Der „Literatur-Hängert“ im Monat Oktober: Sieglinde Kuonen-Kronig schreibt von der Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und von alternativen Entwicklungsmöglichkeiten in unserem engen Tal

Den Literatur-Hängert können Sie im Originalton jederzeit nachhören auf pomona.ch/rro (Bild:rro)

Literatur-Hängert vom 01.10.2025: Sieglinde Kuonen-Kronig ist Primarlehrerin und Logopädin. Als Autorin hat sie bereits zwei Romane veröffentlicht. Nach „Gelbe Tulpen vor dem Haus“ und „Die Tulpen haben aufgehört zu blühen“ arbeitet sie nun am Abschluss dieser Trilogie. Der dritte Band ihrer Romanserie lässt jedoch noch auf sich warten. Die Autorin berichtet über Fernweh und Abgründe in einem Walliser Dorf, deren Protagonistinnen Nicole und Sophie ein vielseitiges Frauenbild unserer Tage abgeben. Obschon die beiden Frauen in gegensätzlichen Welten leben und ihre Lebensplanung völlig unterschiedlich ist, verbindet Nicole und Sophie eine enge Freundschaft. Die schillernde Erzählung handelt von der Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und von alternativen Entwicklungs-Möglichkeiten in einem zu engen Tal.

Kurt Schnidrig: Sieglinde, du wohnst in Bitsch, du bist Primarlehrerin und Logopädin, du unterrichtest fremdsprachige Kinder und du bist auch Autorin. Zwei Bücher sind bis jetzt von dir erschienen. Halten wir kurz Rückschau: Wovon handeln deine Bücher?

Sieglinde Kuonen-Kronig: Nun ja, es ist nun schon geraume Zeit her, dass ich den ersten Roman herausgegeben habe, der Folgeroman erschien dann einige Zeit später. Die ursprüngliche Idee bestand darin, dass meine Geschichte in irgendeinem Oberwalliser Dorf sich abspielen sollte. Es sollte dies ein fiktives Dorf sein, wo verschiedene Frauen-Figuren leben. Das Leben dieser Frauen verläuft sehr unterschiedlich, sie leben in verschiedenen Welten, dennoch begegnen sich die Frauen in diesem Dorf auf die eine oder andere Weise immer wieder. Selber lebe ich ja auch in einem Dorf und das Faszinierende daran ist, dass da auch viele Frauen leben, die man vielleicht einmal kurz gesehen hat, die man aber nicht näher kennt. Zu dieser Grundidee habe ich mir Geschichten ausgedacht.

Könnte man also sagen, dass deine Geschichten auch ein klein wenig autobiographisch sind?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Eigentlich wollte ich etwas Fiktives zu Papier bringen, etwas, was sich nur in meinem Kopf abspielt. Die Feedbacks, die ich zu meinen Romanen erhalten habe, waren aber sehr eindrücklich. Meine Leser:innen glaubten die Figuren teils wiederzuerkennen. Ich wurde beispielsweise gefragt: Ist diese Figur nicht diese oder jene Frau, die du damals in diesem oder jenem Zusammenhang kennengelernt hast? Wer mich sehr gut kennt, der wird in meinen Büchern auch Figuren entdecken, die etwas mit meinem eigenen Leben zu tun gehabt haben. Eine Absicht steckt aber nicht dahinter, die eigenen Erfahrungen und Vorstellungen sind wohl beim Schreiben einfach hineingeflossen.

Sieglinde, es ist nun wohl auch an der Zeit, deine beiden bisherigen Bücher zu erwähnen: Dein erster Roman heisst „Gelbe Tulpen vor dem Haus“ und dein zweiter Roman trägt den Titel „Die Tulpen haben aufgehört zu blühen“. Bitte könntest du uns das Symbol der Tulpe näher erklären? Welche Funktion kommt der Tulpe in deinen Büchern zu?

Ja, jetzt hast du mich mit deiner Frage tatsächlich etwas „erwischt“, denn es war nun wirklich nicht einfach, einen Titel zu finden, der zu meinen Geschichten passt. Irgendwie bin ich auf die Tulpe gekommen, auf einen Titel mit Symbolcharakter. Meine Protagonistin Nicole, eine junge Journalistin, ist in meinem ersten Buch in Zürich am Arbeiten, dort startet sie auch ihre Karriere. In Zürich ereilt sie die Nachricht vom Tod ihrer Mutter. Nicole reist zurück ins Wallis, zurück in ihr Heimatdorf. Am gleichen Tag, als ihre Mutter gestorben ist, sieht Nicole im Garten vor ihrem Elternhaus die gelben Tulpen, die da jedes Jahr immer wieder geblüht haben. Einerseits handelt es sich dabei also um einen traurigen Hintergrund, weil die Tulpen sie immer wieder an ihre verstorbene Mutter erinnern, andererseits vermitteln die Tulpen aber auch einen hoffnungsvollen Aspekt.

Sieglinde, sind das nun Romane für Frauen, die du schreibst? Du sprichst von Protagonistinnen, von Nicole und Sophie. Sind deine Bücher auch eine Lektüre für Männer?

Ja klar, ich denke schon. Natürlich handelt es sich in erster Linie um Frauenromane, weil ja die Protagonistinnen ausschliesslich Frauen sind. Diese Frauen leben aber auch in Beziehungen, deshalb kommen Männerfiguren auch gelegentlich in der Story vor. Die Männer prägen und beeinflussen damit auch das Leben der Frauen. Ich kenne Männer, die meine Bücher gelesen haben, aber es sind wohl die Frauen, die sich von meinen Büchern besonders ansprechen lassen.

Du erzählst von sehr gegensätzlichen Frauenfiguren. Zwar treffen sich die beiden Frauenfiguren immer wieder. Die Romanstory verknüpft die beiden Frauengeschichten, aber trotzdem: Es handelt sich um gegensätzliche Protagonistinnen…

Ja genau, das habe ich auch als faszinierend empfunden. Allen geht es doch irgendwie gleich: Wir leben alle unser eigenes Leben, wir erlernen einen Beruf, wir absolvieren eine Ausbildung, wir gründen eine Familie oder vielleicht auch nicht. Ich finde, es ist spannend, in verschiedenen Welten zu leben, denn irgendwie findet man immer wieder den „Draht“ zueinander. Dieser Gedanke stand bei meinem Schreiben im Zentrum: Es eröffnen sich uns neue Horizonte, wenn wir Einblicke erhalten in andere Lebenswelten, die nicht die unsrigen sind. Eine wichtige Aussage in meinen Romanen ist, dass verschiedene Lebensentwürfe nebeneinander Platz haben.

Nun sind bereits zwei Romane von dir erschienen, „Gelbe Tulpen vor dem Haus“ und „Die Tulpen haben aufgehört zu blühen“. Nun fragen wir uns alle: Wann kommt der dritte Band dieser Trilogie heraus? Und welchen Titel wird wohl dein drittes Buch tragen?

Ja, das ist eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird. Aber wie das Leben so spielt, es sind mir beim Schreiben nun auch einige Ereignisse aus meinem eigenen Leben „dazwischengekommen“. Es fehlen mir nun einfach Zeit und Gelegenheit, an meinem dritten Band zu arbeiten. Vor allem hat mich mein Jobwechsel beschäftigt. Und da sind auch die Eltern, die im Alter meine Unterstützung benötigen. Was ich aber versichern kann: Der dritte Band wird nichts mehr mit dem Symbol „Tulpen“ zu tun haben. Im dritten Band wird es vermehrt um die Entwicklung der beiden Protagonistinnen Nicole und Sophie gehen. Nun geht es vor allem darum, herauszufinden, was für die Journalistin Nicole oder für Sophie in ihrer Mutter-Rolle wohl das Beste in ihrem Leben sein wird. Im Leben kann man nicht alles haben. Dies ist eine Botschaft, die ich weitergeben möchte. Es geht wohl schlussendlich immer darum herauszufinden: Was ist für mich das Beste? Auf jeden Fall hatte ich nach dem zweiten Buch den Eindruck, dass noch nicht alle Fragen geklärt sind. Aber ehrlich gesagt: Ich möchte mich jetzt nicht festlegen, wann ich wieder zum Schreiben kommen werde. Auf jeden Fall habe ich mit dem Weiterschreiben schon mal begonnen. Einige Kapitel stehen bereits, aber ob ich dieses Schreibprojekt beenden werde, das steht zurzeit noch in den Sternen.

Es braucht für alles seine Zeit. Dies führt mich hin zur Frage: Wann und wo kannst du am besten schreiben? Ziehst du dich in eine Alphütte zurück? Gibt es eine besondere Umgebung, die dich zum Schreiben motiviert und animiert?

Die „Alphütte“ war nun tatsächlich ein gutes Stichwort. Unsere Familie besitzt eine Alphütte. Mein erstes und auch mein zweites Buch sind zu einem grossen Teil in dieser Alphütte entstanden. Persönlich bin ich eher ein Abendmensch. Am Morgen habe ich eher etwas Mühe in die Gänge zu kommen. In der Alphütte ist bei mir alles Alltägliche irgendwie „weggebrochen“ und ich habe mich voll und ganz auf das Schreiben einlassen können. Wenn es „fliesst“, wenn ich einen „Schreibfluss“ erlebe, dann kann ich auch in eine ganz neue Welt eintauchen, was dann immer auch eine sehr bereichernde Erfahrung ist.

Recherchierst du zu deinen Geschichten, oder „fliesst“ alles ganz einfach aus dir heraus? Hältst du dich in Bibliotheken auf oder machst du dich anderweitig kundig, bevor du zu schreiben beginnst?

Das ist eine spannende Frage. Es gibt sicher verschiedene Vorgehensweisen. Erfolgsautoren haben heutzutage ein Heer von Mitautor:innen angestellt, die für eine Story die Recherche-Arbeiten übernehmen. Für meine Bücher habe ich wenig recherchiert. Zuweilen versichere ich mich im Internet, vor allem wenn es um Örtlichkeiten geht. Meine Bücher leben jedoch viel mehr von Interaktionen, von Gesprächen zwischen den Frauenfiguren. Meine grösste und beste Inspirationsquelle sind die täglichen Begegnungen. Es sind die täglichen Begegnungen, die ich als Familienfrau oder als Berufsfrau erlebe, die mein Schreiben bereichern. Es ist der „Hängert“, der Gedankengänge nach sich zieht und der auch die Figuren in meinen Geschichten entstehen lässt.

Nun sind wir alle gespannt und neugierig, ob und wann der dritte Band deiner Trilogie erscheint. Hast du vielleicht sogar schon den Titel für deinen dritten Band im Kopf?

„Das Beste in deinem Leben“

Das wünschen wir dir und uns allen. Vielen herzlichen Dank für diesen Hängert.

Den Literatur-Hängert können Sie jederzeit im Originalton und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro 

Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig