Buchhändlerin Amelie Stoffel schwört auf Mangas. Ein Rückblick auf den Mangaday

Mangas als Türöffner für das jugendliche Lesen? Amelie Stoffel kennt sich mit Mangas bestens aus (Bild: Kurt Schnidrig)

Vergangene Woche wurde in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich der Mangaday gefeiert. Über 30 Verlage stellten ihre Manga-Produktion in Buchhandlungen vor, so auch in den Oberwalliser ZAP-Filialen. Amelie Stoffel kennt Mangas aus eigener Lese-Erfahrung. In der Orientierungsschule hat sie das Manga-Lesen entdeckt. Warum sie auf Mangas steht? Wir haben uns mit ihr zum Interview getroffen.

Kurt Schnidrig: Amelie Stoffel, Sie sind Buchhändlerin in der ZAP Visp, heute ist Mangaday. Könnten Sie unseren Zuhörer:innen erklären: Was eigentlich ist aus Ihrer Sicht ein „Manga“?

Amelie Stoffel: Ein Manga ist eigentlich ein japanischer Comic. Meistens handelt es sich dabei um Geschichten über Action, Liebe, Horror, da hat es wirklich von allem etwas.

Richten sich Mangas an alle Altersklassen? Oder sind es vor allem die Jugendlichen oder auch die Erwachsenen, die Mangas lesen?

Ich würde sagen: Es sind vor allem Jugendliche und Erwachsene, aber es gibt auch Geschichten, die sich an Kinder richten, die sind dann einfach und leserlich gemacht.

Sie selber, Frau Stoffel, lesen häufig Mangas. Was genau gefällt Ihnen an dieser Sorte Literatur?

Ich hatte in der OS-Zeit zu lesen begonnen, als ich so 14-15 Jahre alt war. Was mich besonders angesprochen hat, das waren die Zeichnungen und auch die Geschichten. Einer meiner ersten Mangas war „Naruto“ – dieser Manga hat mich sehr „gepackt“ und in seinen Bann gezogen.

Dürfen wir wissen, welche Titel im Moment gelesen werden? Welchen Manga lesen Sie zurzeit?

Zurzeit lese ich «Jujutsu Kaisen», da geht es um Monsterbekämpfungen, um Jugendliche, die zur Schule gehen um dort zu lernen, wie man Monster bekämpft. Besonders gefragt sind Klassiker wie «Dragon Ball» und «My Hero Academia». Es sind dies Mangas mit viel Action. 

Sind Mangas auch bei uns im Oberwallis eine Trend-Lektüre?

Bei den Jugendlichen sind Mangas sehr gefragt. In der Schule höre ich häufig: «Ich habe diesen oder jenen Manga gelesen», in der Buchhandlung allerdings haben wir wenig Kunden, die nach Mangas fragen, denn Mangas werden häufig online gelesen. Aber so viel ich weiss, werden Mangas von den meisten jungen Leuten gelesen.

Woher stammt nun eigentlich der Manga-Trend?

Mangas waren wohl immer schon im Trend. Mangas und die Lektüre von Mangas waren aber immer ein Tabu-Thema. Es war etwas peinlich zuzugeben, dass man japanische Comics liest. Dadurch, dass Japan in den letzten Jahren zu einem begehrten Reiseziel wurde, habe ich das Gefühl, dass das Manga-Lesen wieder angesagt ist.

Sind Mangas vielleicht sogar ein Türöffner für Menschen, die wenig lesen? Eignen sich Mangas als Türöffner zum Lesen?

Persönlich würde ich Mangas durchaus als Türöffner zum Lesen bezeichnen, besonders deshalb, weil nicht so viel geschrieben ist, weil viele Geschichten gezeichnet sind, kann man sich diese Geschichten auch viel besser und einfacher vorstellen. Auch ist ein Manga schnell gelesen, man liest ein Manga vielleicht schon in einer Stunde durch. Man ist beim Lesen schnell, man kann Mangas überall mitnehmen.

Zum Schluss ein Lese-Tipp von Ihnen? Ein Manga, das aus Ihrer Sicht besonders empfehlenswert ist?

Ich empfehle „Kagurabachi“. Kagurabachi ist ein ganz neuer Manga, noch nicht abgeschlossen, da hat es viel Kampf, Action und Emotionen.

Amelie Stoffel empfiehlt den Manga „Kagurabachi“ als Einstiegslektüre (Bild: Kurt Schnidrig)

„Kagurabachi“ ist eine Mangaserie von Takeru Hokazono, die in Japan seit 2023 erscheint. Das Fantasy- und Action-Drama wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Ein guter Tipp! Auch erhältlich in der ZAP bei Amelie Stoffel in Visp.

Kommentar:

Mangas als Türöffner zum Lesen?

Junge Formate wie BookTok, New Adult, Fantasy und Romantasy sollen das Bücherlesen für junge Leute wieder attraktiv und begehrenswert gestalten. Auf der Social Media Plattform TikTok feiern Bücher bei der jüngeren Generation ein Revival, eine Renaissance. Unter dem Hashtag BookTok tauschen sich Jugendliche und junge Erwachsene über ihre Bücher und über ihre Lese-Erfahrungen aus. Dies geschieht mit Hilfe von Videos.

Auch das Phänomen New Adult erobert die junge Bücherwelt. Viele junge Lesende lieben die spannenden Love Stories, die sich in einem College oder in geheimnisvollen Bücherwelten abspielen. In New Adult lässt sich eine Geschichte gleichzeitig als gedrucktes Buch, als Film oder als Podcast erleben.

Besonders bei Jugendlichen stehen jedoch Mangas besonders hoch im Kurs. „Mangas können durchaus als Türöffner zum Lesen fungieren“, ist Buchhändlerin Amelie Stoffel überzeugt, „man kann sich die Geschichten viel besser und einfacher vorstellen.“ Amelie Stoffel holt in der ZAP Visp den zurzeit angesagten Manga Kagurabachi aus den Regalen und kommt dabei ins Schwärmen: Kagurabachi ist eine Mangaserie, ein zauberhaftes Fantasy- und Action-Drama mit Emotionen, das sich auch wunderbar als Einstieg ins Manga-Lesen eignet.

Teenager-Lektüre im Oberwallis

Tatsächlich scheint der japanische Comic, der Manga, dem jugendliche Lesen auch bei uns wieder neuen Schwung zu verleihen. „Im Oberwallis greifen vor allem viele 14- oder 15-Jährige zu Mangas, das Lesen von Mangas geht in der Orientierungsschule so richtig los“, weiss Amelie Stoffel auch aus eigener Erfahrung. „Einer meiner ersten Mangas war Naruto, dieser Manga hat mich voll und ganz in seinen Bann gezogen“, gesteht sie. Vor allem seien es die Zeichnungen gewesen, aber auch die besondere Art des Erzählens, die Story also, die sie buchstäblich zum Lesen verführt hätten.

Naruto? Ich blättere in diesem angesagten Manga: Als der neunschwänzige Fuchs das Dorf Konoha in der Welt der Ninja attackiert, entschließt sich dessen Anführer Minato Namikaze dazu, das Wesen im Körper seines Sohnes Naruto Uzumaki zu versiegeln. Ein Unterfangen, welches Minato selbst sein Leben kostet. Da es verboten ist, über dieses Ereignis zu reden, erfährt Naruto selbst erst mit 12 Jahren durch einen abtrünnigen Ninja davon. Darauf wird er selbst zum Ninja und Teil von Team 7, das verschiedene Aufträge für die Bevölkerung erledigt.

Bald wird klar: Mangas fesseln ihre Lesenden mit Action, Horror, Emotionen. Die ursprünglich japanischen Comics umfassen ein breites Spektrum. Manga heisst auf Deutsch „spontan“, „impulsiv“, „ziellos“, „unwillkürlich“, „bunt gemischt“, aber auch „ungezügelt / frei“, „wunderlich / skurril“ und manchmal sogar „unmoralisch“. Entsprechend werden sie vor allem von Jugendlichen gelesen, es sind aber auch Mangas für Erwachsene erhältlich und sogar auch für Kinder.

Manga-Klassiker

Besonders gefragt sind die Klassiker der Manga-Literatur wie Dragon Ball und My Hero Academia. Das sind Mangas mit viel Action. Der Protagonist in Dragon Ball reist durch die Welt um die sieben Kugeln, die sieben Dragon Balls zu finden. Das Problem dabei: Die begehrten Kugeln werden von einem Drachen bewacht, den es zu bekämpfen gilt. Zu diesem Manga-Klassiker erscheint aktuell die neue Serie Dragon Ball Super, dazu sind nicht weniger als 42 Bände bereits erschienen.

Klassische Mangas sind in Schwarz-Weiss gehalten und werden traditionell von hinten nach vorne und von rechts nach links gelesen. Die bei uns bekannteste Form sind die Story-Manga. Darin wird eine überlange und detailreiche Geschichte vermittelt. Ein Story-Manga kann sich über Tausende von Seiten hinziehen. Eine filmische Erzählweise mit viel Bewegung und Szenerie dominiert. Erzählzeit und erzählte Zeit überlagern sich, so dass das Gefühl „selber dabei zu sein“ entsteht. Mangas lesen sich schnell und leicht, was durch Lautmalerei und reichlich verwendeter Symbole gefördert wird.

Mangas fesseln die Lesenden durch die Vermittlung von starken Emotionen. Typisch sind die übergrossen Augen der Protagonisten, die entsprechend der vorherrschenden Stimmung auch noch verzerrt gezeichnet werden, um den Charakter und die Gefühle der Figuren zum Ausdruck zu bringen. Nicht selten ist eine Manga-Figur super deformed. Das heisst: Entsprechend dem sogenannten „Niedlichkeitskonzept“ schlüpft dann eine Figur spontan in eine kindliche Form um einen Ausbruch von Emotionen zu signalisieren, um dann wieder zurück in ihr angestammtes Erscheinungsbild zu wechseln.

Die Buchhandlungen sind gut vorbereitet auf den zu erwartenden Ansturm von jugendlichen Manga-Leserinnen, im Bild die ZAP Brig (Bild: Kurt Schnidrig).

Aktuelle Manga-Tipps

„Zurzeit lese ich Jujutsu Kaisen, da geht es um Monsterbekämpfungen, um Jugendliche, die zur Schule gehen um dort zu lernen, wie man Monster bekämpft“, verrät uns Amelie Stoffel in der ZAP Visp. Jujutsu Kaisen (kurz JJK) ist eine Mangaserie von Gege Akutami, die von 2018 bis 2024 in Japan erschien. Der Abenteuer- und Fantasy-Manga wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Eine Adaptation erschien von 2020 bis 2023 als Anime. Ein Anime-Film kommt in Kürze auch in unsere Kinos.

Ein Lese-Tipp? Amelie Stoffel empfiehlt Kagurabachi, eine Mangaserie von Takeru Hokazono, die in Japan seit 2023 erscheint. Das Fantasy- und Action-Drama wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Zum Inhalt: Mit seinen sechs magischen Schwertern hat der Schmied Kunishige Rokuhira den Seitei-Krieg, der das Land lange heimgesucht hat, beendet. Als Frieden eingekehrt war, sammelte und verbarg er die Klingen im Keller seiner Werkstatt. Seinen Sohn Chihiro unterwies er in der Kunst des Schwertkampfes und gab ihm das siebte seiner magischen Schwerter. Eines Tages werden die sechs Schwerter gestohlen und Kunishige vor den Augen seines Sohnes getötet. Der will sich nun für den Tod des Vaters rächen und die sechs Klingen zurückerobern. Seine Gegner sind die Hishaku, eine gefährliche Gruppe von Hexern. Auf seiner Reise wird er begleitet von Togo Shiba, einem talentierten Magier. Dabei unterstützen sie auch Menschen, die von Yakuza unterdrückt werden – und finden dabei eine Spur zu den Hishaku. Sie machen sich auf nach Tokio. Hinao, eine Jobvermittlerin für Hexen, schließt sich ihnen dabei an.

Kagurabachi ist ein ganz neuer Manga, noch nicht abgeschlossen, da hat es viel Kampf, Action und Emotionen“, verspricht Amelie Stoffel und fügt an: „Es ist etwas peinlich zuzugeben, dass man japanische Comics liest. Aber dadurch, dass Japan in den letzten Jahren zu einem begehrten Reiseziel geworden ist, habe ich das Gefühl, dass das Manga-Lesen wieder angesagt und auch hoch im Kurs ist.“

Hören Sie das Interview mit Buchhändlerin Amelie Stoffel in voller Länge und im Originalton (Quelle: rro / Kurt Schnidrig)
Hören Sie den Podcast aus der Sendung Literaturwelle von Radio Rottu Oberwallis (Quelle: rro / Kurt Schnidrig / Tiziana Imoberdorf / Monja Burgener)

Text, Bilder und Radiosendung: Kurt Schnidrig