
Was passiert, wenn Menschen nicht auf den gesellschaftlichen Einheitsbrei, sondern auf ihr einzigartiges Herz hören? Die Anna-Bücher von Livia Anne Richard sind Mutmachergeschichten. Bereits erschienen sind die zwei Bände „Anna der Indianer“ und „Anna der Vater“. Der dritte Band „Anna der Häuptling“ liegt in einem Entwurf vor, danach habe sie ihn aber „in die Schublade“ getan, weil sie ein anderes Thema vollumfänglich zu beschäftigen begonnen habe, erklärt Livia Anne Richard. Da habe sie nicht anders gekonnt, als darüber zu recherchieren und auch zu schreiben.
Was ist das für eine Geschichte, die den dritten Band der Anna-Trilogie vorläufig «schubladisiert»? Eine Nachfrage ergab: Auf den Kanarischen Inseln, wo Livia Anne Richard den Winter jeweils schreibenderweise verbringt, herrscht seit ein paar Jahren eine von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommene immense Flüchtlingskrise. Ein Hafenmitarbeiter habe ihr gesagt, viele der Flüchtlinge seien Fischer aus Westafrika. Diese Aussage habe ihr zu denken gegeben. «Fischer aus dem Fischerparadies Westafrika als Flüchtlinge? Das konnte ich nicht glauben. Nach langer Recherche habe ich die ganzen (globalen) Zusammenhänge herausgefunden. China baut eine Fischmehl(!)fabrik nach der anderen an der Westküste Afrikas. Die Sardinellas, Hauptproteinquelle für die Menschen in Afrika, werden den Menschen vor dem Maul weggeschnappt. Aus den frischen kleinen Fischen wird Fischmehl produziert, um die riesigen Fischzuchten in China und Norwegen zu füttern, damit wir hier unseren Zuchtlachs auf den Teller kriegen. Am Buch über diese Tragödie arbeite ich zurzeit und es ist weit fortgeschritten.»
«Anna der Indianer»
Doch zurück zur Anna-Trilogie, zum Familienepos. Zwar ist der dritte Band noch ausstehend, die bisher erschienenen zwei Bände lassen sich aber auch einzeln lesen. Mit Rückblenden und Regressionen, vor allem aber mit idyllischen Kindheitsmustern, zeichnet sie im Roman „Anna der Indianer“ die Entfaltung ihrer Protagonistin bis ins frühe Erwachsenenalter nach. Der Roman gerät so zu einer eigenwilligen Entwicklungsgeschichte, die dazu ermutigt, gesellschaftliche Fesseln zu sprengen und das Denken in Schwarz-Weiss-Bildern aufzubrechen.
Die Protagonistin Anna im Roman „Anna der Indianer“ lässt sich nicht in irgendwelche Muster oder Klischees hineinpressen, die andere für sie im Leben vorgesehen haben. So wie ihre italienische Nonna etwa, die das alte Rollenverhalten vertritt: Eine Frau solle Knöpfe annähen, abstauben, bügeln. Ein Mädchen solle nicht pfeifen, nicht Fussball und nicht Indianerlis spielen wie die Jungs. Eine Frau soll vielmehr einen guten Sugo kochen können. Derart angelegten und vorbestimmten Mädchen- und Frauenbildern verweigert sich Anna. Weder die geliebte Nonna, noch die alleinerziehende Mutter, weder die Kindergärtnerin noch die Spielkameraden des Quartiers können Anna daran hindern, mutig und tapfer ihren eigenen Weg zu gehen und nötigenfalls ihn sich auch zu erkämpfen wie der
Indianerhäuptling Winnetou. Trotzdem ist „Anna der Indianer“ kein feministisches Buch. Es geht vielmehr um das einfachste und wichtigste Menschenrecht: Es geht darum, sich selber sein zu dürfen, sich selber immer wieder neu erfinden und weiter entwickeln zu dürfen. „Anna der Indianer“ ist trotz des umstrittenen Debattier-Themas jedoch keineswegs allzu ernst geschrieben, sondern in einem humorvollen Ton erzählt, vor allem auch befeuert durch eine befreiende und wohltuende Situationskomik.
