
Vor Wochenfrist fanden in Deutschland Gedenkanlässe statt zur Befreiung des KZ Buchenwald am 11. April 1945. Nachkommen von Überlebenden sprachen davon, dass sie die Entwicklung in ihrem Land zutiefst beunruhige. So würden etwa die Stimmen, die nach einem Ende der Erinnerungskultur rufen, immer lauter und dreister.
Kürzlich durfte ich in Amsterdam das Anne-Frank-Haus besuchen. Dort versteckte sich die 13-jährige Anne Frank zwei Jahre lang mit Familienangehörigen und Bekannten vor den Nationalsozialisten, um der Deportation und Ermordung zu entgehen. Die veröffentlichten Aufzeichnungen, das Tagebuch der Anne Frank, wurden zum meistverkauften Taschenbuch und meistaufgeführten Bühnenstück im deutschsprachigen Raum. Sie wurden in über 70 Sprachen übersetzt und machten die Autorin zu einem der bekanntesten Opfer des Holocausts.
Ein Klassiker der Antikriegsliteratur
„Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegputzen zu wollen – nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden!“ Das Zitat stammt aus einem Klassiker der Antikriegsliteratur. Im Roman mit dem Titel «Die Waffen nieder!», erstmals 1889 veröffentlicht, beschreibt die Autorin Bertha von Suttner die europäischen Kriege aus einer fiktiven, jedoch historisch fundierten Perspektive. Durch gesammelte Artikel, Briefe und Tagebucheinträge lässt Suttner ihre Protagonistin, die Gräfin Martha Althaus, ihre anfängliche Begeisterung für den Krieg und den militärischen Heldenmut hinterfragen und schließlich in eine tiefgehende Ablehnung des Krieges umschwenken. Suttner hinterfragt die Kriegsgründe und wagt zutreffende Vorhersagen. All dies brachte der Autorin als erster Frau der Welt den Friedensnobelpreis ein.
Heute heizt die Drohung des Iran mit einem zweiten Vietnam-Krieg die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten an. In einem Interview mit «Sky News» sprach der stellvertretende Aussenminister des Irans davon, dass den USA ein zweites Vietnam drohe, falls sie Bodentruppen in den Krieg entsenden sollten und bemerkte dazu: «Lesen Sie einfach nach, was in Vietnam passiert ist.»
Die Geschichte wiederholt sich. Ende der 60er-Jahre stand die Jugend dieser Welt auf, um gegen das Establishment anzukämpfen, gegen eine etablierte bürgerliche Gesellschaft, die auf Erhalt des Status quo bedacht war. Die Protestgeneration der 68er hat den Staat als Herrschaftsinstrument abgelehnt. Viele der Protagonisten damals konnten sich auf literarische Vorbilder stützen. Der Staat ist ein seelenloser Moloch, schrieb Franz Kafka.
Kein Buch könnte in einer sich zunehmend polarisierenden Welt aktueller sein als Suttners nun schon fast 140 Jahre alter Klassiker. Der virtuos geschriebene Roman fasziniert Leserinnen und Leser bis heute. Er begeisterte bereits zahlreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Stefan Zweig, Lew Tolstoi oder Klaus Mann. Suttners Roman könnte auch heute noch als Schullektüre dienen und somit junge Menschen sensibilisieren und zum Nachdenken über Krieg und Frieden anregen.
Bertha von Suttners Roman „Die Waffen nieder!“ ist neben Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ der wichtigste Antikriegsroman der Weltliteratur. Man hoffte damals auf eine neue Zeit die sich vielversprechend ankündigte mit dem Slogan: «Pax Aeterna – der ewige Frieden».
Im Jahr 2022 kam die erste deutschsprachige Verfilmung des Remarque-Romans «Im Westen nichts Neues» in unsere Kinos. Die Roman-Verfilmung wurde gleich mit vier Oscars ausgezeichnet. Der Roman und seine Verfilmung heben das etablierte Setting des Schützengrabens hervor und bieten einen tiefen Einblick in die Schrecken des Krieges und die menschlichen Abgründe, die mit militärischen Auseinandersetzungen einhergehen..
Die oftmals belächelte Hippie-Bewegung hatte sich als starke Gegenkultur formiert, deren Höhepunkt der Protest gegen den Vietnamkrieg war. Mit Blumen im Haar und in den Gewehrläufen, aber auch mit philosophischen Schriften und literarischen Werken, formierte sich eine Antikriegsbewegung, die Tausende Studierende und Bürgerrechtler mobilisierte. Sie war mitverantwortlich für das Ende des Vietnamkriegs. Was davon erhalten blieb, ist ein Friedensaktivismus, der bis heute anhält.
Junge Oberwalliser Schreibende
Veronika Menath und Mattéo Werlen sind geprägt von einer kriegerischen Welt. Sie setzen die Tradition der weltweiten Antikriegsliteratur fort.

Viele Geschichten der Autorin Veronika Menath handeln vom Krieg. Die Grosseltern der Autorin haben den Zweiten Weltkrieg in Deutschland miterlebt. Veronika Menath sagt: „Das Thema Krieg hat mich geprägt. Ich habe mich immer wieder mit dem Krieg beschäftigt, jetzt ist dieses Thema auch in mein Schreiben eingeflossen.“ Sie stellt ihre Lesung unter das Motto: «Wer jetzt noch lebt, hat Glück gehabt. Wer bereits tot ist, hat noch viel mehr Glück gehabt.» . Ihr Buch «Manche Wände sind unsichtbar» enthält teils auch fiktive Geschichten. Damit reiht sie sich ein in die lange Tradition von Antikriegsliteratur, der sich auch Mattéo Werlen zuwendet.

Auch der Roman von Mattéo Werlen spielt zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. «Zwei Schuss – dem einen in die Brust, dem andern ins Haupt – und sie liegen tot hinter dunkelgrünem Gebüsch», zitiert der Autor aus seinem Roman. Auf einer abenteuerlichen und beschwerlichen Fahrt mitten ins Kriegsgebiet geraten ein Lokführer und sein Heizer zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in einen Hinterhalt polnischer Soldaten. Ein Kampf um Leben und Tod hebt an. Traumatisiert vom Krieg machen sie sich auf den Heimweg, da verliebt sich der Lokführer in eine junge Frau. Ist aber Liebe, Friede und Glück in Zeiten des Kriegs überhaupt möglich?
Brüchige Sicherheitsarchitektur
Die kriegerischen Auseinandersetzungen, das Gefangensein in Lagern, die zerstörten Städte – all dies sind traumatische Reflexionen, die auch in unseren Tagen wieder traurige Aktualität erlangen. Es sind Reflexionen auch zum aktuellen Nahostkonflikt, zum Iran-Krieg oder zum Ukraine-Krieg.
Lange ist es den Supermächten USA und Sowjetunion gelungen, die Welt untereinander aufzuteilen. Damit haben sie innerhalb ihrer Einflusszonen oftmals ein offenes Kriegsgeschehen verhindert. Nach der Zeit des Kalten Kriegs haben sich die USA als Weltpolizist verstanden und haben eine Weltordnung in ihrem Sinne durchgesetzt. Staaten wie China, Indien oder Saudi-Arabien haben nun aber die Machtverhältnisse auch auf ihre Seite gezwungen. Durch den Ukraine-Krieg, den Iran-Krieg, den Krieg in den palästinensischen Gebieten und im Sudan ist die Sicherheitsarchitektur weltweit und auch in Europa brüchig geworden.
Wie weiter?
Bei Friedengesprächen soll oftmals ein «Quick Fix», ein schneller Deal, ein Kriegsgeschehen beenden. Bomben, Raketen und Drohnen sollen Kriege beenden. Die eigentlichen Ursachen und Probleme bleiben damit aber ungelöst. Viele Kriege beginnen niederschwellig und eskalieren mit der Zeit. Dass sich Waffengewalt nicht auch noch mit Waffen bekämpfen lässt, ist zwar einleuchtend. Diese Einsicht entzieht sich jedoch der Lernfähigkeit der Politik weltweit, die sich den Frieden mit Hilfe von waffenstarrender Aufrüstung erhofft.
Dagegen belegen die Weltgeschichte und insbesondere die Literaturgeschichte: Das Schreiben gegen den Krieg, die Antikriegsliteratur und deren Verfilmung, spielen eine zentrale Rolle, um die Antikriegshaltung zu manifestieren und ein Gemeinschaftsgefühl gegen den Krieg zu schaffen.
„Der Friede ist das Meisterwerk der Vernunft“:
Immanuel Kant, ein bedeutender Philosoph der Aufklärung, formulierte dieses Zitat, um zu verdeutlichen, dass Frieden nicht nur das Fehlen von Krieg ist, sondern ein aktives Ergebnis rationaler Überlegungen und moralischer Entscheidungen. Kant glaubte, dass die Vernunft die Grundlage für ethisches Handeln und die Schaffung einer gerechten Gesellschaft ist. Frieden wird als ein Zustand beschrieben, der durch die Anwendung von Vernunft und moralischen Prinzipien erreicht werden kann.
Diesen Prinzipien folgt die Antikriegsliteratur. Es lohnt sich, mit Vernunft gegen eine kriegerische und hoch aufgerüstete Welt anzuschreiben. Veronika Menath und Mattéo Werlen gebührt unser Dank für Ihr bewegendes und berührendes schriftstellerisches Engagement. Ihre Bücher «Manche Wände sind unsichtbar» sowie «Dampf, Krieg und Liebe» sind erhältlich, signiert und versehen mit den hoffnungsvollen Wünschen für eine friedvolle Zukunft.
Text und Radiosendung: Kurt Schnidrig