ziehen. Ob sie sich in dieser Romanstory spiegeln können und sich darin vielleicht auch wiedererkennen, das bleibe dahingestellt. Ich bin gespannt auf die Rückmeldungen. Wie kommt wohl das Buch beim Publikum an? Was löst es bei den Lesungen aus?

Der Anfang eines Romans ist ja dabei von grosser Wichtigkeit. Nicht selten entscheidet er darüber, ob sich die Lesenden von der Romanstory fesseln und faszinieren lassen und das Buch dann auch zu Ende lesen. Darf ich dich bitten, den Anfang deines Romans vorzutragen?

Danke vielmals! Dies ist der Anfang aus meinem Roman „Der Rasen in Guwarra Heights“, Teil 1, Wallaby.

Die Autorin liest:

«Januar, Februar 2020. Das Flugzeug gewann an Höhe, eskortiert von zwei Ibissen, die über der Stadt kreisten. Es drehte nach links ab, Sydney kippte aus dem Blickfeld. Gerda sah in einen trüben Himmel. Es tat gut zu sitzen. Nichts anderes tun zu müssen als sitzen. Ihr Kopf fühlte sich warm an. Hitze im ganzen Körper, in der Brust, den Beinen und Füßen. Dennoch bildete sich auf ihren Armen Gänsehaut. Sie regulierte die Ventilation. Die Frau neben ihr fragte, ob sie friere.

Das Flugzeug neigte sich über den Flügel zurück in die Waagrechte. Endlose Vororte. Parramatta. Baulkham Hills. Die Straßen ein Netz. Gerastert. Schnurgerade Linien. In den Quadraten Häuser wie platzierte Legosteine. Den Horizont verdunkelten Rauchsäulen. Brandherde im Großraum Sydney. Feuer. Unter Kontrolle.

Die Frau sprach vom Rauch, der die Augen reize, und fragte, ob Gerda aus Sydney sei. Gerda hörte sich selbst antworten, hörte ihre gedämpfte Stimme, das verlängerte Organ ihres Denkapparats. In Watte hatte sie ihr Denken gepackt, in Zeiten des Notstands und des Überlebenwollens, dieses wertvollste und gleichzeitig gefährlichste Gut. So einfach konnte es passieren, falsche Schlüsse zu ziehen. Exakt die falsche Richtung zu wählen, beispielsweise. Sich dem Feuer auszuliefern, anstatt vor ihm zu fliehen, weil der Wind, das himmlische Kind, machte, was es wollte. Die letzten Tage waren vom Nachdenken geprägt, und Gerda hatte Angst gehabt. Sie hatte sich den Kopf zerbrochen, was passieren würde, wenn sie alle länger bleiben würden, was passieren könnte, wenn sie die Farm zu spät verließen, was passieren musste, um wirklich in Sicherheit zu sein.

Gerda sagte zur Sitznachbarin, nein, sie reise über London nach Zürich. Schweizerin, stellte die Frau fest, und recht hatte sie, es war nicht der beste Zeitpunkt für einen Australientrip, und ja, niemand hatte wissen können, dass es so schlimm kommen würde. Gerda sagte, sie habe ihre Eltern besucht, sie lebten in der Nähe von St Albans, Macdonald Valley.

Alle wussten von den Bränden in den waldreichen Regionen nördlich der Hauptstadt. Die Frau sprach jetzt leiser, fragte, ob die Eltern in Sicherheit seien. Gerdas Worte, ja, sie denke schon, waren an das Fenster gerichtet. Das sei das Wichtigste, sagte die Frau. Sie klappte ihren Computer auf.»

Soweit der Anfang aus dem neuen Roman von Marianne Künzle «Der Rasen in Guwarra Heights». Marianne, du warst in Australien, schreibst du in deinem Roman über das, was du in Australien gesehen und erlebt hast? Handelt es sich in deinem Roman um eine wahre Geschichte? Oder eher um eine Geschichte mit einem wahren Kern? Wie verhält es sich mit der Wahrscheinlichkeit in deinem Roman?

