
Sommer ist’s und da kommt auf Reisen, am Strand oder vielleicht auch zu Hause auf Balkonien das Bedürfnis auf nach einem schlanken Büchlein mit kurzen, flotten Geschichten. Ein Büchlein, das man nach ein paar Minuten wieder weglegen kann um sich ein Nickerchen zu gönnen oder mutig den Sprung ins kühle Nass zu wagen.
Kürzlich auf dem Literaturfestival Leukerbad traf ich eine sympathische Wiener Autorin, Anna Weidenholzer heisst sie. Sie hat mich fasziniert mit ihren kurzen und spannenden Geschichten, tiefgründig zuweilen und trotzdem auch immer mit einem Spürchen Humor. Als Titel für ihren Erzählband hat sie einen Satz gewählt, der so auch in einer ihrer Geschichten vorkommt: „Hier treibt mein Kartoffelherz“.
Der Erzählband von Anna Weidenholzer umfasst 25 mehr oder weniger knappe Geschichten, grossartig geschrieben, wunderbare poetische Miniaturen. Die Short Stories sind höchstens 2-3 Seiten, oftmals sogar nur ein paar Zeilen oder wenige Sätze lang. Jede Erzählung ist ein Neubeginn und hat einen eigenen Kosmos.
Die Figuren in Weidenholzers Geschichten sind alle irgendwie sensible Typen, Sonderlinge oder Originale, die gerne den eigenen Weg gehen. Nicht selten sind ihre Geschichten bevölkert von Tieren, sie können ein Gegenpart sein zu den Figuren.
Entstanden sind stille Texte, in deren Untergrund es wütet. In ihren Geschichten behandelt sie existenzielle Themen, die sie jedoch oftmals mit ihrem Wiener Humor auflockert. Für jeden Text versucht sie eine eigene Melodie zu finden und sich voranzutasten. Die Erzählungen sind miteinander verknüpft durch das Zyklische der vier Jahreszeiten.
Autorin Anna Weidenholzer hat zuerst dicke Romane geschrieben, nun hat sie zur kleinen Prosa gewechselt. Warum? Das hat sie mir im Interview gleich selber erklärt.
Kurt Schnidrig: Frau Weidenholzer, Sie schreiben Erzählungen, Sie haben aber bisher Romane geschrieben. Sie waren mit ihren Romanen sogar nominiert für den Leipziger Buchpreis. Ihr Roman „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Wie ist nun aber dieser Wechsel vom Romaneschreiben zu den Erzählungen vonstattengegangen?
Anna Weidenholzer: Mein allererstes Buch waren auch schon Erzählungen. Nach den Romanen hatte ich den Wunsch, zu dieser kürzeren Form zurückzukehren, komprimierter zu erzählen, quasi „einzudampfen“ und mich der sogenannten „kleinen Form“ zu widmen.
Ihre Erzählungen – und das ist überall zu lesen – sollen sich mit Randfiguren beschäftigen. Die Bezeichnung „Randfiguren“ gefällt Ihnen aber nicht besonders?
Ja, das stimmt. Es geht ja immer um die Frage: Wo ist der Rand und wo ist die Mitte? Ich sehe meine Figuren eher in der Mitte. Es ist einfach schwierig zu sagen, wo ist der Rand der Gesellschaft und wo ist die Mitte? Wer sitzt drinnen und wer draussen? Es ist dies auch eine Frage der Perspektive.
Nun gibt es ja auch verschiedene Schreibtechniken auch für Kurzgeschichten und Erzählungen. Damit sie nicht allzu „flach“ geraten, ist Ihnen eine ganz besondere Technik lieb…
Hemingway hat in seiner Nobelpreis-Rede von diesem „Eisberg-Modell“ gesprochen. Sieben Achtel des Eisbergs sind unter Wasser und ein Achtel ist darüber, ragt aus dem Wasser. Dass dieser eine Achtel darüber liegt, macht seine Werke so stark. Das ist ein sehr schönes Bild für die Erzählungen, weil da immer sehr viel mehr Material im Untergrund sich befindet. Es ist immer noch viel Material da, dass die Geschichte trägt und das nicht weitererzählt wird.
Werfen wir noch einen Blick auf Ihr künftiges Schreiben: Werden Sie nun bei den Erzählungen bleiben oder kehren Sie doch wieder zurück zu den Romanen?
Gute Frage. Ich weiss es eigentlich selbst noch nicht. Ich befinde mich nach meinem jetzigen Buch in einer „Findungsphase“. Ich brauche immer relativ lange, um in etwas Neues hineinzufinden. Ich hatte mir eigentlich nach den Erzählungen geschworen, dass ich keine Erzählungen mehr schreibe, weil es einfach anstrengend ist, weil es jedes Mal wie ein neuer Roman ist, der mit einer neuen Erzählung beginnt. Aber irgendwie fehlen mir dann die Erzählungen doch wieder. Also mal sehen, was herauskommt.
Vielen herzlichen Dank, Frau Weidenholzer, wir freuen uns auf die Lektüre Ihrer Bücher.
Klappentext: Wie in einem Panoramabild, wie auf der geplanten, detailgetreuen Nachbildung des Ortszentrums, stehen sie aufgereiht: der Nachbar, der den Arbeitsmantel trägt, der Flachländer, der an jedem 21. Oktober nach dem Zimmer Nummer sechs verlangt, Isabelle, die den Hasen das Fell abzieht, Cervicek, Marianne, Herr Adam und all die Einsamen, die sich mit ihren leuchtenden Multifunktionsjacken irgendwann in die Landschaft eingefügt haben. Sie stehen dort im Winter, wenn die Bären ruhen, im Frühling, wenn der Winter überblättert wird, im Sommer mit nur wenig Kleidung und im Herbst, wenn die Sonne tief steht, gleich Figuren eines Wimmelbilds – ihnen folgen Anna Weidenholzers feinsinnige Erzählungen.
(Anna Weidenholzer: Hier treibt mein Kartoffelherz. Matthes & Seitz, Berlin 2025, 155 Seiten)
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig