Julian Vomsattel, Alex Agten, Francis Pianzola und Peter Szekendy in der ZAP Brig: „Zwischen Heimat und Fremde“

Sie steuerten Geschichten bei von Oberwalliser Auswanderern (von links): Julian Vomsattel (Herausgeber des Buches „Zwischen Heimat und Fremde“), Alex Agten (Sammler von Grängjer Geschichten), Francis Pianzola (Geschichten von Widerständlern) und Peter Szekendy (ehemaliger Journalist, Podiumsleiter). Foto: Kurt Schnidrig

Auswandern und in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent, sich auf Glückssuche begeben – das war zu allen Zeiten für Schweizerinnen und Schweizer ein Traum. Julian Vomsattel hat die Auswanderungsgeschichten, besonders diejenigen aus dem Oberwallis, in seinem Buch „Zwischen Heimat und Fremde“ gesammelt, kommentiert und in einen Zusammenhang gestellt.

Gleich mehrere Ursachen haben im Wallis zur Auswanderung Anlass gegeben. Mehrere Erdbeben führten im 19. Jahrhundert dazu, dass Quellen versiegten, Wasserprobleme entstanden und als Folge auch Missernten zu beklagen waren. In Visp wurde am 25. Juli 1855 das zweitgrösste, je in der Schweiz gemessene Erdbeben, registriert. Das Wallis war zu jener Zeit ein Agrarkanton. Die Menschen mussten von der Landwirtschaft leben. Wenn aber die Quellen versiegten, wenn das Wasser fehlte und wenn es nicht mehr viel zu ernten gab, hofften viele darauf, dass ein Leben in der Fremde nur noch besser werdem könne.

Die Abschaffung des Söldnerwesens zu Beginn des 18. Jahrhunderts hat viele Männer, die in fremden Kriegsdiensten kämpften, zusätzlich motiviert, die karge und enge Heimat zu verlassen. Die Söldner kehrten zurück in ihre Heimatdörfer. Dort fanden sie keine Arbeit. Sie führten ein unzufriedenes Dasein. Oftmals waren in Dörfern wie Visperterminen auch Schlägereien mit ehemaligen Söldnern zu beklagen.

Nicht wenige schrieben damals begeisterte Briefe aus fremden Landen an ihre Verwandten und Bekannten, die der heimischen Scholle treu geblieben waren. Die Ausgewanderten beschrieben darin die Vorzüge, die sich ihnen in der Fremde boten. Damit motivierten sie viele Nachzügler, ihre Heimatdörfer ebenfalls mit Sack und Pack zu verlassen.

Alex Agten legte den Fokus auf die Auswanderer von Grengiols. In den 1850er-Jahren hätten Lawinen das Dorf Grengiols verschüttet, 13 Personen seien damals ums Leben gekommen. Viele sahen im „Schattenloch Grengiols“ keine Zukunft mehr, unter ihnen auch Lorenzo Bodenmann, der sich besonders als Reiseleiter und Anführer des auswanderungswilligen Trupps aus dem Oberwallis betätigte. Lorenzo Bodenmann hatte in Grengiols das Amt des Gemeindepräsidenten inne.

„Regieren heisst Bevölkern“ – Alex Agten zitierte in der ZAP Brig die damalige argentinische Regierung, die nicht selten die einheimische indigene Bevölkerung, die Indianer, zugunsten der europäischen Einwanderer-Familien vertrieb.

Francis Pianzola ist im Besitz eines Porträts einer Grosstante, die um 1912 nach Amerika ausgewandert war. Das Tanzen sei ihre grosse Leidenschaft gewesen. In der neuen Heimat starb sie an einer Lungenentzündung.

Julian Vomsattel, der Autor der Buches „Zwischen Heimat und Fremde“, reiste erstmals im Jahr 1988 nach Argentinien. In San Jeronimo Norte war er überrascht und begeistert von den vielen ausgewanderten Oberwallisern, insbesonders von den Terbinern, die er dort antraf. Viele dieser Ausgewanderten erzählten Familiengeschichten und Mikrodramen. In seinem Buch veröffentlicht Vomsattel tragische und auch lustige Geschichten. Nachfolgend einige Beispiele.

Vielen Oberwallisern ist bestimmt noch der Name Nestor Clausen bekannt. Es handelt sich dabei um einen ehemaligen Fussballspieler des FC Sitten. Sein Grossvater war von Grengiols ausgewandert nach Argentinien. Dort schaffte es Nestor Clausen in die argentinische Nationalmannschaft, wo er zusammen mit dem Weltstar Diego Maradona spielte und Weltmeister wurde.

Ein sogenanntes Mikrodrama erzählt die Geschichte eines jungen Burschen, der im 19. Jahrhundert zusammen mit Oberwallisern nach Genua fuhr. Der Junge war völlig mittellos und konnte sich kein Ticket für die Überfahrt mit dem Schiff nach Argentinien leisten. Als blinder Passagier hat er sich auf das Schiff geschmuggelt. Die Überfahrt übers Meer hat damals drei Monate gedauert. Diese Zeit verbrachte der junge Bursche versteckt in einer Abstellkammer auf dem Schiff, mit dem Nötigsten versorgt einzig von einer mildtätigen Bediensteten.

In vielen Geschichten ist von den mitgereisten Frauen kaum je die Rede. Meistens sind es die Männer, die als Abenteurer und Pioniere gefeiert werden. Die Autorin Susana Andereggen, sie lebt in San Jeronimo Norte, hat sich aus diesem Grund entschlossen, die Geschichten auch von ausgewanderten Frauen zu erzählen. Frauen waren nicht selten gezwungen, sich einzuschränken und sich zu verteidigen.

Susana Andereggen erzählt von ausgewanderten Frauen
(Bild: Kurt Schnidrig)

Was durften die auswanderungswilligen Frauen mitnehmen? Was durfte in die Koffern und Körbe? Das Hochzeitskleid? Ein Kerzenleuchter? Eine Suppenschüssel? Die Wahl fiel den Frauen nicht leicht. Einige Frauen packten gar ein Gewehr ein, um sich gegen die „Barbaren“ zu verteidigen.

Tatsächlich gestaltete sich das Zusammenleben mit den indigenen Völkern alles andere als einfach. Zwei gegensätzliche Kulturen trafen aufeinander. Die Heimatkultur aus dem Oberwallis vermischte sich mit der argentinischen Kultur. Diese Aspekte und Auswirkungen der Auswanderungen liegen noch grösstenteils brach. Auf die Forschenden warten diesbezüglich noch spannende Aufgaben.

Hören Sie den Podcast aus der Sendung Literaturwelle mit einer Vorschau auf die Buchpräsentation von Julian Vomsattel in der ZAP Brig (Quelle: rro / Kurt Schnidrig / Joel Bieler)

Text, Bilder und Radiosendung: Kurt Schnidrig