Der Rasen spielt im Roman eine wichtige Rolle. Dabei handelt es sich um den «Kern» des Romans. Da steckt auch ein Stück Wahrheit dahinter. Wie bereits erwähnt, hatte ich in einer Zeitschrift über die wahren Begebenheiten eines Schweizer Paares gelesen, das im Feuer alles verloren hatte. Wildtiere retteten sich auf den Rasen vor ihrem Haus, damit sie nicht in den Flammen umkamen. Dieser Teil meines Buches beruht auf wahren Begebenheiten.

Marianne Künzle, dein Roman besteht aus mehreren Teilen. Im zweiten Teil des Romans grassiert die Corona-Pandemie. Damals hatten wir alle über die Herkunft des Corona-Virus gerätselt. So kam beispielsweise die Wildtier-Mensch-These auf. Weshalb nimmst du diese Corona-Zeit mit hinein in deinen Plot?

Das war zwangsläufig gegeben. Ich erzähle Gerdas Geschichte, diese beginnt 2019/20 mit dem «Black Summer», und insbesondere mit dem Wüten der Buschbrände in Australien. Kaum kehrt Gerda in die Schweiz zurück, bricht die Corona-Zeit an. Im Februar 2020 lassen die ersten Meldungen zum Corona-Virus aufschrecken. Im März folgte der Lockdown. In diese Zeit ist Gerdas Geschichte zwangsläufig chronologisch eingebettet.

Damals entbrannte die Debatte über die Rolle, welche die Wildtiere auf Chinas Märkten bei der Entstehung und der Verbreitung des Corona-Virus spielen. Ob die Wildtiere, beziehungsweise der menschliche Umgang mit den Wildtieren, die Pandemie befeuert haben, ist wohl bis heute noch nicht ganz geklärt. Auf dem Rasen in Guwarra Heights tummeln sich ebenfalls Wildtiere. In deinem Roman allerdings beschreibst du den menschlichen Umgang mit Wildtieren in Australien sehr viel positiver.

Man hört und liest immer wieder davon, dass die «Kollateralschäden» aufgrund von Waldbränden riesig sind. Pflanzen und Tiere verenden oftmals auf brutalste Art und Weise. Es war mir ein Anliegen, die Lebewesen in Australien vorzustellen und zu beschreiben. Wir alle wissen, es gibt in Australien zum Beispiel Papageien. Dabei handelt es sich um faszinierende Geschöpfe. Durch den Buschbrand waren die Papageien unmittelbar bedroht. Einige Tierarten sind aufgrund der Brände verschwunden. Man spricht von bis zu einer Milliarde Wildtieren, die zu Tode kamen. Auf den Rasen von Guwarra Heights haben sich verschiedene Wildtiere geflüchtet. Sie haben sich dort auf engstem Raum zusammengedrängt, um dem Feuer zu entgehen. Ich möchte eine Passage vorlesen, die sich auf den Papagei bezieht.

Die Autorin liest aus ihrem Roman «Der Rasen in Guwarra Heights», Seite 112:

«Der Gelbohr-Rabenkakadu tappst über den Rasen, dann bleibt er stehen. Er neigt den Kopf zur Seite. Seine kräftige Zunge ist tastend in Bewegung. Kerne finden, aus harten Schalen herauspuhlen. Gewohnheit. Die nährstoffreichen Banksiasamen am Waldrand meidet er. Vorerst. Dort wird das Feuer aus dem Wald brechen. Der Hitze eines Brandes ausgesetzt, öffnen Banksien ihre Nüsse, die fallen dann zu Boden. Ein Festessen für den Rabenkakadu. Wenn er überlebt. Nur eine Armlänge neben ihm die Baumschlange. Wie ein altes Stahlseil liegt sie im Gras. Auch sie muss aus dem Wald gekommen sein.

Wer seinen Blick über den Baldachin eines Eukalyptuswaldes schweifen lässt, entdeckt den Gelbohr-Rabenkakadu manchmal in den Baumkronen. Ein Ast gerät in Schwingung. Verrät seine Präsenz im Blattwerk. Einen Rabenkakadu, der am Eingang seiner Höhle herumwerkelt, die viele Generationen vor ihm bewohnt haben, der Nüsse am Knacken ist, mit Familienmit- gliedern streitet. Meistens erleichtern aber akustische Hinweise eine Sichtung. Dann, wenn Rabenkakadus über einen hinwegflappen, der Vogel sich gemächlich, aber lärmend durch die Lüfte trägt. Wenn er fliegt, könnte man meinen, um seine Sicherheit fürchten zu müssen. Es ist ein eigentümlicher Kontaktruf, den er von sich gibt und der über weite Distanzen hörbar ist. Der heisere, hektische Gesang eines verirrten Walfischs am Himmel oder das Quietschen eines verbogenen Rades. Vielleicht leidet er an Höhenangst und ruft deshalb, oder er kündigt sich an, wenn er zur Bruthöhle heimkehrt, oder er antwortet bereits im Anflug auf die zugerufene Nachricht seiner Partnerin, dass eine Schlange beide Eier aus der Höhle geraubt hat. Vielleicht erkundigt er sich auch nur nach dem Wohlergehen des Nestlings, der den Widrigkeiten des Aufwachsens zum Trotz auf proteinreiches Futter wartet, auf Insekten, vom Heimkehrer aus einem in mühseliger Kleinarbeit entrindeten Baumstamm gezerrt.»

Herzlichen Dank, Marianne. Wechseln wir von den grossen Tieren zu den kleinen Tieren. Bei der Lektüre deines Buches ist mir ein wunderschönes Bild in Erinnerung geblieben. Du beschreibst einen Käfer, einen sogenannten Totengräber, der seine Eier in eine tote Maus ablegt. Handelt es sich dabei nun tatsächlich um eine Metapher? Und wenn ja, traust du als Autorin deinen Lesenden zu, derartige Metaphern selber aufzulösen?

Auf diese Frage kann ich keine genaue Antwort geben. Als Autorin bin ich immer gespannt, wie die Lesenden sowas aufnehmen. Ich finde es doch sehr schön, wenn diese Szene als Metapher rüberkommt. Für den Roman ist diese Szene, in der die Totengräber-Käfer einen Mäusekadaver benutzen, um ihre Eier darin abzulegen, sehr wichtig. Gerda, zurück in der Schweiz, leidet unter all dem, was sie in Australien erlebt und gesehen hat. Sie ist die Patin (Gotte) des kleinen Max, der diese Totengräber-Szene beobachtet. Gerda geht es nach all dem Erlebten nicht gut. Jetzt aber sieht sie, wie Max sich zu interessieren beginnt für all das, was er in der Natur entdeckt. Der kleine Junge hat noch ein ganzes Leben vor sich, er freut sich über die Beobachtung. Auf Gerda wirkt die Reaktion des kleinen Jungen motivierend. Ihr Gemütszustand verbessert sich, und sie beschliesst, mutig weiterzugehen. So gesehen läutet diese Szene bei Gerda eine Wende zum Guten ein.

Marianne Künzle, sprechen wir noch etwas eingehender über die Figur Gerda. Ich zitiere: «Eine Qualle im trüben Wasser war sie, schwebend, die langsam in die Tiefe sank.» Und: «Gerda war wie weggesperrt». Gerda zieht sich in ein Schneckenhaus zurück. Lesende identifizieren sich mit den Figuren. Hast du dir als Autorin auch Gedanken über eine Identifikation der Lesenden bezüglich deiner Protagonistin Gerda gemacht?

Nein, nicht eigentlich. Ich denke, meine Aufgabe als Autorin besteht nicht darin, den Lesenden eine Botschaft zwingend vermitteln zu müssen. Ich erzähle in meinem Roman die Geschichte von Gerda, die sich aufgrund der Klimakatastrophen in einer persönlichen Krise befindet. Sie weiss nicht so recht, wie sie sich verhalten soll und wie es in ihrem Leben weitergehen könnte.

Nun ja, persönlich bin ich wohl ein Optimist, der bei derartigen Geschichten nach Visionen sucht und nach Glücksmomenten. Wenn du seitens des Lesepublikums auf Lösungen angesprochen wirst, oder wenn Lesende den Wunsch nach einem glücklichen Ende an dich herantragen, wie gehst du damit um?

Ob ich als Autorin mit meinem Buch mehr Hoffnung verbreiten sollte? Es gibt Figuren, die viel Schlimmes und Tragisches erleben. Häufig ist es ein Spiegeln, man sucht als Leserin oder als Leser nach einem Ausweg und findet ihn lange Zeit nicht. Im Roman lösen die Protagonistinnen im besten Fall etwas aus, und die Lesenden erkennen sich darin wieder. Sie fühlen sich bestätigt oder eben nicht. Ich denke, vielen Menschen heutzutage ergeht es ähnlich wie meiner Protagonistin Gerda. Angesichts der Klimakrise fühlen sie sich wie gelähmt in ihrem Handeln. So kann auch Hoffnung entstehen. Hoffnung entsteht häufig aus dem Dunkeln heraus.

Zuviel wollen wir über den Ausgang der Story nicht verraten, vielleicht aber doch noch dies: Gerda zieht sich auf den Rasen von Guwarra Heights. Wie es ihr dort ergeht? Vielleicht könntest du uns dazu eine kurze Leseprobe vortragen?

Ja gerne. Gerda befindet sich noch in Australien. Das Feuer nähert sich dem Elternhaus. Das Haus und der Rasen werden von der Feuerwehr und von Gerdas Vater mit Löschwasser benetzt, damit die Flammen nicht auf das Gebäude übergreifen. Zusammen mit ihrer Mutter verlässt Gerda diesen Ort, um sich in Sicherheit zu bringen.

Die Autorin liest aus ihrem Roman «Der Rasen in Guwarra Heights», Seite 160:

«Sie steigen ein. Amanda startet den Motor. Sie dreht das Radio auf. Amanda fährt sie nach St Albans, in die Community Hall, in die Schutzunterkunft.

In der Nacht ist Gerda von einem Geräusch aufgewacht. Ein langanhaltendes Wischen hoch über dem Dach. Unzählige flatternde Flügelchen. Ganze Vogelscharen, die einem Vogelgefühl folgten, einem inneren Kompass. Sie kamen von Nordosten. Gerda weiß, dass sie ihre Nester aufgegeben, Nestlinge zurückgelassen haben, dass sie Flüchtende sind.

Eine Böe wuchtet gegen das Auto, als sie losfahren. Kiefernnadeln rieseln auf die Frontscheibe. Hinter der Straße biegen sich die hohen Bäume. Sie verneigen sich vor dem leuchtenden Himmel, der alles in künstliches, viel zu intensives Licht taucht. Selbst die Hautfarbe von Mutters schweißnassen Armen, Amandas gerötete Wangen, die feuchte Fassade des Hauses, das sie hinter sich lassen. Alles scheint einem nachkolorierten Film aus den Fünfzigerjahren zu entstammen, mit einem Schaukelstuhl auf der Veranda, dem friedlich wiehernden Pferd, das am Pfosten festgezurrt ist.

Sie fahren über die Zufahrtsstraße am Rasen vorbei. Zierrasen akzentuieren die optische Wirkung eines Hauses, seiner Architektur. Wer ein eigenes Haus besitzt, schätzt es, davor jederzeit einen Rasen betreten zu können. Über akkurat geschnittenes Gras zu gehen, vermittelt Geborgenheit. Rasen bildet einen Raum zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Kultur und Natur, und lässt sich durchschreiten, ohne dass Dornen die Beine zerkratzen.

Restfeuchtigkeit verleiht dem Rasen einen matten Glanz. Weitere Tiere haben sich da versammelt. Drei Wallabys jetzt, eine ganze Gruppe Gelbohr-Rabenkakadus. Die Baumschlange. Die Felle der Tiere und ihre Federkleider, die Haut der Schlange und des Buntwarans, die Gerda auf dem Rasen sieht, sie schimmern geheimnisvoll. Eine dilettantisch komponierte Inszenierung auf einer Rasenbühne. Oder ist es ein Rettungsschiff, zu klein für sie alle?»

«Der Rasen in Guwarra Heights», ein zauberhaftes Buch, ein Roman, der auch manche Anregung zum Weiterdenken bietet. Vielen herzlichen Dank, Marianne Künzle, und viel Erfolg.

Marianne Künzle: „Der Rasen in Guwarra Heights“.
186 Seiten. Telegramme Verlag, Zürich 2026

Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit im Originalton und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro

Text, Bild, Hängert und Radiosendung: Kurt Schnidrig