
Clara, Lou, Paula, Nanny: Rilkes Frauen sind ein Rätsel. Einerseits sind sie wunderschön und blühend, andererseits zeigen sie aber auch ihre Dornen. „Rose, o reiner Widerspruch…“
An der Grabstätte von Rainer Maria Rilke auf dem Rarner Burghügel verabschiedet sich seine Geliebte und Ehefrau Clara Rilke-Westhoff ein letztes Mal. Mit zitternder Stimme zieht sie Bilanz: «Er hätte zwei Leben gebraucht. Eines voller quälender Einsamkeit, um das Höchste der Kunst aus sich herauszuholen, das in ihm war. Ein weiteres in der Geborgenheit einer Familie, aufgefangen, beschützt, bewundert. Er hatte sich nicht mit nur einem abfinden können. Er brauchte zu sehr eine Frau, die er aus der Ferne lieben konnte, eine Muse, eine Unerreichbare.» Und dann lächelt Clara, ehe die Worte vor ihren Augen verschwimmen, die er eigens für seine letzte Ruhestätte geschrieben hatte: «Rose, o reiner Widerspruch…»
Die Szene stammt aus dem Roman „Clara & Rilke“ von Lena Johannson. Die Bestseller-Autorin hat die Liebschaft zwischen dem Dichter Rilke und der Malerin Clara Westhoff in eine bewegende und spannende Story gekleidet. Die Szene ist historisch nicht gesichert. Die Liebschaft und die Heirat mit der Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff hingegen schon.
Clara Rilke-Westhoff
Als der umschwärmte Dichter Rainer Maria Rilke die junge Malerin Clara Westhoff zum ersten Mal sieht, ist er hingerissen und fasziniert von ihrer Durchsetzungskraft und von ihrer Leidenschaft zur Kunst. Und Gleiches gilt es auch von Rilkes junger Geliebter zu sagen: Als Clara zum ersten Mal ein Gedicht, von Rilke selbst vorgetragen, hört, ist sie ihm erlegen, sie ist hin und weg.
Um 1900 trifft Rilke in der Künstlerkolonie Worpswede bei Dresden mit Clara Westhoff eine neue Liebe. Rilke und Clara heiraten am 28. April 1901. Aus der Ehe zwischen Rilke und Clara geht eine Tochter hervor, Ruth mit Namen. Autorin Lena Johannson beschreibt diese Liebe als „eine Liebe zwischen Worten und Farben“. Die Worte kommen vom Dichter Rilke, die Farben von der Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff.
Die Liebesgeschichte zwischen Clara und Rilke ist jedoch nicht einfach nur romantisch und harmonisch. Bereits ein Jahr später löst sich Rilke von seiner Familie, er verlässt seine Ehefrau Clara und seine Tochter Ruth. Im Jahr 1911 trennt sich Clara Rilke-Westhoff von Rainer Maria Rilke. Die Trennung wird zwar nie offiziell vollzogen, denn eine Scheidung hätte viel Geld gekostet, das den beiden Kunstschaffenden fehlte.
„Rainer gewann die Frauen für sich und floh dann doch vor ihrer Nähe“, schreibt Lena Johannson. Und in der neusten Rilke Biographie von Sandra Richter ist nachzulesen, wie sehr Rilke zwar das einfache Leben schätzte, aber sich dann doch auch immer wieder als lebendiger und gesellschaftsfähiger Autor zu erkennen gab, der sich den luxuriösen und angenehmen Erscheinungen der modernen Zeit zuwandte.
Die Trennung hatte sich abgezeichnet. Denn während Rilke und Clara bereits Heiratspläne ausheckten, meldete sich immer wieder auch noch Lou Andreas Salomé, mit der Rilke unvergessliche Reisen in die Weiten Russlands unternommen hatte.
Lou Andreas Salomé
Sie brachte die grössten Genies ihrer Zeit um den Verstand. Und sie war die Muse und die Traumfrau des Dichters Rainer Maria Rilke: Lou Salomé. Doch Rilke war nicht der Einzige, der ihr verfallen war. Der grosse Philosoph Friedrich Nietzsche wollte am Ende nur noch wie ein Paket in einem Zimmer von Lou Salomés Haus abgesetzt werden. Und Sigmund Freud, der Wiener Psychologe und Begründer der Psychotherapie, hatte Lou Salomé vergöttert als die „Versteherin par excellence“. Andere herausragende Männer jener Zeit sind für Lou Salomé gar freiwillig aus dem Leben geschieden. Doch wer war diese geheimnisvolle Frau eigentlich? Was war das Geheimnis der Muse, welche die grossartigsten Männer des 19. Jahrhunderts fast um den Verstand brachte?
Lou Salomé hinterliess nicht nur eine ganze Deponie von gebrochenen Herzen, selber hatte sie als Schriftstellerin und als Psychoanalytikerin viel bewegt. Lou Salomé konnte sich wie keine andere in Männer einfühlen. Sie hatte ihre Männer analysiert und gecoacht. Einige Literaturhistoriker sind gar der Meinung, dass der grosse Dichter Rainer Maria Rilke seine Stimme als Dichter vielleicht gar nie gefunden hätte, wäre er nicht durch die Liebe von Lou Salomé zum Dichten gekommen. Sie hatte Rilke als Muse nach Berlin und nach Russland begleitet. Um 1900 reisten die Beiden nach Russland. Das weite, grosse Land beeindruckte Rilke zutiefst. Das orthodoxe Osterfest rüttelte ihn religiös auf. Das Ergebnis dieser russischen Inspirationen ist die „Gottesmystik“, ein Sammelbegriff für geistige Gedichte und Lieder.
In seiner Verliebtheit hatte Rilke sogar seinen Vornamen geändert. Hatte er zuvor René geheissen, nannte er sich nun Rainer, und er verbrannte in Russland alles, was er bis anhin geschrieben hatte. Vor allem Liebesgedichte waren fortan die Stoffe, aus denen seine Träume waren. „Du warst das Zarteste, das mir begegnet, das Härteste warst Du, mit dem ich rang“ (Rainer Maria Rilke in einem Brief an Lou Salomé aus dem Jahr 1901.)
Mit dem Dichter Rainer Maria Rilke ging Lou Salomé eine Liebschaft ein, die drei Jahre lang dauerte, von 1897 bis 1900. Einige seiner schönsten Gedichte sind Lou gewidmet. Trotzdem hatte Lou Salomé den grossen Dichter Rilke eines guten Tages einfach sitzen lassen, auf dem Zug-Perron zu Sankt Petersburg war es, und sie hat sich auf und davon gemacht. Warum? Um – nach ihren eigenen Worten – weiter und weiter zu wachsen. „Ich möchte frei sein, unabhängig. Ein Mann und Kinder lassen sich damit nicht vereinbaren. Wir können doch Freunde bleiben! Stellen Sie sich einfach vor, ich wäre ein Mann!“, schrieb Lou Salomé.
Einer hatte es dann schlussendlich doch geschafft, Lou Salomé in den Hafen der Ehe zu lotsen. Aber wie! Am Vorabend der Verlobung setzte er sich mit ihr an den Tisch und rammte sich vor ihren Augen als Liebesbeweis ein Taschenmesser in die Brust. So erzwang er das „Ja“ von Lou Salomé, er, der Sprachprofessor Friedrich Carl Andreas. Nach diesem Ereignis legte sich Salomé einen neuen Namen zu: Lou Andreas Salomé.
Nanny Wunderly-Volkart
Um 1921 lässt sich Rilke in Siders nieder. Von einem Mäzen hatte er sich das Chateau Muzot zu seiner Bleibe ausbauen und herrichten lassen. Wanderungen führten Rilke auf die umliegenden Hügel, entlang der Rhone oder in den Pfynwald.
Rilke besprach mit Nanny, die er nach der griechischen Siegesgöttin «Nike» nannte, seine dichterische Arbeit und schwärmte zweisprachig vom Wallis: «Draussen ist ein Tag unerschöpflich in seiner Herrlichkeit, dieses von Hügeln bewohnte Tal, immer gibt es neue Wendungen, Abwandlungen, comme si c’était encore le mouvement de la Création qui remuait les aspects changeants. Nun haben wir uns die Wälder entdeckt (Forêt des Finges) voller kleiner Seeen, blauer, grünlicher, fast schwarzer –, welches Land hat so viel Einzelheiten in so grossem Zusammenhang; es ist der Schlusssatz einer Beethoven-Symphonie.“ (An Nanny Wunderly-Volkart, 15. Juli 1921)
Der Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Nanny Wunderly-Volkart setzt ein im November 1919 und bricht ab kurz vor Rilkes Tod im Dezember 1926. Rilke schrieb 465 Briefe und Telegramme an die «vor- und fürsorgliche Freundin« seiner Schweizer Jahre, dazu eine Reihe von Beilagen: Gedichtabschriften, Prosatexte, Notizen.
Rilke lernte Nanny Wunderly an einer Lesung in Zürich-Hottingen Ende 1919 kennen. Sie war die Gattin von Hans Heinrich Wunderly, angesehener Gerbereibesitzer in Meilen und vermutlich selber ein Bewunderer des Lyrikers. Zwar wurde Rilke zeitlebens von Musen und Mäzenen unterstützt. Nanny Wunderly-Volkart hatte dabei jedoch eine Sonderstellung inne: Die hübsche Meilemerin war bis zu seinem Tod Ende 1926 seine engste Vertraute, auch besuchte er sie viele Male in ihrer Heimat.
Paula Modersohn-Becker
Hat „die widersprüchliche Rose“ einen Namen? Es gibt Versuche ohne Zahl, den geheimnisvollen Spruch auf dem Grabstein zu enträtseln. Auf dem Rarner Burghügel ist Rilke begraben, und da steht geschrieben: „Rose, o reiner Widerspruch, Lust niemandes Schlaf zu sein, unter so viel Lidern“. Könnte es sich bei der „widersprüchlichen Rose“ um eine Frau handeln? Der Versuch einer Erklärung sei hier gewagt. Rilke verliess Paris, um in den Süden zu fahren, nach Italien. In Duino am Meer verbrachte er eine traurige Zeit und schrieb Trauergesänge, Elegien. Die Frauen wurden ihm zu einem unlösbaren Rätsel. Einerseits sind sie wunderschön und blühend, andererseits zeigen sie aber auch ihre Dornen. „Rose, o reiner Widerspruch…“

Rilke war kein genügsamer Lebenspartner, er macht auch noch anderen Frauen den Hof, so etwa der Freundin von seiner Ehefrau Clara Westhoff, der Malerin Paula Becker. Ein Rilke-Film thematisiert die Rose als das Widersprüchliche in Rilkes Leben. Der Film heisst „Paula“ und er handelt von der expressionistischen Malerin Paula Modersohn-Becker. Rilke war um 1900 unsterblich in sie verliebt. Diese Liebe sollte ihm jedoch kein Glück bringen. Die romantische Beziehung endete in Trauer und Selbstzweifel: Rose, o reiner Widerspruch! Ist womöglich die Malerin Paula Modersohn-Becker diese geheimnisvolle und widersprüchliche Rose, die Rilke unbedingt auf seinem Grabstein verewigt haben wollte?
Musen und Nymphen
Frauen haben das dichterische Schaffen von Rainer Maria Rilke beeinflusst, inspiriert und begleitet. Seine Geliebten, seine Musen, seine widersprüchlichen Rosen hat er auch in den Walliser Quartetten kunstvoll in Gestalt von Nymphen Eingang finden lassen. Nachfolgend ein Ausschnitt aus dem Walliser Quartett «Petite Cascade» mit deutscher Übersetzung.
« Nymphe, se revêtant toujours / de ce qui la dénude, / que ton Corps s’exalte pour / l’onde ronde et rude. »
«Najade, immerzu bekleidet / mit dem, was dich zugleich umhüllt, / voll Überschwang, wie ihn die Welle dir bereitet, / die an dir ihr rundes rüdes Spiel erfüllt.»

Insbesondere bei den Walliser Quartetten möchte die bekannte Rilke-Übersetzerin Nora Matocza jedoch entschieden das Formelle über inhaltliche Fragen stellen. Erst an der Realisierung des Reims lasse sich Rilkes dichterisches Künstlertum festmachen, an seinem Kreuzreim, an seinem umarmenden Reim, doziert Nora Matocza. Für uns wird deutlich: Die Rilke-Forschung fokussiert auf das Formelle, auf das Nachprüfbare. Interpretationen zu Rilkes Geliebten, Musen und Nymphen bleiben den Romanciers, Filmemachern und Romantikern vorbehalten.
Literatur:
- Sandra Richter: Rainer Maria Rilke oder das offene Leben. Biographie. 478 Seiten. Insel Verlag, 2026
- Lena Johannson: Clara und Rilke. Roman. 336 Seiten. Aufbau Verlag, 2023
- Rainer Maria Rilke: Die Walliser Vierzeiler/Les Quatrains Valaisans. Übersetzung: Matocza Nora und Gerhard Falkner. 55 Seiten. Insel Verlag, 2019
- Rainer Maria Rilke : Briefe an Nanny Wunderly-Volkart. 1403 Seiten. Insel Verlag, 1977
- Christian Schwochow : Paula. Biographisches Filmdrama, 2016
Hinweis: Dieser Beitrag erschien auch auf pomona.media/rro im Online-Portal der Zeitung „Walliser Bote“ unter „Kultur“. Text und Bilder: Kurt Schnidrig