
Seit Februar 2022 beschäftigt der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine die Welt und wohl zu Recht steht Russland international in der Kritik. Dass es aber auch Russinnen und Russen gibt, die sich gegen die Regierung und gegen die russische Diktatur erheben, das geht dabei vergessen. Am Literaturfestival in Leukerbad haben wir die russische Menschenrechts-Aktivistin und Buchautorin Irina Scherbakowa getroffen.
Irinia Scherbakowa lebt in Deutschland im Exil und leistet Menschenrechts-Arbeit. Sie ist Gründerin der Organisation „Memorial“. Dabei handelt es sich um eine Organisation, die sich seit 1989 einsetzt für die Aufarbeitung der sowjetischen Staatsverbrechen und die Menschenrechts-Verletzungen dokumentiert. Die Organisation „Memorial“ hat im Jahr 2022, kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, den Friedensnobelpreis erhalten.
Der Umgang mit der Organisation „Memorial“ steht beispielhaft für die zunehmende Repression des Putin-Regimes gegen unabhängige Stimmen in der russischen Zivilgesellschaft. Immer stärker habe das Regime die Arbeit der Organisation „Memorial“ eingeschränkt, sagt die Aktivistin. „Memorial“ sei vom russischen Regime zum „ausländischen Agenten“ erklärt worden und habe sich strengen Auflagen und Kontrollen unterwerfen müssen.
Am 28. Februar 2022, kurz nachdem Russland seinen Angriff auf die Ukraine gestartet hatte, wurde die Organisation schliesslich für illegal erklärt und auch das Menschenrechts-Zentrum in Moskau per Gerichtsbeschluss aufgelöst. Viele Mitarbeitende sahen sich gezwungen, das Land zu verlassen, mit ihnen auch die Autorin und Historikerin Irina Scherbakowa.
Nun agiert Irina Scherbakowa aus dem Exil gegen die russischen Menschenrechts-Verletzungen. Mit Opfern des russischen Regimes hat sie vor allem Tonband-Interviews geführt. Dazu hat sie auch in Archiven des russischen Geheimdienstes KGB geforscht. An der Moskauer Universität war sie als Professorin tätig. Aufgrund der systematischen Einschüchterungen des russischen Staates lebe sie nun im Exil, sagt die Autorin. Damit sie ihre Arbeit über den politischen Terror in Russland habe weiterführen können, habe sie vor kurzem die Organisation „Zukunft Memorial“ gegründet, berichtet Irina Scherbakowa.
In ihrem Buch „Die Hände meines Vaters“ erzählt sie die Geschichte ihrer eigenen Familie, eine Geschichte, die gezeichnet ist von Kriegen und Gräueltaten, verübt durch das russische Regime. Wie durch ein Wunder ist Irina Scherbakowa aber immer wieder mit viel Glück am Leben geblieben.
Irina Scherbakowa: Die Hände meines Vaters. Eine russische Familiengeschichte. Aus dem Russischen von Susanne Scholl. Verlag Droemer.
Irina Scherbakowa: Der Russland-Reflex. Einsichten in eine Beziehungskrise. Edition Körber-Stiftung.
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig