Der „Literatur-Hängert“ im Monat November: Niklaus Brantschen über das Leben mit den Toten und warum es gut tut, gelegentlich den Vorhang zwischen Leben und Tod zu heben.

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Den Literatur-Hängert können Sie im Originalton jederzeit nachhören auf pomona.ch/rro (Bild:rro)

Literatur-Hängert vom 01.11.2025: Niklaus Brantschen, namhafter spiritueller Lehrer, ist Jesuitenpater und Zen-Meister. Im Allerseelenmonat November empfiehlt er einen Austausch und eine Begegnung mit unseren Ahnen und unseren Toten. Die Grenze zwischen Leben und Tod sei hauchdünn. Wir hätten unsere Wurzeln abgeschnitten und verloren. Es tue uns gut, gelegentlich den Vorhang zwischen Leben und Tod zu heben, ist Brantschen überzeugt. Es gebe keine Mauer zwischen Leben und Tod, die man durchlöchern müsse. Ursprüngliche, indigene Völker können uns auf die Wichtigkeit solcher Begegnungen mit den Toten aufmerksam machen, ist Niklaus Brantschen überzeugt.  

Kurt Schnidrig: Niklaus Brantschen, herzlichen Dank, dass Sie sich für einen Literatur-Hängert zur Verfügung stellen. Es ist nicht ganz einfach, Sie mit all ihren Funktionen und Aufgaben vorzustellen. Sie sind Jesuitenpater, Zen-Meister oder jetzt auch Schamane, wie dürfen wir Sie vorstellen?

Niklaus Brantschen: Ich bin Niklaus, Niklaus Brantschen, und ich möchte das immer mehr werden. Ich möchte immer mehr das werden, was ich bin, nämlich «der Niklaus».

Wollen wir uns also mit «du» anreden?

Ich versuche, mich daran zu gewöhnen. Wir kennen uns erst seit zehn Minuten. Du bist also der Kurt, ich der Niklaus.

«Du bist die Welt», so heisst dein neues Buch. Bitte könntest du mir den Titel deines neuen Buches erläutern?

Wir betrachten die Welt häufig als etwas, was von uns getrennt ist: Wir und die anderen. Wir und die Natur. Wir und die anderen Lebewesen. Mir geht es darum, darzustellen und zu beschreiben, dass wir nicht getrennt sind vom übrigen Leben, sondern verwoben, verwachsen, verschwistert, ganz verbunden, so dass ich direkt sagen kann: «Du bist die Welt». Und übrigens: In der Enzyklika «Laudato Si» hat Papst Franziskus den Satz eingefügt: «Ihr seid die Erde.» Wir sind getrennt, wir leben jedoch von der Erde, von der Welt. Sie ernährt uns, sie gibt uns Luft. Wir sind Welt.

Niklaus, dein Buch hat auch einen Untertitel: «Schamanischer Weisheit auf der Spur». Was dürfen wir uns unter «Schamanischer Weisheit» vorstellen? Darf ich um eine kurze Erklärung bitten?

«Schamanische Weisheit» lässt sich am besten wiedergeben mit dem Wort «Animismus». Animismus kommt von lat. anima, die Seele. Alles ist beseelt, alles lebt. Alles ist miteinander verbunden, lebt voneinander und miteinander. Wir brauchen nicht ein Netz über die Dinge und über die Welt zu werfen um sie zusammenzuhalten. Alles ist schon verbunden. Wenn ich mich auf die Spuren von Schamanischer Weisheit begebe, dann handelt es sich dabei um die Weltsicht, die das Ganze in den Blick nimmt, die nicht mit Stielaugen schaut, sonden die wahrnimmt, zuhört, achtsam ist, die eintaucht in alles, was da kreucht und fleucht.

Nun gibt es von verschiedener Seite her bestimmt auch Vorbehalte gegenüber östlicher Spiritualität, es geht die Rede von Zauberei oder von Magie, vielleicht sogar von Hexerei…

Die Weltsicht des Schamanismus ist nicht nur östlich, sondern sie ist auch südamerikanisch, nordamerikanisch. Schamanismus war überall auf der Welt präsent und ist immer noch präsent. Östliche Weisheit kenne ich vom Zen her, dabei handelt es sich um eine wunderbare Tradition, die wir dankbar kennenlernen dürfen, zum Beispiel auf dem Weg der Meditation, die mich bereichert und die ich bereits seit 50 Jahren praktiziere. Mit dem Vertrautwerden mit der Zen-Tradition behandle ich nun seit zwei Jahren das Thema «Schamanischer Weisheit auf der Spur».

Niklaus, wie stellst du dir das vor: Klangschalen, Meditationskissen in unseren Kirchen, ist das passend und vielleicht sogar wünschenswert?

Ich stelle immer wieder fest, dass es Schemel, Matten und Kissen in Exerzitienhäusern, Kirchen und Meditationsräumen gibt. Es handelt sich dabei um eine Entwicklung, um ein Zusammenwachsen. Ich denke: Man hat gut daran getan, spirituelle und religiöse Traditionen zu übernehmen. Was ich beanstande: Häufig sieht man bloss die Äusserlichkeiten wie Kissen, Matten und Gong. Wichtig ist aber der Geist, der «spirit», das was dahintersteckt, denn hier beginnt der Dialog das Miteinander und das Zueinander.

Niklaus, du sprichst den Dialog an. Nun weiss ich, dass für dich der interreligiöse Dialog etwas sehr Wichtiges ist. Wie liesse sich dieser interreligiöse Dialog noch vermehrt fördern?

Indem man neugierig ist und nicht sagt: bis dahin und nicht weiter. Wir begegnen schon Traditionen und Religionen, aber immer mit Vorsicht, die ist aber ein schlechter Berater. Wir befürchten: Es könnte ja sein, dass ich etwas übernehme, was mir schadet. Es braucht eine grundsätzliche Offenheit. «Dialog» heisst nicht: so weit und fertig. Wir müssen offen sein, aber auch spüren, was unsere ganz eigenen Werte sind, was unsere eigenen Traditionen sind. Wir müssen in uns selbst hineinschauen und auch in die Bibel schauen. Mit dem Reichtum, den wir uns so erwerben, können wir anderen begegnen, ohne etwas dabei zu verlieren.

Niklaus, für dein neues Buch «Du bist die Welt» hast du nun bereits verschiedene Rückmeldungen erhalten. Wie kommt das Buch beim Lesepublikum an?

Es ist erstaunlich, wie viele Feedbacks und Echos ich bekomme. Die Leute erwarten von einem alten Pater nicht unbedingt etwas über Schamanismus. Die Leute sind in der Regel froh, dass es sich dabei um eine Welt handelt, die man nicht einfach in die esoterische Ecke abschieben darf. Das Buch hat viel mit uns selbst zu tun, mit unserem Leben, mit unserem Jahres-Rhythmus, mit unserer Verbundenheit mit der Natur und mit allem, was ist: Die Verbundenheit mit allen «Viechern», wir sind ja auch «Viecher», die Verbundenheit auch mit den Ahnen und mit den Verstorbenen. Da habe ich ihnen aus dem Herzen gesprochen, besagen die Rückmeldungen. Es ist wie ein Wiedererkennen von unseren Wurzeln. Wir haben tiefe Wurzeln im Erdreich. Unsere Geschichte reicht weit zurück. Unsere Wurzeln sind zum Teil geschnitten, viele sind sogar abgeschnitten. Wir haben unsere eigenen Wurzeln verteufelt. Ich denke, mein Buch erreicht vor allem all jene, die spüren, dass die institutionalisierten Religionen, der religiöse Betrieb, nicht befriedigt, sondern dass es darum geht, mit offenem Herzen und mit offenen Augen auf die Welt, auf alles, was uns begegnet, auf Menschen vor uns, neben uns und mit uns einzugehen. Mein Buch liefert keine Theorien, sondern Beschreibungen der Natur und Beschreibungen von Menschen, die in ursprünglichen Erfahrungen gelebt haben, die also nicht religiös gewesen waren, die nicht spirituell in unserem Sinn waren. Wenn man einen alten Schamanen nach Spiritualität gefragt hätte, hätte dieser mit Unverständnis reagiert. Auch das Beten war für die Schamanen etwas, was sie nicht gekannt haben. Trotzdem waren die Schamanen in dieser Verbundenheit, die es auch noch heute gibt. Schamanen sind verbunden, sie sind eins. Wir haben aus all dem Religionen gemacht. Religionen sind hausgemacht mit all diesen komplizierten Gedankengebäuden und Einrichtungen. Ein Zurück zum Ursprünglichen, zum Einfachen, zurück zu dem, was war, bevor es überhaupt Religionen gegeben hat, das ist mein Anliegen und das scheinen die Menschen zu verstehen.

Niklaus, du sagst, wir hätten unsere Wurzeln verloren, unsere Wurzeln seien abgeschnitten. Wir sind nun im Allerseelenmonat November. Früher glaubte man noch an die Armen Seelen. Handelt es sich dabei um spirituelle Dinge, die überholt sind? Wie sollten wir heute damit umgehen?

Es ist interessant, dass afrikanische Schamanen den Umgang mit den Ahnen mit dem Umgang mit dem Tiefenbewusstsein vergleichen. Anzuführen ist hier insbesondere Malidoma Patrice Somé vom Stamm der Dagara in Burkina Faso mit seinem Buch «Vom Geist Afrikas. Das Leben eines afrikanischen Schamanen». Somé sagt: Wenn wir die Ahnen nicht beachten, schneiden wir uns gewissermassen von unserem Tiefenbewusstsein, von unserem Unbewussten ab und machen uns dadurch ärmer. Das ist ein guter Vergleich. Es ist wie unser Umgang mit den Träumen. Die Träume enthalten wichtige Botschaften von Menschen. Es ist wie bei einem Brief, den uns liebe Menschen schreiben: Wenn wir den Brief nicht öffnen, verpassen wir etwas. Wenn wir die Kontakte zu den Ahnen nicht pflegen, wenn wir so tun, als wären unsere Ahnen völlig verschwunden, verpassen wir etwas. Der Gedanke, dass der Umgang mit den Menschen, die vor uns gewesen sind, uns reicher macht, ist allgemein menschlich und wird in verschiedensten Kulturen gefeiert. Ich denke beispielsweise an Mexico mit dem «Fest der Toten». Das mexikanische Totenfest, der Dia de los Muertos, findet vom 31. Oktober bis 2. November statt. Das Fest ist theaterreif und gehört zum immartiellen Kulturerbe. Ich denke an das Fest Obon in Japan, das jeweils vom 13. bis 15. August gefeiert wird. Es ist ein fröhliches Fest. Feuerwerk gehört ebenso dazu wie Gräberbesuch und Obon-Tanz. Ich denke auch an die Begegnung mit den Toten an Allerheiligen und Allerseelen bei uns. Ursprüngliche, indigene Völker können uns auf die Wichtigkeit solcher Begegnungen mit den Toten aufmerksam machen. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist hauchdünn. Da ist keine Mauer zwischen Leben und Tod, die man durchlöchern muss, sondern lediglich eine Membran. Es tut gut, gelegentlich den Vorhang zwischen Leben und Tod zu heben. Wie geht es weiter? Was sagen uns die Menschen auf der anderen Seite? Das zu erkunden ist wichtig und tut uns gut.

Niklaus, du bist selbst auch ein Naturmensch, früher warst du Bergführer und du gehst auch heute noch gerne in die Berge. Wie spielt die Natur in diese Philosophie mit hinein?

Ja, das ist nun wirklich das Thema meines Buches «Du bist die Welt». Du bist nicht abgeschnitten, du gehörst dazu. Während der zwei Jahre, in denen ich mich mit diesem Buch beschäftigt habe, habe ich ganz neu entdeckt, wie ich Pflanzen ganz neu betrachte, wie ich im Herbst die wunderbaren Farben schätze, wie ich die leuchtenden Nadeln der Lärchen bewundere. Ich sehe das alles von Neuem und ich staune auch immer wieder von Neuem darüber. Wir sind Naturburschen, wir sind Naturfrauen, wir sind «Welt».

Niklaus, du hast ja nun schon zahlreiche Bücher geschrieben. Du bist bereit, imaginäre Linien zu überschreiten, du bist auch bereit, dich über Tabus hinwegzusetzen. Was berechtigt dich dazu?

Kurt, das ist eine gute Frage. Wer berechtigt mich, über den Tellerrand hinweg zu schauen? Wer berechtigt mich, esoterisches Zeug zu lesen und Schamatismus zu thematisieren? Wer berechtigt mich dazu? Oder wer hindert mich daran? Die Antwort ist: Ich höre den Menschen zu, ich beobachte, was die Menschen bewegt. Den Anstoss zu meinem neuen Buch hat eine Nichte gegeben, die mir eine wunderbare Fussmassage gemacht und Kräuter verbrannt hat. Im Rauch der verbrannten Kräuter habe ich sie gefragt: Bist du eine Hexe? Sie antwortete: Vielleicht bin ich eine Kräuterhexe oder eine Schamanin. Da habe ich begonnen, nachzudenken: Eine junge Frau sagt, sie sei «schamanisch». Da habe ich begonnen, in diese Richtung zu denken. Ich habe dabei keine Angst gehabt und ich habe mich auch nicht gefragt, wie weit ich jetzt mit diesem Thema gehen könne, ohne dabei mein Christsein zu verlieren. Nach Jahrzehnten im Jesuitenorden habe ich genug Wurzeln und ich bin auch genug verankert, dass ich mich öffnen und andere Reichtümer aufnehmen kann, ohne etwas zu verlieren.

Ein wunderbares Schlusswort! Hast du, Niklaus, noch irgendeinen Wunsch oder gar Träume? Gibt es doch noch irgendetwas, was du erreichen möchtest?

Mein Wunsch geht an alle, die uns jetzt zuhören: Ich wünsche allen von ganzem Herzen den Frieden, dass es uns gelingt, in unseren Herzen, untereinander, in den Familien, in den Gemeinden, das zu erreichen, was wir mit dem grossen Wort Frieden bezeichnen. Ein einvernehmliches Miteinander, ein Zueinander zu pflegen. Das ist mein grosser Wunsch. Heids güet und nähmeds nid z schweer.

Vielen herzlichen Dank, Niklaus Brantschen

Hinweis: Den Literatur-Hängert können Sie jederzeit im Originalton nachhören auf pomona.ch/rro

Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig