
Das Schreiben begleitet die Geschäftsfrau und Autorin Marianne Burgener-Rittiner aus Brig seit jeher. Gedanken, Gefühle und Erfahrungen haben jetzt auch Eingang gefunden zwischen Buchdeckeln. Entstanden ist der autobiographische Roman „Linas Welt“. Im Literatur-Hängert berichtet die Autorin, wie sie beim Schreiben in ihre Figur Lina viel Persönliches hineingelegt hat. Engagiert und voller Leidenschaft erzählt sie von prägenden Erlebnissen, Herausforderungen und tiefen Wahrnehmungen.
„Hängert“ mit Marianne Burgener-Rittiner:
(Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro)
Kurt Schnidrig: Marianne, du hast einen Roman-Erstling veröffentlicht, es handelt sich dabei um den autobiographischen Roman „Linas Welt“. Hast du schon seit jeher geschrieben oder hast du das Schreiben gerade erst entdeckt?
Marianne Burgener-Rittiner: Ich habe bereits vor Jahren mit dem Schreiben angefangen. Ich habe oftmals spontan geschrieben, auf Zetteln, in Heften, oder auch mit dem Laptop.
Du hast einen autobiographischen Roman geschrieben. Hattest du die Materialien für deinen ersten Roman bereits beisammen oder hast du in kurzer Zeit die Stoffsammlung dazu erstellen müssen?
Ich hatte wirklich beinahe alles beisammen, bevor ich zu schreiben begonnen habe. Vieles, was mich seit Jahren beschäftigt, ist nun in diesen Roman eingeflossen, dazu gehören Erlebnisse und Gedanken. Besonders die „Seelenwelt“ ist bei mir ein sehr präsentes Thema. Ich hatte also für mein Buch nur noch zusammentragen müssen, was bereits vorhanden war. Materialien waren in Hülle und Fülle bereits vorhanden. Ich musste jetzt nur noch einen roten Faden finden.
Dein Roman trägt den Titel „Linas Welt“. Warum heisst der Roman nicht „Mariannes Welt“?
Wir haben uns für eine Protagonistin entschieden. Wir haben sie Lina genannt. Als Autorin brauche ich auf diese Art und Weise nicht ständig „ich“ zu sagen und zu schreiben. Der Name Lina hat mir zudem ganz einfach gefallen.
Wir dürfen aber schon annehmen, dass in deine Protagonistin Lina auch ein Teil von dir hineingeflossen ist? Mit anderen Worten: Du schreibst aus deiner persönlichen Perspektive?
Auf jeden Fall. Wer mich kennt, wird bestimmt Begebenheiten und Erlebnisse von mir in diesem Roman wiedererkennen. Einige, die das Buch bereits gelesen haben, fragen auch nach Personen, die sie in der Geschichte zu erkennen glauben. Oder sie fragen nach den Figuren: Handelt es sich bei dieser Figur um diesen oder jenen Menschen?
Wie viel Fiktion ist in deinen Roman hineingeflossen? Wie viel „gelebte Wahrheit“ hat im Roman Eingang gefunden?
Die Antwort auf diese Frage muss ich offenlassen. Wie viel Wahrheit mit dabei ist, lässt sich nicht in Prozentzahlen ausdrücken. Wer meinen Roman liest und mich nicht kennt, wird Lina als authentisch betrachten.
Dein Roman startet in Linas Kindheit. Lina träumt von einem Märchenschloss. Wie dürfen wir uns Linas Märchenschloss vorstellen?
Linas Kindheit war wie ein Märchen, traumhaft schön und perfekt. Lina hat sich wunderbar wie in einem Schloss gefühlt. Sie hat viel Geborgenheit zu spüren bekommen von den Eltern und auch von den Geschwistern.
Was alles hat diese glückliche Kindheit ermöglicht? Und wie können wir uns diese Kindheit konkret vorstellen?
Lina hatte liebe, nette und aufmerksame Eltern. Da hatte wirklich alles gepasst: die Liebe, das Finanzielle, die Geborgenheit… Es war wirklich alles da, es hat an nichts gefehlt. Linas Eltern hatten ihr diese märchenhafte Kindheit ermöglicht.
Lina lebte bei ihren Eltern wie in einem Märchenschloss. Irgendwann jedoch hatte dieses Märchenschloss Risse bekommen. Zu viel aus deinem Buch wollen wir zwar nicht verraten, aber doch nachgefragt: Warum nun taten sich Risse auf?
Ich bin mir nicht sicher, ob man in diesem Zusammenhang das Wort „Risse“ benutzen kann. Lina war schlicht und einfach der Meinung, das Leben könne immer so weitergehen. Sie glaubte, die Welt sei immer so gut und nett, alles würde weiterhin so rund laufen wie in ihrer Kindheit. Als Lina dann aber erwachsen wurde, hat sich die Realität dann doch etwas anders präsentiert. Sie traf auf Menschen, die ihre rosarote Sicht trübten. Ein Riss tat sich da auf in ihrem Gedankengut, in ihren Hoffnungen, in ihrer Weltanschauung.
Nachdem Linas Welt Risse bekommen hat, flüchtet sie sich in eine Zwischenwelt. Wie zeigt sich diese Zwischenwelt? Wie dürfen wir Lesende und diese Zwischenwelt vorstellen?
Da war einerseits die Einsicht, dass diese Welt doch nicht so perfekt ist. Parallel dazu hatte Lina die „Seelenwelt“ entdeckt, die in dieser Zeit immer präsenter wurde. Wars eine Flucht? Wars eine Oase, die Lina gesucht hat? Vielleicht ist für Lina ganz einfach allzu viel zusammengekommen.
Fanden in Linas Seelenwelt auch Kontakte mit dem Jenseitigen statt?
Zu viel aus meinem Buch möchte ich nicht verraten. Nur so viel: Die Seelenwelt war in ihrer Familie präsent. Ihr Grossvater, ihr Vater, Lina und auch eines ihrer Kinder hatten die Fähigkeit, „Seelen“ wahrzunehmen. Als Linas Welt ins Wanken geriet, hat sich diese Seelenwelt immer mehr offenbart.
Wie fand die Kontaktaufnahme statt?
In meinem Buch nimmt Lina diese andere Welt wahr und lebt sie auch aus. Wenn jemand den Boden unter den Füssen verliert und empfänglicher wird, gesteht man dem „anderen“ mehr Platz und Raum zu. Solange alles rund läuft, hinterfragt man sich nicht. Die „Seelenwelt“ spielt aber in „Linas Welt“ eine sehr bedeutende Rolle.
Hat Lina Stimmen aus einer anderen Welt wahrgenommen? Haben sich diese Stimmen eher in der Phantasie deiner Roman-Protagonistin Gehör verschafft? Oder hat Lina tatsächlich Stimmen aus dem Jenseits wahrgenommen.
Das ist nun wirklich ein „heisses“ Thema. Geschichten von Stimmen aus dem Jenseits lassen sich oft ganz einfach als Nonsens, als Unsinn, abtun. Viele Menschen sind für sowas ganz einfach nicht empfänglich. Bei Lina allerdings hat sich das Jenseits auf verschiedene Arten bemerkbar gemacht. Sie konnte Seelen wahrnehmen, Menschen lesen. Lina hatte auch Vorahnungen, was eintreten könnte. Ich denke, es liegt auch allgemein in der Natur des Menschen, dass wir grundsätzlich empfänglich sind für diese andere Welt, für die Seelenwelt, einige mehr und andere weniger. Linas Familie allerdings verfügte ganz ausgeprägt über diese Fähigkeit.
Dein Buch „Linas Welt“ wartet auch mit philosophischem Gedankengut auf. Deine Protagonistin Lina kann Menschen lesen. Was darf man sich darunter vorstellen?
„Menschen lesen“ ist ein weiter Begriff. Lina spricht zum Beispiel mit jemandem, gibt dieser Person die Hand und dann läuft bei ihr ein Film ab: Was ist das für ein Mensch? Was ist passiert? Was hat diese Person erlebt? Lina spürt, was in dieser Person vor sich geht und was es mit dieser Person so auf sich hat. Das ist es, was „Menschen lesen“ ausmacht.
Deine Protagonistin Lina lernt auch die dunklen Seiten des Lebens kennen. Wie zeigt sich dieses Dunkel?
Lina war sehr behütet aufgewachsen, das Leben jedoch zeigt nebst den Sonnenseiten auch seine Schattenseiten. In ihrem wohlbehüteten Zuhause war Lina lange Zeit kaum mit dem Schlechten konfrontiert gewesen. Aus diesem Grund hatte Lina wohl mehr Mühe mit all dem Negativen und Schlechten, das sich auf unserer Erde ereignet. Wenn Lina Verwerflichem und Negativem begegnet, setzt ihr das stark zu.
Was ist denn dieses Verwerfliche und Negative, das Lina derart arg zu schaffen macht?
Zu viel dazu möchte ich nicht verraten. Auch heute noch verschliesst sich Lina diesem Negativen, diesem Verwerflichen, sie möchte am liebsten die Augen verschliessen vor dem Bösen und Schlimmen in dieser Welt. Damit verschliesst sie vielleicht auch die Augen vor der Realität.
Dein Buch ist demnach eher philosophisch, die Handlung, die «action», ist nicht so wichtig?
Es geht mir in meinem Buch wohl eher darum, den Lesenden einen Anstoss zum Überlegen zu geben: Ist das alles wirklich so? Wie bin ich? Was passiert auf der Welt? Kann ich etwas Positives beitragen? Das ist bestimmt eine wichtige Botschaft, eine Message. Nebst traurigen und nachdenklich stimmenden Passagen lässt sich in meinem Buch auch Lustiges und Humorvolles finden. Der Roman soll ein Anstoss sein für meine Leserinnen und Leser, auch sich selbst zu hinterfragen und sich die Frage zu stellen: Was trage ich persönlich bei zum Wohlergehen von uns allen?
Trotz der lustigen und humorvollen Passagen in deinem Roman dürfen wir wohl kaum ein Happy End von Linas Geschichte erwarten?
Teils teils. Zum Schluss sollte sich der Leser oder die Leserin selber noch Gedanken darüber machen dürfen, ob Linas Geschichte ein glückliches Ende verdient oder vielleicht doch nicht ganz. Das wollen wir an dieser Stelle offen lassen.
Marianne, dein erstes Buch ist nun erhältlich. Schreibst du bereits wieder an einem neuen Buch? Oder möchtest du dich bei dieser Frage noch nicht «auf die Äste hinauswagen»?
Ich schreibe gern, ich möchte auch noch weitere Geschichten zu Papier bringen. Ich schreibe wieder an einem neuen Buch, diesmal mit dem Titel «Friedas Welt».
Vorerst jedoch wünschen wir dir viel Erfolg für dein erstes Buch, für den Roman-Erstling «Linas Welt». Herzlichen Dank, Marianne Burgener-Rittiner.
Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig