
Am 30. August 1965 donnerte eine Eislawine vom Allalingletscher direkt hinunter auf die Baracken der Arbeiter, die beim Bau des Mattmark-Staudamms beschäftigt waren. 88 Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben. Jetzt, 60 Jahre später, arbeiten zwei völlig unterschiedliche Bücher die Mattmark-Katastrophe auf. Verfasst wurden die Bücher von Elisabeth Joris und von Urs Hardegger.
Elisabeth Joris: «Mattmark 1965»
Elisabeth Joris geht historisch vor. Sie berichtet sehr genau und faktengetreu. Was genau ist damals passiert? Als Herausgeberin beleuchtet sie zusammen mit Fachleuten die Gerichtsurteile, sie ordnet die verschiedenen Erinnerungen an die Katastrophe ein und untersucht auch die schweizerisch-italienischen Verflechtungen. Von den 88 Menschen, die bei der Katastrophe ihr Leben verloren haben, waren 56 italienische Staatsangehörige. Der Fachmann Kurt Marti ergänzt den historischen Rückblick mit einer Analyse der Prozess-Akten und des Gerichtsurteils, das damals alle Beteiligten von jeglicher Schuld freigesprochen hatte. Erst seit 2022 sind diese Prozess-Akten zugänglich. Kurt Marti stellt die These auf, dass die Richter damals sehr einseitig zugunsten der Verantwortlichen geurteilt hätten. Ein anderer Fachmann, Vasco Pedrina, beschreibt die Bedeutung von Mattmark für den damaligen Wandel in der Migrationspolitik. Die Mattmark-Katastrophe habe bewirkt, dass aus der Ablehnung der Zugewanderten und aus der offenen Fremdenfeindlichkeit von damals mehr Solidarität entstanden sei.

Urs Hardegger: «Ein unvorhersehbares Ereignis»
Auch der Autor Urs Hardegger hat eine weitreichende Recherche-Arbeit geleistet. Auch er hat Einblick erhalten in die vielen Akten zur Mattmark-Katastrophe. Urs Hardegger rückt in seinem Roman jedoch vor allem die Schuldfrage ins Zentrum. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund. Seit 60 Jahren sei niemand bereit, die Verantwortung für die Katastrophe von damals zu übernehmen. Bei den Angehörigen der 88 Menschen, die ums Leben gekommen waren, seien aber Wunden zurückgeblieben, die nie verheilt seien. Urs Hardegger unternimmt in seinem Buch auch den Versuch, die Katastrophe in die damalige Zeit einzuordnen, die geprägt war von einem überschwänglichen Fortschritt-Optimismus. Damals habe eine veritable «Anything goes-Stimmung» die Menschen zu risikoreichen Projekten verleitet. In einem zweiten Erzählstrang vergleicht Urs Hardegger in seinem Roman «Ein unvorhersehbares Ereignis» die Ereignisse von damals mit heutigen Vorfällen.

Text, Bilder und Radiosendung: Kurt Schnidrig