
Urs Grässlin ist der Autor des Buches „Marino Bodenmann – der Rote aus dem Wallis“. Zurück von einem Studienaufenthalt in Moskau, hatte er sich bereits 1968 auf die Spuren seines verstorbenen Grossvaters Marino Bodenmann begeben. Nach seiner Pensionierung setzte er nun das Projekt um, Leben und Wirken von Marino Bodenmann und seiner Ehefrau Anette Kirschbaum und deren Familie aufzuarbeiten.
Marino Bodenmann ist 1893 in Fiesch geboren, wo er in ärmlichsten Verhältnissen aufwuchs. Als Geissbub musste er seiner Bergbauern-Familie die Existenz sichern. Doch schon bald zog es ihn in die weite Welt hinaus. Vorerst wandte er sich südlichen Gefilden zu und traf mit nur wenigen Habseligkeiten als Emigrant in Neapel ein. Von 1912 bis 1915 arbeitete Marinus (der sich jetzt Marino nannte) in Hotels in Neapel und Capri.
Inmitten des neapolitanischen Getümmels waren Mut und Überlebenswille gefragt. Marino Bodenmann suchte ein Stellenvermittlungsbüro auf, das auf Hotels und Restaurants spezialisiert war. In Neapel kam es jedoch zu einer Begegnung, die den Beginn einer beispiellosen Weltkarriere markieren sollte. Marino Bodenmann lernte junge Arbeitskollegen kennen, die bei der sozialistischen Jugend waren. Sie begeisterten Marino für das sozialistische Gedankengut.

Als überzeugter Sozialist kehrte Marino Bodenmann vorerst in die Schweiz zurück und liess sich in Grenchen nieder. Grenchen war damals ein Zufluchtsort für Exponenten der sozialistischen Bewegung. Marino Bodenmann trat in Kontakt mit russischen Berufsrevolutionären. Damit begann Bodenmanns sagenhafter politischer Aufstieg. „Er forderte Gerechtigkeit, hier und jetzt und nicht erst im nächsten Leben“, führte Autor Grässlin an der Buchvernissage aus.
Im Jahr 1918 reiste Marino Bodenmann nach Russland, wo er ein begeisterter Anhänger der Oktoberrevolution wurde. Noch im gleichen Jahr wurde er Parteisekretär der Bolschewiken im deutsch-russischen Wolgagebiet. Als Vertreter der Schweiz nahm Marino Bodenmann Einsitz im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationalen in Moskau. „Politisch hat Marino alle unterschiedlichen Zeitabschnitte durchlebt. Als Walliser hatte er die Fähigkeit entwickelt, auch bei unwirtlichen Bedingungen zu überleben“, sagte Grässlin in der ZAP Brig.
In der Schweiz war Marino Bodenmann Mitglied im revolutionären Flügel der Sozialdemokratischen Partei. Später bekleidete er das Amt eines Zentralsekretärs der Kommunistischen Partei. Als die Kommunistische Partei in der Schweiz verboten wurde, zeichnete Marino Bodenmann nach dem Zweiten Weltkrieg als Mitgründer der PdA, der Partei der Arbeit, verantwortlich. Bis zu seinem Tod übte Marino Bodenmann in der PdA wichtige Funktionen aus.
„Marino war kein Intellektueller, den Klassenunterschied hat er selber erlebt, er brauchte dafür nicht Marx zu lesen“, fasste Autor Urs Grässlin zusammen. Und Gesprächspartner Frank Garbely ergänzte: „War Bodenmann ein Tausendsassa? Bis 1956 hatte er führende Positionen in der Partei bekleidet.“
Der Journalist, Buchautor und Dokumentarfilmer Frank Garbely verstand es bestens, dem Publikum die historischen und politischen Hintergründe weltweit in Erinnerung zu rufen. Er verwies beispielsweise auf die Studenten-Unruhen des Jahres 1956 in Ungarn, die von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurden. Leute wie Marino Bodenmann seien deswegen angepöbelt worden. Es habe eine veritable „Pogrom-Stimmung“ geherrscht. Als Journalist und als Funktionär sei Marino Bodenmann auch nach Spanien gereist, wo er während des Bürgerkriegs wichtige Entscheide mitgetragen habe.
Auf nationaler Ebene amtete Marino Bodenmann in Basel als Grossrat und als Nationalrat. Er kämpfte sein Leben lang für soziale Gerechtigkeit, für internationale Solidarität, für Frieden und Freiheit. Er setzte sich ein für mehr soziale Gerechtigkeit und für die Bedürfnisse der Arbeiterklasse.
Zu Karl Dellberg, dem „Löwen vom Wallis“, soll Marino Bodenmann zeitlebens ein gutes Verhältnis gepflegt haben. Zusammen hatten sich die beiden bereits im Jahr 1956 für eine AHV eingesetzt. Als Marino Bodenmann 1964 starb, hielt Karl Dellberg die Trauerrede an seinem Grab.
Hinweis: Ein ausführliches Gespräch mit dem Autor Urs Grässlin über seine zehnjährige Recherchearbeit werden wir demnächst auf Radio Rottu Oberwallis in voller Länge und im Originalton aufschalten und auf literatur.rro.ch in hochdeutscher Sprache verschriftlicht veröffentlichen.

Text, Bilder und Radiosendung: Kurt Schnidrig