Der „Literatur-Hängert“ im Monat Mai: Matheo Eggel, Petra Schöpfer und Michel Schmidt zeigen Zugänge auf zu Rilkes Werk

rro-Literaturexperte Kurt Schnidrig besucht die Lehrpersonen und Rilke-Kenner Michel Schmidt, Petra Schöpfer und Matheo Eggel. Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit im Originalton und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro

Was können uns Rilkes Werke heute noch fürs Leben mitgeben? Wie können wir heute noch Rilke und seinem Werk begegnen? Warum sind seine Gedichte wie „Der Panther“, „Die Tänzerin“ oder „Der Blinde“ gefragt und aktuell? Und was alles empfiehlt Rilke jungen Schreibenden? Matheo Eggel, Petra Schöpfer und Michel Schmidt unterrichten am Kollegium Spiritus Sanctus in Brig. An einem Leseabend in Raron zeigten sie Zugänge zu Rilkes Werk auf und machten deutlich, dass Rilke auch uns Heutigen noch viel zu sagen hat. Der „Literatur-Hängert“ entstand im Rahmen des Jubiläumsprogramms 2026, das die Kulturkommission von Raron zum Anlass des 100. Todestages von Rainer Maria Rilke durchführt. In Raron fand Rilke auf seinen Willen hin 1927 seine letzte Ruhestätte.

Hängert mit Matheo Eggel

Kurt Schnidrig: Matheo Eggel, der Roman, den Rainer Maria Rilke verfasst hat, heisst „Malte Laurids Brigge“. Warum hat Rilke vor allem Gedichte geschrieben und nur einen einzigen Roman?

Matheo Eggel: Ich glaube, das ist der damaligen Zeit geschuldet. Die Jahrhundertwende hat vor allem Dichter hervorgebracht, die Lyrik schreiben wollten. Sie waren sehr eingeengt im Naturalismus, da zählte bloss die Abbildung der Aussenwelt. In der Lyrik lassen sich die Emotionen sehr gut zum Ausdruck bringen. Aus diesem Grund hatten die Dichter der Jahrhundertwende ein Faible für die Lyrik. Bestimmt war dies auch bei Rilke der Fall.

Dem Dichter Rilke war die Beobachtung wichtig, dass der Mensch immer wieder verschiedene Gesichter von sich zeigt. Dieses Thema ist ja auch heute noch aktuell: Welches unserer Gesichter ist das wahre Gesicht? Wie fällt diesbezüglich Rilkes Schlussfolgerung aus?

Rilke gibt uns auf diese Frage keine klare Antwort. Er sagt lediglich, dass es ideal wäre, wenn die Menschen authentisch sind. Er sagt: Wer sein Gesicht allzu oft wechselt, der verliert seine Authentizität. Zeigt eure Gesichter so, wie ihr wirklich seid, dann wirkt ihr auch entsprechend auf eure Mitmenschen. Der Mensch, der dich mit deinem wahren Gesicht kennenlernt, der hat dann auch die besseren Möglichkeiten, auf dich zuzugehen.

Ein hoch spannendes Rilke-Gedicht ist die „Spanische Tänzerin“. Das Kleid der Tänzerin geht in Flammen auf. Ein Gedicht mit viel Symbolgehalt?

Ja, selbstverständlich. Zu Beginn beschreibt Rilke seine Tänzerin. Dann aber lässt er den Flamenco-Tanz symbolisch als Flamme entstehen. Am Ende des Tanzes bringt die Tänzerin die Flamme zum Erlöschen. Das bedeutet, dass schlussendlich die gesamte Geschichte ein Ende findet.

„Der Blinde“ ist ein vielleicht weniger bekanntes Rilke-Gedicht. Ihre Interpretation dazu?

Ich finde es spannend, wenn Rilke über das Sehen-Lernen spricht und dann als Beispiel dafür einen Blinden anführt. Bei der Analyse des Textes wird deutlich: Der Blinde ersetzt das Sehen durch die anderen Sinne, durch das Fühlen zum Beispiel. Rilke lehrt uns damit: Wir sollten vermehrt auch mit dem Fühlen und mit dem Spüren arbeiten und uns nicht allein vom Sehen beeinflussen lassen. Wir sollten vermehrt die inneren Werte ins Zentrum rücken. Ich finde, das ist eine sehr passende Aussage.

Das ist doch für uns alle eine Motivation, uns wieder einmal an die Rilke-Gedichte heranzuwagen. Ist aber die Form des Gedichts eigentlich heute noch gefragt?

Ich denke, Gedichte sind nach wie vor gefragt. Viele haben Respekt oder Angst davor, sich an die Analyse eines Gedichts zu wagen. Vielleicht fühlen sich viele einfach auch zu wenig kompetent dafür. Ich empfehle, den Text genau zu lesen. Der Text hält alle Antworten für uns bereit. Ein Gedicht bietet viele Interpretationsmöglichkeiten. Es lässt sich so viel aus einem Gedicht herausholen. Ich empfinde den Umgang und die Arbeit mit einem Gedicht als eine äusserst spannende Angelegenheit. So wird Literatur einzigartig.

Sie unterrichten ja vor allem junge Menschen. Was antworten Sie, wenn sie dich fragen: Was gibt mir Rilke heute noch? Was lässt sich mit einem Rilke-Gedicht heute noch anfangen?

Rilke ist aktueller als wir meinen. Wenn Rilke beispielsweise schreibt, dass der Mensch immer wieder auch verschiedene Gesichter aufsetzen kann, ist er schon sehr aktuell. Wir verstecken uns, wir setzen Masken auf, wir haben Angst, uns selbst zu sein. Da kann die Auseinandersetzung mit einem Rilke-Text sehr heilsam sein. Für junge Menschen wird klar: Rilke hatte sich schon damals mit Themen auseinandergesetzt, die uns heute noch betreffen. Rilke gibt uns sogar die eine oder andere Lösung mit auf unseren Lebensweg.

Das hört sich spannend an und macht Lust, sich wieder mal an einen Rilke-Text zu wagen. Vielen herzlichen Dank, Matheo Eggel.

Hängert mit Petra Schöpfer

Kurt Schnidrig: Petra Schöpfer, Sie haben uns Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter“ vorgestellt. Was alles empfiehlt Rainer Maria Rilke jungen Schreibenden?

Petra Schöpfer: Rilke gibt einem jungen Menschen, er heisst Franz Xaver Kappus, Ratschläge für ein besseres Leben und Schreiben. Rilke kritisiert zwar nicht direkt dessen Werke, vielmehr gibt er dem jungen Mann einige Ratschläge für sein Leben mit auf den Weg. Alle negativen Empfindungen wie der Schmerz, das Leiden, die Trauer, die Einsamkeit oder das Gefühl der Verlassenheit deutet Rilke positiv um. Diese Empfindungen seien nötig, damit Kunst erst entstehen könne, schreibt Rilke dem jungen Dichter. „Alles ist austragen und dann gebären.“ All dies hört sich an, als seien diese Texte von einem alten und weisen Mann mit viel Lebenserfahrung verfasst worden. Rilke war damals allerdings erst 27 Jahre alt, also nur sieben Jahre älter als Franz Xaver Kappus, der Empfänger von Rilkes Briefen. Es folgen noch weitere Ratschläge zum Thema „Künstler und Dichter sein“, aber auch Ratschläge, wie das Leben gelebt werden sollte.

Vieles, was Rilke geschrieben hat, ist interpretationsbedürftig, müsste also interpretiert werden. Dabei ist meistens nicht nur eine einzige Interpretation möglich. Wie interpretieren Sie zum Beispiel den Satz: „Künstler sein heisst: nicht rechnen und nicht zählen; reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.“ Wie gehen Sie vor Schülerinnen und Schüler vor? Geben Sie bereits eine Interpretation vor oder sind die Schülerinnen und Schüler diesbezüglich frei?

Das Beste ist immer, wenn der Text vorliegt und man darüber reden kann. Ich frage meine Schülerinnen und Schüler: Welcher Satz spricht euch an? Welches Bild fällt euch auf? Wo regt sich in euch aber auch Widerstand? Wahre Kunst besteht darin, das Wagnis einzugehen, den Inhalt eines Textes zu entschlüsseln. Eine einzige richtige Art des Entschlüsselns gibt es oft nur bei ganz einfacher Literatur. Nur bei trivialen Texten wird alles ganz genau und sicher erklärt. Bei Lyrik ist das nicht der Fall. Auch bei anderen Rilke-Texten, die sehr verschlüsselt sind, ist eine einzige alleinseligmachende Interpretation nicht möglich. Aus diesem Grund wäre es falsch, eine Interpretation vorzugeben. In der Schule lege ich den Studierenden jeweils verschiedene Interpretationen von Literaturkritikern vor, sie können dann darüber diskutieren: Was ist passend? Was passt überhaupt nicht? Es geht darum, dass man sich auch mit den Kritiken auseinandersetzt, die zu einem Werk entstanden sind. Das Werk selbst spricht jeden Menschen ganz unterschiedlich an. Und genau das ist ja auch etwas Faszinierendes an der Kunst.

Petra Schöpfer, hat Rilke auch heute noch einen Gegenwartsbezug? Ist Rilke auch heute noch lesbar?

Sowohl Rilke wie auch Kafka sprechen besonders auch die junge Generation an, beispielsweise die BookTokerinnen. Sie geben auf BookTok ihre Empfehlungen ab. Sowohl im deutschsprachigen als auch im englischsprachigen Raum werden die „Briefe an einen jungen Dichter“ geradezu beworben. Es gibt auf BookTok über 128000 Hashtags zum Thema „Rilke“. Da werden Sätze aus „Briefe an einen jungen Dichter“ promotet. Die Briefe sind relativ leicht verständlich, sie sind wohlwollend geschrieben, sie versuchen zu trösten und sie sprechen auch Dinge an, die jeder und jede kennt. Dazu gehören zum Beispiel die Ausführungen über das Liebhaben der Fragen und das Hineinwachsen in die Antworten. Die „Briefe an einen jungen Dichter“ geben durchaus auch der heutigen jungen Generation noch etwas mit auf den Lebensweg.

Petra Schöpfer, was gibt Ihnen persönlich der Dichter Rainer Maria Rilke heute noch?

Ich habe Rilke auch im Hinblick auf die Veranstaltungen zum 100. Todestag neu entdeckt. Die „Briefe an einen jungen Dichter“ habe ich vor langer Zeit bereits gelesen. Jetzt bin ich etwas älter und mit etwas mehr Lebenserfahrung sehe ich all dies, was Rilke in seinen Briefen dem jungen Dichter empfiehlt, nochmals mit anderen Augen. Rilke hat da viel Wahres und Wichtiges in seinen Briefen mitgeteilt. Rilke ist ein Dichter, den man immer wieder neu entdecken kann. Einzig an die Duineser Elegien habe ich mich bisher noch nicht herangewagt. Ich finde, die Duineser Elegien sind sehr schwer zu entschlüsseln. Aber besonders in den neuen Gedichten oder auch im „Stundenbuch“ finden sich Texte, die bewegen und berühren. Manchmal ist es auch nur eine einzige Zeile daraus, die mich Tage oder gar Wochen begleitet.

Vielen Dank, Petra Schöpfer, Sie bereiten uns viel Lust und Motivation, damit wir uns wieder einmal an den Dichter Rainer Maria Rilke heranwagen.

Hängert mit Michel Schmidt

Kurt Schnidrig: Michel Schmidt, Sie dozieren Rilke am Kollegium Spiritus Sanctus in Brig. Als Einstieg in Rilkes Werk empfehlen Sie uns das Gedicht „Der Panther“. Weshalb eignet sich „Der Panther“ besonders gut als Einstieg in Rilkes Werk?

Michel Schmidt: Im Kollegium kennen unsere Studierenden den Dichter Rainer Maria Rilke tatsächlich bereits sehr gut. „Der Panther“ ist ein Einstiegs-Gedicht, es eignet sich besonders auch für Menschen, die bisher noch nicht den Zugang gefunden haben zu Rilkes Werk. Viele kennen zumindest den Titel dieses Gedichts oder haben den „Panther“ während ihrer Schulzeit kennengelernt. Ich versuche jeweils zu zeigen, was thematisch hinter diesem Gedicht steckt und welche Ideen den Dichter beschäftigt haben könnten. Auch die formale Gestaltung des Gedichts gehört für mich dazu. An der Form des Gedichts lässt sich besonders gut aufzeigen, wie Rilke gearbeitet hat. Im Unterricht gehe ich auf verschiedenste Aspekte ein. Dazu gehört zum Beispiel die Wahrnehmung oder auch die Frage, aus welcher Perspektive das Gedicht geschrieben worden ist. Interessant ist auch die Symbolik. Wir fragen uns, wofür könnte der Panther heute stehen? Da kommen jeweils auch sehr spannende Beiträge und Antworten seitens der Studierenden.

Sie stehen jeden Tag vor Klassen mit jungen Menschen. Wie bringen Sie Ihnen den „Panther“ näher? Gehen Sie mehr auf die damalige Zeit ein? Oder versuchen Sie den „Panther“ aus der Perspektive der Gegenwart diesen jungen Menschen näherzubringen? Lassen Sie seitens der Studierenden auch ganz eigene Interpretationen zu?

Im Vordergrund steht die eigene Interpretation der Studierenden. Jeder soll sich selbst ein Bild machen können und einen eigenen Zugang zur Literatur finden. Ich ermögliche den Studierenden, ihre eigenen Eindrücke beim Lesen mitzuteilen. Trotzdem verknüpfe ich die verschiedenen Lese-Eindrücke auch immer wieder mit der Literaturgeschichte. Es geht auch um Fragen wie: Aus welcher Epoche stammt das Gedicht? Der „Panther“ gehört in die Zeit des Symbolismus. Was war typisch für die Zeit des Symbolismus? Wie lässt sich die Zeit des Symbolismus im Gedicht erkennen? Wir behandeln derartige Fragen wie einen zusätzlichen Input, ohne jedoch die jeweils eigenen Interpretationen der Studierenden in Frage zu stellen.

Wie kann ein Gedicht wie „Der Panther“ uns Heutige bereichern? Lohnt es sich heute noch, Rilke-Gedichte zu analysieren und zu interpretieren?

Einerseits geht es darum, die damalige Zeit zu verstehen. Warum hat Rilke damals ein derartiges Gedicht geschrieben? Das Gedicht „Der Panther“ gibt auch uns Heutigen noch sehr viel mit auf den Lebensweg. Rilke hat Gedichte geschrieben, die zeitlos sind. Auch Heutige können in einem Rilke-Gedicht viel Bedenkenswertes und Hilfreiches für sich entdecken. In einer hektischen Welt, in der sich viele nicht wunschgemäss ausleben können, fühlen sich nicht wenige „hinter tausend Stäben“ und sehen hinter tausend Stäben keine Welt.

Erfüllen Rilke-Gedichte wie „Der Panther“ oder „Das Karussel“ heute noch ihre Zweckbestimmung? Ist das Gedicht als Textsorte überhaupt noch aktuell? Schreiben unsere jungen Leute heute noch Gedichte?

Ja, junge Menschen schreiben auch heute noch Gedichte, was der Schreibwettbewerb am Kollegium eindrücklich belegt. Immer wieder werden da auch lyrische Beiträge eingereicht. Vielleicht könnte man sagen, dass sich die Art der Lyrik verändert hat. Heute steht nicht mehr das Schematische und das Rhythmische im Vordergrund. Auch das Vers- und Reimschema wird heute vielfach anders gehandhabt. Moderne Formen wie der Poetry Slam sind angesagt. Das Gedicht ist aber trotzdem immer noch ein beliebtes Medium. Gedichte bieten sich im Unterricht auch dank ihrer kurzen Textform an. Gedichte sind kurze Texte, mit deren Hilfe man gut aufzeigen kann, was alles für eine bestimmte Epoche typisch und für einen Autor wichtig war. Das ist zeitsparend, man braucht dann nicht einen langen Roman zu lesen. Mit Hilfe von ein paar Strophen oder Versen lässt sich eine Epoche charakterisieren.

Michel Schmidt, was bedeutet Rilke für Sie persönlich? Was schätzen Sie an diesem Dichter?

Ich thematisiere Rilke regelmässig in meinem Unterricht, es lässt sich vieles an seinem Werk aufzeigen und festmachen. Rilke ist aber auch ein Dichter, den man immer wieder neu entdecken kann. Rilke war sehr vielseitig, er hatte unterschiedliche Schaffensphasen. Wir planen einen Anlass für den kommenden Herbst, da wollen wir Rilkes Bezug zum Wallis aufzeigen. Wir sind sehr stolz darauf, dass sich Rilke bei uns zu Hause gefühlt hat.

Sie liefern uns beste Argumente, damit wir uns doch wieder mal an einen Rilke-Text wagen. Michel Schmidt, vielen herzlichen Dank.

Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro

Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig