
Bereits zur Tradition geworden ist der Schweizer Vorlesetag. Der nationale Aktionstag geht am Mittwoch, 27. Mai in Familien, Schulen, Bibliotheken, Buchhandlungen und vielen weiteren Institutionen über die Bühne. Das diesjährige Motto heisst: „Vorlesen baut Brücken“.
Vorlesen unterstützt Kinder in ihrer Entwicklung. Insbesondere zeigen sich in der Sprachentwicklung mannigfache Vorteile: Kinder, denen regelmässig vorgelesen wird, verfügen über einen grösseren Wortschatz, und sie erlernen auch bedeutend leichter das Lesen und das Schreiben.
Was sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gilt: Beim Vorlesen eignen wir uns wichtige Fähigkeiten an, Kompetenzen, die entscheidend sind für das Verstehen von Texten, für das Textverständnis also. Wer sich vorlesen lässt, nimmt ganz bewusst auch Erzähl- und Sprachmuster wahr. Beim Zuhören wird klar, wie sich Sätze formulieren lassen.
Unsere Alltagssprache ist vorwiegend der Dialekt. Das Vorlesen in hochdeutscher Sprache fördert in diesem Umfeld das Verständnis und den korrekten Gebrauch schriftsprachlicher Ausdrücke.
Was beim Vorlesen auch immer mitschwingt: Es sind ja unsere Kinder, welche die Welt von morgen mitgestalten. Es ist unsere Aufgabe, den Horizont der Kinder zu erweitern und ihnen zu helfen, ihre Fantasie zu entfalten. Das Vorlesen ist diesbezüglich eine wertvolle Inspirationsquelle, um sich unsere künftige Welt vorzustellen.
Für das Vorlesen sollte man sich Zeit nehmen und auf eine entspannte Vorlese-Atmosphäre achten. Dazu gehört auch ein gemütlicher Ort, der das Vorlesen ohne störende Nebengeräusche und ohne ablenkende digitale Apparate ermöglicht.
Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, wenn Kinder selber das Vorlese-Buch oder die Vorlese-Geschichte auswählen dürfen. Dies kann zu Hause geschehen, in der Buchhandlung oder in der Bibliothek.
Wer immer auch vorliest, sollte darauf achten, dass genügend laut und deutlich vorgelesen wird. Lebendiges Vorlesen ist gefragt. Hin und wieder ist es angezeigt, eine kleine Pause einzulegen, um die Worte wirken zu lassen. Geübte Vorlesende variieren auch hin und wieder die eigene Stimme und verändern je nach Situation die Tonalität. Wer zuweilen den Blickkontakt zu den Zuhörenden sucht, weckt zusätzlich deren Aufmerksamkeit.
Vorlesen ist keine Einbahnstrasse. Zusammen eine Geschichte erleben heisst auch, den Zuhörenden die Zeit geben, in der sie eigene Gedanken entwickeln und während des Vorlesens auch Fragen stellen können. Das Publikum lässt sich motivieren und anregen mit Fragen wie: Wie könnte diese Geschichte jetzt weitergehen? Könntest du dir auch noch einen anderen Schluss für diese Geschichte vorstellen?
Meistens gibt auch ein Wort das andere, denn Vorlesen ist zudem eine Gelegenheit, mit Kindern über all das zu sprechen, was ihnen wichtig ist.
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig