
Im „Literatur-Hängert“ unterhält sich Kurt Schnidrig mit dem Autor Julian Vomsattel über die vielfältigen Gründe, welche um 1850 viele Oberwalliser zur Auswanderung veranlasst haben. Der Autor des Buches „Zwischen Heimat und Fremde“ erzählt von Familiengeschichten und von Mikrodramen, die sich dabei ereignet haben. Insbesondere erläutert der Autor im „Hängert“ auch die damalige Rolle der Frauen, und er berichtet über das oftmals schwierige Zusammenleben mit den indigenen Völkern sowie über die Vermischung der fremdem Kultur mit der Heimatkultur des Oberwallis.
Kurt Schnidrig: Julian Vomsattel, du hast dich auf die Spuren der ausgewanderten Visperterminer begeben. Auswanderungs-Geschichten erzählt man sich jedoch in der ganzen Schweiz, sie sind nicht ausschliesslich ein Phänomen in der Walliser Geschichte. Einverstanden?
Julian Vomsattel: Ja, das ist tatsächlich ein breitgefächertes Thema, angefangen bei den Walsern, die um 1250 herum das Wallis verliessen. Danach kamen einige Jahrhunderte ohne viele Auswanderungs-Geschichten. In diesen frühen Zeiten wanderten Erfinder und andere bekannte Leute aus, jedoch viel weniger Menschen aus unseren Dörfern. Das Jahr 1815 war dann bezüglich der Auswanderung wieder ein wichtiges Datum. In Indonesien brach der Vulkan Tambora aus, er löste eine globale Klimakatastrophe aus. Bei uns in Europa sprach man von einem Jahr ganz ohne Sommer. Auch im Wallis verdeckte der Vulkanausbruch in diesem Sommer 1815 den Himmel. Die Visperterminer erzählen, dass damals das Vieh nicht ins Nanztal gebracht werden konnte. Dazu kam vor allem in der Deutschschweiz, in Glarus oder auch in St. Gallen, eine grosse Hungersnot. Die Menschen in der Deutschschweiz mussten damals bereits auswandern, während die Walliser zuerst noch von ihren angepflanzten Kartoffeln leben konnten. Aus dem Wallis zog dann vorerst einmal eine Unterwalliser Kolonie nach Brasilien. Unterwalliser gründeten dort die Gemeinde Nova Friburgo. Es lässt sich also sagen, dass die Oberwalliser erst ab 1850 in grösseren Gruppen ihre Heimat verlassen haben.
Im gesamten Oberwallis machten sich damals die Menschen auf und suchten in der Fremde eine neue Heimat, von Obergesteln bis Leuk. Was alles hat sie bewogen, wegzuziehen?
Da gibt es verschiedene Gründe, die zur Auswanderung beigetragen haben. 1855 gab es im Wallis ein grosses Erdbeben. Besonders in Visperterminen sind aufgrund dieses Erdbebens viele Quellen versiegt. So enstand bei uns ein grosses Wasserproblem. Missernten waren die Folge davon. Ein weiterer Grund war, dass man die Söldnerdienste verboten hatte. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts befanden sich immer viele Oberwalliser als Söldner in fremden Kriegsdiensten. Nachdem man die Kriegsdienste im Ausland verboten hatte, kehrten die Söldner in die Heimatdörfer zurück. Sie hatten keine Arbeit. In Visperterminen zettelten die ehemaligen Söldner Schlägereien an. Es kommt hinzu, dass das Wallis damals ein Agrarkanton war, es gab noch keine Industrie. Aufgrund dessen fehlte den Menschen die Arbeit, es gab fast keine Verdienstmöglichkeiten. Viele Oberwalliser verliessen aufgrund der Armut ihre Heimat. Es gab aber auch viele, die einfach aus purer Neugierde die Heimat verlassen haben. Sie wollten etwas Neues versuchen oder hatten ganz einfach genug von ihrem „dreckigen Blagg-Dörfchen“, in dem man sich halbwegs kaputt arbeitete. Entscheidend für die massenhafte Auswanderung waren auch die einladenden Berichte der Ausgewanderten. Viele schrieben zurück, wie wunderbar es doch im fremden Land sei und wie viel Boden man zu günstigem Preis bekommen habe. Um 1900 herum wurde dann mit den Bauarbeiten für den Simplontunnel begonnen. Die Oberwalliser waren jedoch keine Tunnelarbeiter, dieses Handwerk übten vor allem die Italiener aus. Die Oberwalliser wollten lieber in der Landwirtschaft als Bauern arbeiten.
Julian, du zeigst eine grosse Begeisterung für das Thema „Auswanderung“. Du hast auch verschiedene Reisen auf den Spuren der Auswanderer unternommen. Die erste Reise führte dich im Jahr 1988 nach Argentinien. Was hat dich da besonders fasziniert?
Im Jahr 1886 war es, da habe ich einen Vortrag von Klaus Anderegg gehört, der in Argentinien war und dort Ton-Aufnahmen gemacht hatte. Darauf war zu hören, wie auch Menschen aus Visperterminen im fernen Argentinien immer noch Walliserdeutsch gesprochen haben. Das hat mich motiviert. Im Jahr 1988 habe ich mich einer Reisegruppe angeschlossen. Wir waren eine der ersten Reisegruppen, die nach der wissenschaftlichen Vorarbeit von Klaus Anderegg die ausgewanderten Oberwalliser in Argentinien besuchten. Wir haben in Argentinien viele Menschen angetroffen, die Walliserdeutsch sprachen. Wir haben aber auch Menschen angetroffen, die sehr emotional waren. Zusammen haben wir Lieder gesungen und uns gegenseitig Geschichten erzählt. Gerührt und in Tränen aufgelöst, haben sie von ihren Grossvätern und ihren Grossmüttern erzählt. Ich habe in Argentinien sehr viele Oberwalliser angetroffen, fast alle Geschlechter aus dem Oberwallis waren dort vertreten. Das war meine erste Reise nach Argentinien.
Julian Vomsattel, dein Buch trägt den Titel „Zwischen Heimat und Fremde“. Das Buch ist 400 Seiten stark. Darin finden sich Familiensagen und Mikrodramen. Was dürfen wir uns unter diesem literarischen Sammelsurium genau vorstellen?
In meinem Buch sind viele kleine Geschichten, es hat darunter tragische und auch lustige Erzählungen. Eine Geschichte handelt zum Beispiel von Nestor Clausen, der war Weltmeister. Ich habe dazu recherchiert, ich habe mit Nestor Clausen persönlich Kontakt aufgenommen. Ich habe nachgeforscht, woher der Grossvater von Nestor Clausen herstammt. Ich fand heraus, dass der Grossvater aus Grengiols stammt, er ist dann nach Argentinien ausgewandert. In San Jeronimo hat es ihm nicht besonders gut gefallen, denn es hatte dort für ihn einfach zu viele Walliser. So bezog er seinen Wohnsitz an einem anderen Ort. Nestor Clausen schaffte es bis in die argentinische Nationalmannschaft, dort spielte er zusammen mit Maradona und wurde Weltmeister. Ich habe dann aufgrund dieser Geschichte auch noch Beziehungen hergestellt zu anderen Personen, zum Beispiel zu Jean-Paul Brigger, der zusammen mit Nestor Clausen beim FC Sion gespielt hatte. Brigger konnte mir auch noch Zusatzinformationen geben. So hat sich denn schliesslich eine Geschichte ergeben. Eine andere Geschichte habe ich von Annette Heldner aus Zeneggen erfahren. Sie erzählte mir von einem jungen Burschen, der eine sehr schwierige Kindheit verbracht hatte. Als dann einige Zenegger auswanderten, ist auch dieser junge Bursche mit nach Genua gefahren. Er war aber völlig mittellos und konnte sich keinen Fahrschein für die Überfahrt leisten. Als blinder Passagier bestieg er das Schiff. Drei Monate lang lebte er versteckt in einer Abstellkammer auf dem Schiff. Eine Putzfrau hatte ihn während dreier Monate in der Abstellkammer durchgefüttert. In Argentinien gründete der junge Bursche später eine eigene Familie. Das sind so einige Beispiele für Geschichten, die sich damals ereignet haben.
Nun kann ich mir vorstellen, dass es für dich wohl sehr schwierig war, diesen reichen Fundus an Geschichten in Buchform zu bringen. Eine chronologische Abhandlung war wohl kaum zu bewerkstelligen. Viele Geschichten sind aus subjektiver Perspektive von Autorinnen und Autoren entstanden. War es schwierig, schlussendlich etwas historisch Stimmiges zwischen Buchdeckel zu bekommen?
Ja, das war tatsächlich ziemlich schwierig. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich mir das alles viel einfacher vorgestellt hatte. Ich hatte verschiedene Autorinnen und Autoren von Argentinien, Brasilien und auch aus der Schweiz angefragt. Alle diese Schreibenden hatten einen eigenen Stil und hatten eigene Vorstellungen, wie das gesammelte Material am besten unter einen Hut zu bringen sei. Mein Lektor war Peter Szekendy, er hat mir sehr viel geholfen. Wir hatten uns einen Plan zurechtgelegt: Wir wollten zuoberst im Goms anfangen, in Obergesteln, dann hinunter nach Grengiols gehen, dann weiter nach Visperterminen, Törbel, Grächen, Zeneggen und schliesslich nach Leuk. Unser Plan ging auf. Die Koordination war sehr aufwändig. Für mich war wichtig, nicht einfach nur Geschichten zu schreiben, sondern das gesamte Material auch in einen aktuellen historischen Rahmen zu stellen. Edi Gnesa, der ehemalige Chef der Migrationsbehörde beim Bund, hat Aktuelles beigesteuert zur Frage: Wie präsentiert sich das Thema Auswanderung heute? Mir ist es wichtig, den Nachfahren mitzugeben, dass unsere Vorfahren ausgewandert sind. Migration ist auch heute noch ein weltweit aktuelles Thema. Ich denke an die Flüchtenden aus der Ukraine oder aus Afrika. Es gibt auch heute Migrationsgeschichten, sie sind zwar anders, haben aber doch auch Ähnlichkeiten mit den Auswanderungs-Geschichten von früher. Ein Beispiel: Eine Frau aus Visperterminen ist schwanger, sie geht aufs Schiff, das Kind kommt auf dem Schiff auf die Welt, es stirbt aber einen Tag später. Das junge Paar kommt in Argentinien an ohne sein erstes Kind. Das sind Geschichten, die mich faszinieren.
Du sprichst die emotionalen Geschichten an. Eine dieser emotionalen Geschichten ist mir nach dem Lesen deines Buches besonders in Erinnerung geblieben. Es ist dies die Geschichte von der dreijährigen Catalina, die man in Paris auf dem Bahnhof vergessen hatte. Die Auswandererfamilie war damals weitergereist und hatte ihr eigenes Kind zurückgelassen. Die Autorin Sandra Franzen hat diese Geschichte zu einem Lesedrama umgestaltet. Sie hat versucht, sich in die dreijährige Catalina einzufühlen. Wie könnte das Kind dieses Drama erlebt haben? Wie ist es ihr ergangen? Die Autorin hat diese Geschichte mit Fiktion angereichert. Ist sowas ein probates Mittel, um auch die Innensicht von Betroffenen darzustellen? Oder sollte man sich konsequent an das Historische und an die Fakten halten?
Ich finde es gut, dass Sandra Franzen dieses Drama rund um das Kind Catalina in einem Theaterstück dargestellt hat. Persönlich habe ich nachgefragt, wie es dieser Familie später ergangen ist. Ich habe herausgefunden, dass es um diese Familie gut bestellt ist. Eine Auswanderer-Familie aus Ausserberg hat die kleine Catalina in Paris mitgenommen. In Argentinien konnte das kleine Mädchen wieder zu seiner Familie zurückfinden. Catalina hat später geheiratet und sie hat viele Kinder bekommen. Diese Geschichte ist also gut ausgegangen. Sandra Franzen hat diese Story kürzlich in San Jeronimo in einem Wandertheater präsentiert. Es ist dies eine Geschichte, die in Argentinien weitherum bekannt ist.
Die Rede ist von Pionieren und von Abenteurern, die Rede ist primär von den Männern, die ausgewandert sind. Was aber ist mit den Frauen? Sie kommen in den Geschichten wohl etwas zu kurz…
Es war mir wichtig, dass auch die Frauen mit ins Buch kommen. Die Schriftstellerin Susana Andereggen von San Jeronimo Norte war bereit, im Buch etwas über die Rolle der Frauen zu berichten. Viele Frauen sind einfach mitgegangen, sie hatten keine andere Wahl. Sogar der Pfarrer mahnte die Frauen, sie sollten ohne Widerspruch mitgehen. In den schriftlichen Zeugnissen, in den Briefen beispielsweise, findet man jedoch nicht sehr viele Berichte über Frauen.
Was durften die Frauen mitnehmen von zu Hause? Viel Platz stand nicht zur Verfügung, zu viel Gepäck war auf der Überfahrt nur hinderlich. Susana Andereggen beschreibt die schwierigen Entscheidungen, welche die Frauen treffen mussten: Soll ich das Hochzeitskleid mitnehmen? Den Kerzenleuchter? Etwas aus dem heimischen Garten? Stricknadeln? Suppenschüsseln? Oder vielleicht ein Gewehr, um sich gegen die Barbaren zu wehren? Beim Wort „Barbaren“ wurde ich beim Lesen etwas stutzig. Wie war eigentlich das Verhältnis der Ausgewanderten zu den indogenen Völkern in der Fremde?
In San Jeronimo wird das Verhältnis zu der einheimischen Bevölkerung etwas verklärt. Es heisst, als die Auswanderer dort ankamen, seien sie auf Indianer getroffen, auf Indigene. Die seien ihnen behilflich gewesen, zum Beispiel beim Graben von Brunnen. Man habe immer ein sehr gutes Verhältnis zu diesen Menschen gehabt. Als ich diesbezüglich jedoch nachgefragt habe, bin ich auch auf Schwierigkeiten gestossen. In einem Museum habe ich einen Karren, einen Wagen, gesehen. Darauf soll man die Toten, die Indigenen, die man erschossen hatte, aufgeladen haben. Über eine Frau Pfaffen-Gemmet habe ich erfahren, dass sie ihr „Vätterli“ (ihr Gewehr) besonders gut beherrschte. Als Räuber ihre Pferde stehlen wollten, wehrte sich Frau Pfaffen-Gemmet mit dem Vätterli. Trotzdem soll sie aber im Alter von 50 Jahren erschossen worden sein. Auch mit den Engländern, die den Boden den Wallisern zur Verfügung gestellt hatten, war das Einvernehmen alles andere als gut. Ich denke, dass man die Indigenen schon auch vertrieben hatte. Das allerdings ist nun ein Kapitel, das noch besser erforscht werden müsste.
Du gibst mir da ein gutes Stichwort: Wie ist es um die weitere Forschung bestellt? Ist das Thema „Auswanderung“ nun erforscht? Lässt sich sagen, dass dein Buch „Zwischen Heimat und Fremde“ den abschliessenden Stand der Forschung darstellt? Ist das Thema damit nun ausgereizt? Gibt es noch Bereiche, die weiter erforscht werden müssten?
Weitere Forschungen wären nötig beispielsweise bezüglich der indigenen Völker. Was ist mit diesen Menschen geschehen? Wie war das Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung, als die Walliser von der fremden Erde Besitz ergriffen? Auch kulturelle Fragen müssten nun noch weiter erforscht werden. Was haben die Walliser in San Jeronimo aufgeben müssen? Früher war beispielsweise das Fest Fronleichnam, der Herrgottstag, etwas sehr Wichtiges. Auch der Totenkult hat sich in der Fremde verändert. Wie sollen die Toten bestattet werden? In Argentinien wird beim Ableben einer Person kaum mehr eine Totenmesse gefeiert. Es findet nur eine kurze Abdankung auf dem Friedhof statt. Das alles sind kulturelle Gepflogenheiten aus der Heimat, die sich in der Fremde verändert haben. Es gibt auch nur noch wenige, die des Walliserdeutschen mächtig sind. Am besten erhalten hat sich wohl die Musik. Auch ein starker Patriotismus ist weiterhin vorhanden. Die Auswanderer sind immer noch sehr „nationalistisch“. Die Gastfreundschaft wird weiterhin gepflegt. Die Heimatkultur und die Kultur des fremden Landes vermischen sich jedoch immer mehr.
Vielen herzlichen Dank, Julian Vomsattel. Das alles hört sich sehr spannend an. Bestimmt hast du mit deiner Publikation viele Leserinnen und Leser motivieren können, am Thema „Auswanderung“ dranzubleiben. Es handelt sich tatsächlich um ein äusserst interessantes Stück Walliser Geschichte und auch Schweizer Geschichte.
Hinweis: Den „Literatur-Hängert“ können Sie jederzeit im Originalton und in voller Länge nachhören auf pomona.ch/rro
Text, Bild und Radiosendung: rro / Kurt Schnidrig