Gesellschaftliche Fesseln sprengen
Erst beim Schreiben sei ihr bewusst geworden, welche Botschaft ihr Buch eigentlich vermittle, verriet mir Livia Anne Richard in einem persönlichen Gespräch in Bern. Diese Botschaft versuche sie im zweiten Band, an dem sie nun arbeite, noch stärker rüberzubringen. „Wir müssen alle unseren Kopf lüften, neue Ideen generieren und „abfahren“ mit so alten Fragestellungen wie: Was ist typisch Mann, was ist typisch Frau? Was ist gut, was ist schlecht? Was ist schwarz, was ist weiss?“ Und dann gibt sich Livia Anne Richard kämpferisch, fast genauso wie ihre Protagonistin Anna im Roman. Wie lassen sich all die Fesseln sprengen, die uns die Gesellschaft anlegt? Diese Befreiung gesteht Anna auch den Männern zu. In diesem Sinne ist „Anna der Indianer“ kein feministisches Buch, sondern vielmehr ein überzeugendes und motivierendes Buch, das die starren und überkommenen Mann-Frau-Rollen hinterfragt.
«Anna der Vater»
Der Titel ihres zweiten Romans könnte Irritationen auslösen. Handelt der Roman das zurzeit angesagte Thema „Transgender“ ab? „Ich habe zwar nichts gegen Transgender-Menschen“, wehrt Livia Anne Richard ab, „aber es geht nicht um dieses Thema in meinem Buch.“ Der Roman „Anna der Vater“ ist der zweite Teil von Annas Lebensgeschichte. War „Anna der Indianer“ aus dem Jahr 2020 eher ein Entwicklungsroman, eine Coming-of-Age-Geschichte also, verwirklicht Anna nun im zweiten Band ihre Idee einer ungewöhnlichen Familienkonstellation, indem sie die Rolle des Vaters für die Kinder ihrer besten Freundin Nora übernimmt. „Anna der Vater“ ist ein Buch, das die Lesenden animieren soll, ihren Weg zu gehen“, gab mir Livia Anne Richard nach meinem Besuch in Bern mit auf den Weg. „Die Leserinnen und Leser sollen sich die Freiheit nehmen, sich immer wieder neu zu erfinden, und dies nicht im Sinne eines falsch verstandenen Egoismus, sondern im Sinn von Freigeist, von grossem Denken, nicht im Sinne eines Maulwurfdenkens.“
Das Recht, sich neu zu erfinden
„Anna der Vater“ ist ein Plädoyer für ein Leben jenseits der Konventionen. Dieser übergeordneten Message kommt die aktuelle Debatte über das Aufbrechen der „Binär-Codes“ in die Quere. Ist es nicht immer noch so, dass es bei vielen von uns einfach nur „Frau“ und „Mann“ gibt? Dass es nur „Mutter“ und „Vater“ gibt? Solch enges Denken versucht der Roman aufzubrechen. Die Natur hat eine unglaubliche Fantasie, sei dies nun in der sexuellen Ausrichtung oder in der Geschlechts-Identität. Kürzlich habe ihr eine Biologin erklärt, dass es 22’000 verschiedene Arten gebe, wie ein Mensch im Sinne von weiblichen und männlichen Elementen zusammengesetzt sein könne, sagt die Autorin. „Es gibt Männer, die sind weiblicher als jede Frau und es gibt Frauen, die sind männlicher als jeder Mann! Wir sind alle ein Unikat-Gemisch aus Hormon-Zusammensetzungen.“
«Anna der Häuptling»
Der dritte Band der «Anna-Bücher» soll demnächst erscheinen. Ohne bereits allzu viel zu verraten, sagt Livia Anne Richard zum letzten Band ihres Familien-Epos: «Am Ende des zweiten Buches ist ein sehr spezielles Baby auf die Welt gekommen. Das ist ein Baby, das nicht in diese Welt passen will. Im dritten Buch «Anna der Häuptling» geht es nun im Kern darum, wie dieser inzwischen nun junge Mensch seinen Weg findet, und dies trotzdem, dass er nicht in die Norm passt, in die ihn die Gesellschaft zwängen will. Als junger Mensch hat er eine Familie, die hinter ihm steht.
Mein Familienepos macht einen Zoom auf eine Familie, die ich sehr gerne auf die ganze Welt extrapolieren möchte. Ich möchte sagen: Es geht doch! Wir müssen einander nicht nur tolerieren und tolerieren heisst dulden, sondern auch akzeptieren. Akzeptieren ist stärker als tolerieren. Wir müssen uns in unserer Andersartigkeit akzeptieren. Wir dürfen nicht Menschen in die eigenen Normen unseres Denkens pressen. Wir müssen aufhören, die Natur unseren Normen anzupassen. Wir müssen uns den Normen der Natur und ihrer Vielfalt anpassen.
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig