Kollaboratives Schreiben: Autorin Patricia Aschilier aus Steg kooperiert mit 50 Leserinnen

Autorin Patricia Aschilier pflegt das kollaborative Schreiben. In Kooperation mit rund 50 Leserinnen hat sie ihren Kurzgeschichten-Band „bitter & süss“ realisiert (Im Bild von links: Autorin Patricia Aschilier, Illustratorin Anja Studer, Herausgeber und Moderator Kurt Schnidrig. Foto: Bibliothek Steg)

Viele Schreibende suchen die Stille, sei es in den eigenen vier Wänden oder an einem inspirierenden Ort. In der Stille lassen sich Ideen umsetzen, und das ungestörte Eintauchen in Figuren und Welten ist einem Schreibprojekt zweifellos förderlich. Wie aber kann aus dem einsamen Handwerk des Schreibens ein gemeinschaftlicher Prozess werden?

Nicht wenige Schreibende suchen bewusst den Austausch – in Schreibgruppen, Workshops oder Online-Communities. Dort wird Feedback gegeben, Motivation geteilt und kreative Blockaden werden gemeinsam überwunden.

Autorin Patricia Aschilier hat sich mit der Publikation des Erzählbands «bitter & süss» an ein ungewöhnliches Literatur-Projekt gewagt. Sie veröffentlicht Kurzgeschichten in Zusammenarbeit mit einer Lesegruppe von rund 50 Frauen. Die Kurzgeschichten schickte sie kapitelweise per Whatsapp an ihre Leserinnen, die jeweils auch immer wieder Rückmeldungen zu den Kurzgeschichten gegeben haben.

«Von meinen Kurzgeschichten habe ich ein Kapitel pro Tag an meine Lesegruppe geschickt», sagt Patricia Aschilier, «nach einer Woche hatten meine Leserinnen dann die ganze Geschichte beisammen.» In ihren Geschichten geht es immer um Frauen, und auch die Hauptfiguren sind immer Frauen. Es sind Geschichten aus dem Leben, romantische, tragische und sogar manchmal auch Krimis – thematisch ist da vieles mit dabei. (Patricia Aschilier: «bitter & süss». 167 Seiten. Schnidrig Verlag, 2025)

Kollaboratives Schreiben

Autorin Patricia Aschilier hat ihr Buch mit dem Titel «bitter&süss» in Mehrautorenschaft realisiert, mehrere Personen haben in Zusammenarbeit ein Buchprojekt realisiert. Dabei hatte sie jedoch jederzeit die Kontrolle und die Entscheidung über die abschliessende Ausgestaltung der Kapitel und jedes einzelnen Satzes ihres Buches hierarchisch verantwortet.

Hierarchische Projekte werden zudem auch immer von einem Herausgeber geleitet, was auch im Falle des Buches «bitter & süss» der Fall war. Jede Aktivität, die zum Endprodukt, in diesem Fall zu einem Buch, einen Beitrag leistet, wird als zum kollaborativen Schreiben zugehörig betrachtet. Aktivitäten sind beispielsweise Brainstorming und Ideenfindung, Recherche und Forschung, Planung und Organisation, Formulierung, Feedback sowie Überarbeitung und Korrektur.

Bei Patricia Aschilier und ihrer Lesegruppe erfolgte das Schreiben zudem asynchron, zu unterschiedlichen Zeiten also. Die Beteiligten konnten dabei unterschiedliche Rollen übernehmen, durften ihre Meinung abgeben, die Texte kommentieren oder auch Vorschläge einbringen, wie Textpassagen abzuändern wären.

Die Autorin sagt dazu: «Meine Leserinnen können gerne auch ihr Feedback geben. Darüber bin ich immer sehr froh. Auch Kritik ist willkommen. Manchmal starte ich auch eine kleine Umfrage: Was hat dir an dieser Geschichte gefallen? Was hat dir weniger gut gefallen?»

Organisation

Organisatorisch bieten sich für das kooperative Schreiben verschiedene Möglichkeiten an. Die Mitarbeit an einem Kapitel ihres Buches erfolgte bei Autorin Patricia Aschilier zeitversetzt. Aufgrund der Kommunikation per Whatsapp durften sich die Beteiligten an verschiedenen Orten aufhalten und zu den ihnen genehmen Zeiten antworten, kommentieren oder mitschreiben.

Möchte man Patricia Aschiliers Idee zur Buchproduktion weiter ausbauen, bräuchte es dazu spezifische Tools aus der digitalen Welt, die das Kollaborative Schreiben als eine sehr intensive Form der Kooperation noch besser unterstützen und noch effizienter gestalten.

Die besten Optionen sind Google Docs, die eine Echtzeit-Zusammenarbeit und eine einfache Freigabe ermöglichen. Microsoft Office Online bietet ähnliche Funktionen wie Google Docs, ist aber in der Microsoft-Umgebung angesiedelt, welche vielen von uns bekannt ist. Sollen mehrere Co-Autoren unterstützt werden, ist Etherpad zu empfehlen, das ist ein Open-Source-Texteditor. Als Ergebnis resultiert so eine perfekte Echtzeit-Zusammenarbeit.

Vorteile

Wenn Co-Autorinnen oder Co-Autoren mitdenken und mitschreiben, ist vor allem der Reichtum an Ideen beeindruckend. Bei einer Buchproduktion können die verschiedenen Perspektiven der Co-Autorenschaft in den Schreibprozess integriert werden. Die Teilnehmenden treten in Interaktion, um Texte zu planen, zu formulieren und zu überarbeiten.

Eine Co-Autorenschaft unterschiedlicher Herkunft kann ihre jeweiligen Stärken und Talente einbringen, insbesondere ihre Kreativität und ihre strukturellen Vorstellungen bezüglich des Aufbaus und des Plots. Entsprechend ihrer persönlichen Vernetzung und ihres beruflichen Hintergrunds, können die Co-Autorinnen und Co-Autoren zudem bei Recherche-Arbeiten aus einem reichen Fundus von Materialien schöpfen.

Wenn mehrere Mitarbeitende gleichzeitig ein Buchprojekt realisieren, lassen sich Missverständnisse und Unklarheiten minimieren. Würde hierzu auch noch eine Kommentarfunktionen geschaltet, könnten Fragen auf direktem Wege geklärt und eventuelle Aufgaben zum Weiterschreiben erteilt werden.

Didaktische Perspektiven

Kollaboratives Schreiben oder kooperatives Schreiben lässt sich sowohl in der Erwachsenenbildung als auch in Schulen vielversprechend an die Lehrplan-Vorgaben des Faches Deutsch knüpfen. Auch in Schreibseminaren für Erwachsene können beim kollaborativen Schreiben einerseits die Reflexion des eigenen Schreibens und andererseits auch der persönliche Schreibprozess optimiert werden. Beim gemeinsamen Schreiben lernen die Teilnehmenden zudem, die Perspektiven von Schreibenden und Lesenden zu berücksichtigen. 

Hinweis: Dieser Beitrag erschien auch auf pomona.media/rro und im Online-Portal der Zeitung „Walliser Bote“ unter „Kultur“. Text und Bilder: Kurt Schnidrig.