Historischer Roman über Lucy Walker, die erste Frau auf dem Matterhorn: „Die Gipfelstürmerin“

Autorin Andrea Günther hat für den Roman „Die Gipfelstürmerin“ an Originalschauplätzen recherchiert und las Lucy Walkers Briefe an ihren Schweizer Bergführer Melchior Anderegg (Bilder: Kurt Schnidrig)

Im Roman „Die Gipfelstürmerin“ hat die Autorin Andrea Günther die bergsteigerischen Leistungen von Lucy Walker erstmals in einem historischen Roman verarbeitet. Die Engländerin Lucy Walker hatte am 22. Juli 1871 als erste Frau das Matterhorn bestiegen.

Lucy Walker hat damals eine besonders eindrückliche bergsteigerische Leistung abgeliefert, und dies gleich aus mehreren Gründen. Das Matterhorn galt um 1870 noch als unbezwingbar. Dazu kommt, dass der Alpinismus und insbesondere das Besteigen hoher Berge damals privilegierten Männern vorbehalten waren.

Frauen wurden Mitte des 19. Jahrhunderts noch kaum Freiheiten zugestanden. Ohne männliche Begleitung durften sie sich nicht mal auf Reisen begeben. Lucy Walker hat mutig die Grenzen der damaligen engen Welt in England ausgelotet und gesprengt. In Liverpool war sie eine angepasste junge Dame, in der Schweiz jedoch entwickelte sie sich zu einer leidenschaftlichen Bergsteigerin.

„Meine Seele wird in der Schweiz ganz berghoch und himmelweit.“ (S.73)

Lucy Walker kämpfte gegen gesellschaftliche Konventionen an und suchte die Freiheit auf den Bergen, eine Freiheit, die den Frauen in den Städten und Dörfern noch gar nicht zugestanden wurde. Sie wollte sich mit der Rolle als Gesellschafterin, Ehefrau und Mutter nicht zufriedengeben.

„Die Berge. Ich habe es schon gesagt: Sie sind ein Teil von mir. Und dieses oder nächstes Jahr versuche ich das Matterhorn. Nichts, was Sie an Argumenten vorbringen können, wird mich davon abhalten. Lucy Walker will walk.“ (S. 301)

Die bergsteigerische Leistung von Lucy Walker ist angesichts der sehr einfachen Ausrüstung und der mangelhaften Vorbereitung besonders hoch einzustufen. Im Roman beschreibt die Autorin Andrea Günther, wie Lucy Walker in einem langen, schweren Rock und trotz Rheuma, Höhenkrankheit und extremer Kälte, aber mit viel Freude und Herzblut, das Matterhorn bestiegen hat.

„Dieser Berg hat die herrlichsten Abgründe und bezauberndsten Grate. Er ist grandios. Und majestätisch. Doch furchterregend. Wie eine … Gottheit“, sagte sie zögernd. (S.30)

Aufs Matterhorn geführt hat sie ein brummiger, schrulliger Bergführer namens Melchior Anderegg, der jedoch mit seiner grossen Menschenkenntnis und dank seines Verantwortungsbewusstseins das Herz der aufmüpfigen Lucy Walker erobern konnte. Eine tiefe Zuneigung soll die beiden verbunden haben. „Zärtlichkeit erfüllte sie für diesen wortkargen Mann, für seine unbestechliche Ehrlichkeit und Offenheit.“ (S. 206)

„Ich liebe die Berge und Melchior, aber Melchior hat schon eine Frau.“ (S.386)

So ganz einfach und problemlos hatte sich jedoch die Erstbesteigung des Matterhorns durch eine Frau nicht zugetragen. Beim Aufstieg soll Lucy Walker gar einen Wettstreit mit einer Konkurrentin in Kauf genommen haben. Die Geschichte der Matterhorn-Erstbesteigung durch eine Frau ist somit auch die Geschichte einer Rebellin. Mit viel Abenteuerlust hat sie die bergsteigerische Herausforderung gemeistert.

Ist nun aber die Geschichte der Matterhorn-Erstbesteigung durch Lucy Walker in allen Teilen historisch? Tatsache ist, dass die Engländerin mit ihrer Familie jeweils während der Sommerferien die Schweizer Alpen besuchte. Zusammen mit ihrem Vater und mit ihrem Bruder soll Lucy Walker auf die verschiedensten Gipfel und Pässe geklettert sein.

Mit 21 Jahren soll Lucy Walker 59 Berge bestiegen haben, darunter Eiger, Matterhorn, Lyskamm, Jungfrau, Grivola, Ortler, Mönch und Weisshorn. Sie war die erste Frau auf 16 Gipfeln, beispielsweise auf dem Strahlhorn, auf dem Monte Rosa und auf dem Grand Combin, wie die Autorin im Epilog ihres Buches schreibt.

Autorin Andrea Günther hat sich offensichtlich auch literarische Freiheiten herausgenommen. So hat sie beispielsweise die Namen von Berggipfeln nach Namen von Personen in ihrem Roman umgetauft. Einen nach Melchior Anderegg, dem „König der Bergführer“, benannten Pass gibt es nicht. Einen nach Lucy Walker benannten Berg gibt es nicht.

Es sind dies Freiheiten, die einer Roman-Autorin zugestanden seien. Die fiktiven Einsprengsel tun der Wahrscheinlichkeit und dem Wahrheits-Anspruch des Romans keinen Abbruch.

„Die Gipfelstürmerin“ erzählt ein spannendes Stück Bergsteigerinnen-Geschichte. Gleichzeitig liefert der Roman das Porträt einer mutigen Frau, die alle Fesseln ihrer engen englischen Heimat abgelegt und ihre Freiheit auf den Schweizer Bergen gefunden hatte.   

Andrea Günther: „Die Gipfelstürmerin“.
392 Seiten. Gmeiner Verlag, 2025

Autorin Andrea Günther, Jahrgang 1967, lebt im Appenzellerland. Sie ist studierte Anglistin und Germanistin und hat als Journalistin und PR-Redakteurin gearbeitet.

Hören Sie dazu den Podcast aus der Sendung Literaturwelle von Radio Rottu Oberwallis (Quelle: rro / Kurt Schnidrig / Simon Kalbermatten)

Text, Bilder und Radiosendung: Kurt Schnidrig