
Wie die Schweizer Erzählnacht auch in der Ausbildung Schule macht. Sarah Rittiner, Projektleiterin an der OMS Brig, berichtet.
Die Schweizer Erzählnacht gehört mit über 700 Veranstaltungen jedes Jahr zu den grössten Kulturanlässen der Schweiz. Das Literaturprodukt aus dem Oberwallis hat sich als eines der erfolgreichsten nationalen Literaturförderungs-Projekte etabliert. Sie wird heute vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM in Zusammenarbeit mit UNICEF Schweiz und Bibliomedia Schweiz organisiert.
Jeweils am zweiten Freitag im November geht die Schweizer Erzählnacht über die Bühnen unserer Dörfer, auch bei uns. In diesem Jahr von zuoberst im Goms bis hinunter nach Salgesch, so zum Beispiel in der Regionalbibliothek Untergoms, in Grengiols, in der Bauernhofschule Schmeli, in der Gemeindebibliothek Naters, in den Schulen von Mund und Naters, im Schulhaus Turtmann, im Kunstraum Salgesch oder auch in der Oberwalliser Mittelschule St. Ursula in Brig.
Vor 30 Jahren wurde die Schweizer Erzählnacht im damaligen Oberwalliser Seminar aus der Taufe gehoben. Die damalige Klosterschule ist die heutige OMS St. Ursula Brig. Sarah Rittiner, Projektleiterin an der OMS St. Ursula in Brig, streicht die Bedeutung des Projekts «Schweizer Erzählnacht» für angehende Lehrpersonen heraus.
Projektunterricht mit Sarah Rittiner
Sarah Rittiner bereitet die Lehramtskandidatinnen und -kandidaten der Fachmaturität Pädagogik an der OMS Brig nun schon seit einigen Jahren auf ihren Einsatz als Erzählerinnen und Erzähler für die Schweizer Erzählnacht im Deutschwallis vor. Auf die Frage, was denn das Wertvollste an der Vorbereitung und an der Durchführung des Projekts „Erzählnacht“ sei, bezieht Sarah Rittiner ausführlich Stellungnahme:
„Das Wertvollste für mich ist zu sehen, wie unsere Schülerinnen und Schüler mit den Kindern aus der Primarschule umgehen, ich sehe dann die Lehramtskandidatinnen in der Rolle einer Lehrperson. Es sind ja die Lehramtskandidatinnen der Fachmaturität Pädagogik, die das Projekt Erzählnacht durchführen. Die meisten von ihnen möchten ja später als Primarlehrerin oder als Primarlehrer arbeiten. Auch für die angehenden Berufsleute ist die Erzählnacht jeweils ein Highlight. Schlussendlich sind sie alle der Meinung, das Projekt habe ihnen gezeigt, dass sie auf dem richtigen Weg seien. Die Erzählnacht ist ein Projekt, das ihnen wirklich Freude bereitet. Es ist auch immer wieder schön zu sehen, wie auch die Kinder, welche die Erzählnacht besuchen, Freude daran haben. Die positiven Rückmeldungen der Primarlehrpersonen sind ebenfalls hilfreich. Die Erzählnacht ist für mich rundum ein wertvolles Projekt.“
Im Rahmen des Projektunterrichts startet Sarah Rittiner bereits in der ersten Schulwoche. „Es handelt sich um eine Doppelstunde pro Woche in Halbklassen, das heisst, ich halte für eine halbe Klasse eine Doppellektion und an einem anderen Tag dieselbe Doppellektion für die andere Hälfte der Klasse“, erläutert Sarah Rittiner. „Bereits zu Beginn des Sommers kenne ich alle Lehrpersonen, die mit ihren Primarklassen am Projekt mitmachen. Das Thema der Erzählnacht ist immer schon anfangs Juni bekannt, das wird in das Skript eingeflochten. Aufgrund der Anpassungen aus dem vorhergegangenen Jahr nehme ich dann immer auch noch Anpassungen vor: Was lässt sich noch verbessern? Was ist gut gegangen?“
Auch wenn das Lesen, Schreiben und Erzählen im Zentrum stehen, kommen immer auch noch Elemente hinzu wie die Raumgestaltung, das Besorgen von passenden Utensilien und vieles mehr. Da kann Sarah Rittiner aus dem Vollen schöpfen: „Wir haben da mittlerweile viel Material beisammen, das wiederverwendet werden kann, zum Beispiel Lichterketten, Tücher usw. Viele Schülerinnen und Schüler haben auch viel passendes Material zum Ausgestalten der Geschichten bereits zu Hause. Ich versuche den Mitmachenden immer wieder ans Herz zu legen, dass sie nachhaltig sein sollen. Sich untereinander abzusprechen und auszuhelfen ist diesbezüglich wichtig.“
Motto „Zeitreise“
„Zeitreise“ ist das Motto der Erzählnacht 2025, in die sich am 14. November in allen vier Landesteilen eintauchen lässt. Das diesjährige Motto lädt dazu ein, Bücher als Vehikel zu nutzen, um in die Vergangenheit oder Zukunft zu reisen. Geschichten nehmen uns mit auf eine Reise in vergangene Zeiten.
Das Motto eignet sich bestens auch für einen Rückblick auf die Entstehung der Schweizer Erzählnacht vor dreissig Jahren und auf ihre Vorläuferin und Ideengeberin, die Walliser Märlinacht, vor 35 Jahren. Eine Zeitreise darf jedoch auch in die Zukunft führen. Was die erfolgreiche Schweizer Erzählnacht betrifft, ist es mit Sicherheit angezeigt, das Traditionelle und Bewährte beizubehalten, das bereits vor 30 Jahren am Oberwalliser Kindergärtnerinnen- und Lehrerseminar gegründet und unter tatkräftiger Mithilfe des damaligen Schweizerischen Bundes für Jugendliteratur zur Schweizer Erzählnacht geformt wurde. Die Prinzipien der Schweizer Erzählnacht sind seit den Anfängen bis heute gleichgeblieben.
In diesem Sinn muss Erzählkunst auch künftig im Wesentlichen die freie Erzählung und die Weitergabe von Geschichten in Form des gesprochenen und gehörten Wortes ausmachen. Das freie Erzählen von Märchen und Geschichten gilt seit 2016 als immaterielles Kulturerbe der Unesco. Charakteristisch für die mündliche Erzählkunst ist das gemeinsame und zeitgleiche imaginative Erleben von Geschichten. Das mündliche und zwischenmenschliche Erzählen soll auch künftig die wichtigste Form der menschlichen Kommunikation bleiben.
Moderne Darbietungen
Auch wenn in der Erzählkunst das traditionelle mündliche Erzählen ein Hauptanliegen darstellt, eröffnen sich in der Darbietung der Erzählstoffe immer wieder neue darstellende Kunstformen. So können etwa Musik, Tanz, Gesang, Rollenspiel, Pantomime oder verschiedene Theaterformen in die Erzählung eingebunden werden.
Es versteht sich, dass das Erzählen in Zukunft noch vermehrt zusätzliche Funktionen zu übernehmen hat, so etwa als kulturelle Bildung für Kinder und Erwachsene mit Migrationshintergrund. Elemente des freien Erzählens von Geschichten werden auch zunehmend im therapeutischen Kontext, aber auch im Marketing oder in der politischen Kommunikation eingesetzt. Für diese neuartigen Anwendungsformen des freien Erzählens hat sich der Begriff Storytelling eingebürgert. Parallel zur Gründung der Oberwalliser Märchennacht im Jahr 1990 und mit deren Transfer in die Schweizer Erzählnacht im Jahr 1995 ist unabhängig voneinander eine der bekanntesten Storytelling-Methoden am Massachusetts Institute of Technology in den USA entwickelt worden.
Mit Hilfe von Geschichten, die angereichert sind mit Metaphern, können Konflikte bildhaft erfahrbar gemacht und es können auch Lösungswege aufgezeigt werden. Um Auskunft beispielsweise über die Unternehmenskultur zu erhalten oder um kostspielige Prozessschwächen aufzudecken, werden Erzählungen der Mitarbeitenden genutzt. Geschichten sind verständlich, sie bleiben stärker im Gedächtnis und sie stiften Sinn und Identität.
Dieser Beitrag erschien auch auf pomona.media/rro und im Online Portal von pomona.media.
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig