
Ohne Telefon, Radio, Kühlschrank und Waschmaschine leben? Auf Naturwegen durch Visp flanieren ohne Fussgängerstreifen und Trottoirs? Unvorstellbar. Autorin Margrit Nellen erinnert sich und erzählt.
Kurt Schnidrig
Aufgewachsen ist sie in Baltschieder während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Hineingeboren als zweites von fünf Kindern in eine Bauernfamilie, zeitlich unpassend während des Heuets. „Wir waren Selbstversorger“, blickt Margrit Nellen zurück, „die Kriegs-Coupons waren begehrte Tauschobjekte und haben uns ein bescheidenes, aber glückliches Leben ermöglicht. Im Dorf kannten alle einander, wir hatte keinerlei Geheimnisse voreinander. Alle wussten alles über jeden und über jede. Das war eine ganz andere Welt damals.“
Das Herz muss ihr geblutet haben, als die Armee die zwei Pferde aus dem heimischen Stall holte. Die Armee habe die Pferde zum Schutz des Landes und der Soldaten gebraucht. Die Männer mussten an die Grenze. „Auch mein Vater musste auf den Simplon an die Grenze. Die Männer kamen nur alle paar Monate nach Hause. Die Frauen im Dorf mussten sich organisieren um die Arbeiten auf dem Land zu erledigen“, blickt Margrit Nellen zurück.
In ihren Augen blitzt der Schalk auf als sie festhält: „Es wurde uns nie langweilig und wir stritten uns nie.“ Klug, lustig, manchmal auch traurig, aber immer mitfühlend und berührend erinnert sich die Autorin an eine Kindheit, in der trotz viel Arbeit und mancher Entbehrungen auch immer wieder das Wunderbare und Zauberhafte aufscheint. Wie war das, als das erste Auto durch Visp rollte?
„Im Jahr 1946 wars. Als mir meine Tante damals gesagt hatte, der Onkel gehe jetzt ein Auto kaufen, hatte ich mir nichts darunter vorstellen können. Als ich dann zum ersten Mal im Auto gesessen und sich das Auto bewegt hatte, war das unglaublich. Wir sind das Rhonetal hinuntergefahren. Ich hatte das so wunderbar empfunden, dass ich eine Auto-Fanatikerin geworden bin und später selbst ein schnelles Auto gekauft habe“, schmunzelt Margrit Nellen.
Im ländlichen Visp
Als Magrit Nellen zweieinhalb Jahre alt war, musste sie ihr Elternhaus in Baltschieder verlassen und kam in Visp bei einer Tante unter. „Während des Sommers war die Mutter überfordert mit der Landwirtschaft und musste zusätzlich noch drei Kinder betreuen. Eigentlich hätte ich nur für kurze Zeit zu meiner Tante nach Visp gehen sollen, nur während der Zeit des Wimdens. Ich blieb dann aber ein paar Jahre bei meiner Tante in Visp.“
Visp war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein beschaulich ländliches Dörfchen. Die Schmiede an der Kantonsstrasse, gegenüber der Post, hatten es ihr besonders angetan. „Mir gefielen diese starken Männer in Lederschürzen. Jedermann durfte zusehen, wie sie auf der Esse im glühenden Feuer die Hufeisen formten.“ Ein Besuch beim Schuhmacher war allemal ein Erlebnis. Er sass auf einem Hocker und hämmerte, schnitt Leder und klebte. „Wir Kinder trugen selbstgefertigte Lederschuhe mit Holzsohlen. Der Schnee klebte an den Sohlen und es liess sich damit gleiten. Das war zwar lustig, aber warm waren diese Schuhe nicht.“
Im VisperTalgrund breiteten sich Gärten aus. Nur oben, in der Visper Burgschaft, beim Blauen Stein, standen die grossen feudalen Häuser. „Die Wege waren nicht asphaltiert, es gab auch keine Fussgängerstreifen und Trottoirs. Es war einfach herrlich! Man konnte durch Visp flanieren ohne jegliche Gefahr“, kommt Margrit Nellen ins Schwärmen.
Eine durchgetaktete Welt
In Margrit Nellens Erinnerungen war der Sonntag ein sehr wichtiger Tag. Am Sonntag hat man nicht gearbeitet. Es war aber obligatorisch, dass man am Morgen in die Kirche gehen musste. „Wir sind am Sonntag zu Fuss von Baltschieder nach Visp gegangen. Nach der Sonntagsmesse ist man mit dem Himmel in Einklang gestanden“, stellt sie rückblickend fest. Sonntagsausflüge waren zumeist Wallfahrts-Ausflüge. Zur Theresienkapelle nach Ausserberg beispielsweise. Überall hatte es Kapellenwege mit verschiedenen Stationen. Die Religion hat Halt und Zuversicht verliehen.
Festlichkeiten mit Handörgelern, die zum Tanz aufspielten, dienten nicht bloss der Belustigung. Beim Tanzen haben sich die jungen Leute kennengelernt, das war damals sehr wichtig. „Als Minderjährige waren wir immer etwas eifersüchtig, dass wir da nicht hatten dabeisein können“, bedauert Margrit Nellen auch heute noch.
Wollte man ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft sein, war Anpassung eine wichtige Voraussetzung. Man konnte nicht einfach aus den Traditionen ausbrechen. Alles war geordnet, eingebunden in ein System. Das Schulsystem, die Religion mit der Christenlehre, das alles war massgeschneidert. „Später hat mich das irgendwie belastet. Ich habe das alles eher als negativ empfunden. Ich sehnte mich nach der Freiheit“, resümiert die Autorin.
Sehnsucht nach der weiten Welt
Ob all der Enge und Bescheidenheit des Landlebens brannte die Sehnsucht nach Städten wie London, Paris und Mailand bereits in den kindlichen Herzen. Immer wieder berichtet Margrit Nellen in ihren Erinnerungen von ihrer Tante, die in Visp als die „Pariser Mamsell“ bekannt war. In jungen Jahren hatte die Tante als Au-Pair-Mädchen in Paris gedient und eine Zeitlang sogar in London gelebt. „Als meine Tante dann zurück ins Wallis kam, war sie die Erste, die keinen Tschubel mehr hatte, wie man den Haarschnitt damals bezeichnete. Meine Tante hatte einen kurzen Haarschnitt, sie kleidete sich auch ganz mondän, sie trug sogar Hosen, sogenannte Knickerbocker-Hosen und fuhr auf einem Fahrrad herum.“
Die Sehnsucht nach der grossen weiten Welt sollte später auch Margrit Nellen in die Fremde locken, vor allem ins Welschland, in die französischsprachige Schweiz. Es war damals Tradition, dass die zweite Landessprache zur Weiterbildung gehörte. „Manchmal haben unsere Eltern zu Hause französisch gesprochen, wenn wir Kinder etwas nicht verstehen sollten. Das hat mich geärgert. Mit vierzehn Jahren sagte ich deshalb zu meiner Freundin: Wir gehen doch einfach auch ins Welschland, um Französisch zu lernen.“ Ohne die Eltern zu begrüssen, hatten die Mädchen in der Zeitung eine Stelle in der französischsprachigen Schweiz gesucht und auch gefunden. Aus eigenem Antrieb heraus hatten sie in den Sommerferien bei Bauern in der Romandie die französische Sprache erlernt.
Die Eltern brachten viel Verständnis auf. Den Vater habe sie als logisch denkenden und sehr toleranten Mann geschätzt. „Kinder, die nichts angreifen, die sind zu nichts zu gebrauchen“, habe ihr Vater oftmals gesagt.
Problematische Gesamtschule
Sieben Jahre lang sei sie zusammen mit 30-40 Schülerinnen im gleichen Schulzimmer gesessen, berichtet Margrit Nellen unter Kopfschütteln. In dieser Gesamtschule habe die Lehrperson ganz einfach zu wenig Zeit gehabt für ein Gespräch unter vier Augen. Persönlich habe ihr die Schule überhaupt keinen Spass bereitet, bedauert die Autorin. „Die Lehrpersonen haben gesehen, dass ich mich langweile. Ich konnte bereits lesen, die anderen mussten erst noch lesen lernen. Wer besser war in der Schule, musste denjenigen helfen, die weniger gut waren.“
Trotz der schlechten Erfahrungen in der Schule ist Margrit Nellen später selber Lehrerin geworden. „Als ich Lehrerin werden wollte, hat mir meine Mutter gesagt: Du warst in der Schule so gar kein höfliches Kind. Und nun willst du Lehrerin werden?“ Da habe sie ihrer Mutter beschieden: „Als Lehrerin möchte ich gerecht und vernünftig sein und mit den Kindern immer über alles reden können.“ Sie fuhr nach Brig ins Institut St. Ursula zur Aufnahme-Prüfung. „Damit war für mich die Kindheit zu Ende. Ich freute mich, erwachsen zu werden.“ Margrit Nellen hat später in Zermatt und in Greich unterrichtet.
„Weisch no?“
Aber warum hält sie ihre Erinnerungen nun in einem schmucken Büchlein fest? „Ich habe zwei Enkelkinder, zwei Jungs, die in Genf leben. Sie sollen mein Leben kennenlernen, besonders meine Jugend ist ihnen völlig unbekannt. Bei meinen Enkeln ist alles anders als früher bei mir, die Sprache, die Kultur, überhaupt die ganze neue Welt. Ich denke, dass mein Büchlein ihnen erklärt, wie man früher gelebt hat“, sagt die Autorin.
Wer weiss heute noch, wie der lustige Brauch des Maiskolbenbindens vor sich gegangen ist? Oder wer kennt noch die Tradition des Maaninu? Lesen! Margrit Nellens Erzählungen sind ein bleibendes Kulturzeugnis aus einer anderen Epoche, tief verwurzelt im Erinnerungsschatz der Menschen am Rotten.

Margrit Nellen: Spurensuche. Erzählung aus dem Oberwallis. Erhältlich in den ZAP-Filialen und bestellbar überall im Buchhandel.
Dieser Beitrag wurde auch auf pomona.media/rro und im Online-Portal des Walliser Boten unter „Kultur“ veröffentlicht.
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig