
Va welum bisch dü? Va welum stammsch dü ab? Derartige Fragen stellt man sich immer wieder mal. Es sind dies Fragen, die uns zurück zu unseren Vorfahren und auch zurück zu uns selbst führen. „Schon zurzeit meiner Grossmutter war ein Teil von mir da“, beginnt Sarah Montani ihre Ausführungen.
Sarah Montani ist Autorin des Buches „Vorfahr:in“. Sie stammt aus Salgesch und bearbeitet das Thema „Ahnenforschung“ als Rechtswissenschaftlerin. Gearbeitet hat Sarah Montani in den Bereichen Zivilrecht, Steuerrecht und Bankenrecht. Sie hat eine Firma gegründet, die juristische Online-Tools anbietet. Vor drei Jahren hatte sie nach einer anders gearteten Tätigkeit Ausschau gehalten. Nun hat sie sich der Kunst verschrieben.
In ihrem Debütwerk verbindet Sarah Montani historische Recherche, philosophische Reflexionen und Biografien. Das Ergebnis ist die collagenartige Aufarbeitung einer Familien- und Regionalgeschichte, die zwar persönlich ist, die aber auch den Anspruch erhebt, für uns alle interessant zu sein.
Ahnenforschung
Wer die eigene Ahnenreihe erst mal zwei oder höchstens drei Generationen rückwätrts verfolgt, der wird unschwer feststellen: Die Recherchen nach den eigenen Vorfahren gestalten sich je länger je komplizierter. Das fängt schon mal mit der Sprachgebung unserer Altvorderen an. Wer drei Generationen in seiner Ahnenreihe zurückverfolgt, der stürzt sich auch in ein sprachliches Abenteuer. Da tauchen Sätze auf wie beispielsweise „Er war allem Hohlen und Seichten abhold.“ – Liebe junge Leute, wie lautet eine aktuelle Übersetzung davon in eurer Gegenwarts-Sprache? Eben. Gar nicht so einfach.
Wer den Mut aufbringt, die eigene Ahnenreihe gar sechs Generationen zurückzuverfolgen, der trifft auf Menschen, die bereits um 1750 / 1800 gelebt hatten. Die Porträtierten in Montanis Buch stammen aus dem Oberwallis. Deren Ahnenreihe lässt sich zurückverfolgen bis ins 18. Jahrhundert. Am Anfang dieser Ahnenreihe steht das Liebespaar Stephanus Montani aus Salgesch und Maria Josefa Sewer aus Turtmann. Die Beiden hatten 1763 ein Beziehungs-Gefüge begründet, das mit 4600 lebenden Nachkommen bis in die Gegenwart dokumentiert ist.
Zusammengekommen sind so mehr als 100 Biografien. Es sind dies sehr persönliche, teils auch philosophische und auch psychologische Lebensbeschreibungen. Zusammen ergeben sie ein interessantes Gesamtbild unserer Vorfahren. Die Porträts stärken den Zusammenhalt, und sie zeigen: Irgendwie sind wir alle miteinander verwandt.
Nun ist ja die Ahnenforschung bereits seit langem ein angesagtes Thema. In Montanis Buch lassen sich jedoch neue Ansätze und Zugänge finden. Die Autorin sucht Antworten auf Fragestellungen, die bis anhin in dieser Form noch kaum im Fokus standen. Dazu gehört etwa die Frage, welche Wirkung unsere Vorfahren auf unser eigenes Leben haben.
Die Rolle der Frauen
Ein besonderes Augenmerk legt Sarah Montani auf die Rolle der Frauen im Stammbaum der Ahnenforschung. Der herkömmliche, klassische Stammbaum baut auf den männlichen Nachkommen auf. Die Autorin vermisst den weiblichen Part im Stammbaum schmerzlich. Aus diesem Grund finden sich im Buch „Vorfahr:in“ recht viele Frauen-Porträts.
Warum fehlen die Frauen in den herkömmlichen Stammbäumen? Die Autorin spricht von „Oblivionismus“, einem systematischen Vergessen der Frauen in der Geschichte. Die Autorin hat an der Lesung erläutert, dass damit ein bewusstes oder unbewusstes systematisches Vergessen von Frauen in Geschichte und Überlieferung gemeint ist. Warum das so ist? „Weil die Verfasser der Geschichtsbücher Männer waren“, sagt Montani.
„Wir sind fast alle adelig!“
Die Ahnenreihe lässt sich nun rückverfolgen bis ins Jahr 1339. Damals lebte er also, der Ahnherr, der Urvater der Montanis. „Vor 1300 war vorerst nichts auffindbar“, berichtet Sarah Montani. Doch dann eröffnet sie Sensationelles.
„Jemand“ habe ihr nun Materialien „geschickt“, die mehr als 50 Generationen zurückreichen, sagt die Autorin geheimnisvoll. Und sie wird deutlicher und verrät beinahe Unglaubliches: „Die Ahnenreihe reicht nun zurück bis 700 nach Christus, bis zu den Karolingern und zu den Merowingern.“ Und sie schlussfolgert: „Fast alle Menschen, die einen europäischen Background haben, sind adelig.“
Wie kann es sein, dass fast alle Europäer adelig sein sollen? „Fast alle Europäerinnen und Europäer, deren Ahnenreihe sich zurückverfolgen lässt, stammen von Karl dem Grossen und von Eleonore von Aquitanien ab“, erklärt die Autorin.
Zur Erinnerung: Die Karolingerzeit erstreckte sich von 751 bis 919 n.Chr. Die Herrschaft der Karolinger umfasste das Frankenreich. Im Jahr 751 hatte Pippin der Jüngere mit Unterstützung des Papstes den letzten Merowingerkönig abgesetzt und sich selbst zum König der Franken gekrönt. Ein herausragender Herrscher der Karolinger war Karl der Grosse (742 – 814), er ist der bekannteste Karolinger. Unter seiner Herrschaft erlebte das Reich eine kulturelle Blüte, die sogenannte „Karolingische Renaissance“.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Autorin das Thema Ahnenforschung multiperspektivisch angeht. Ahnenforschung ist für sie nicht bloss die Erforschung unserer Vergangenheit. Sarah Montani zeigt auch, wie die Herkunft auch unsere Geschichte der Gegenwart beeinflusst.
Wahlverwandtschaften
„Durch die Ahnenforschung wird auch unsere Gegenwart spannender“, sagt Sarah Montani, „denn heute habe ich eine ganz andere Familie.“ Die vielen Geschichten und Lebensbeschreibungen hätten sie berührt, gesteht die Autorin, und die Porträts hätten nun in der 2. Auflage Eingang gefunden.

„Wir haben auch noch Wahlverwandte“, erklärt die Autorin, „auch schon in der Pubertät war ich mehr verbunden mit Kolleginnen und Freundinnen als mit Blutsverwandten, ich bin mit allen Freundinnen verwandt.“
Die Ahnenforschung liefert somit auch Antworten auf Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach unserer Identität. Sie zeigt, wie wir alle doch miteinander verbandelt und miteinander näher oder weiter verwandt sind. „Dazu finden sich im Buch viele Geschichten und ein gerüttelt Mass an Lebensklugheit“, sagt Sarah Montani.

„Das Wallis – eine Frau?“
Sie sei nun vom Schreiben regelrecht „gepackt“ und angetan, gesteht Sarah Montani, und sie verrät: „Das nächste Buch kommt in zwei Jahren.“ Und fordernd ruft sie ins Publikum: „Soll ich ein Frauenbuch machen? Soll ich Frauen ihre Geschichten erzählen lassen? Einen Arbeitstitel hätte ich bereits: „Das Wallis ist eine Frau!“
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig