
„Literatur-Hängert“ vom 1. Juli 2025: Kurt Schnidrig empfängt den Präsidenten der Fondation Rilke. Die Fondation Rilke ist im Maison de Courten in Siders beheimatet, wo sich auch das Rilke-Museum befindet. In diesem Jahr könnte der Dichter Rainer Maria Rilke seinen 150. Geburtstag feiern. Präsident Stéphane Andereggen kümmert sich um neue Studien, Dokumente und auch um eine Ausstellung, die erstmals Orte, Epochen und Themen dieses weltbekannten Dichters zeigen wird. Von Chicago über Athen bis Mailand sind Forschungsarbeiten über Rilke im Gange. Bekannt geworden ist Rainer Maria Rilke als eher melancholischer „Dichter des Herbstes“, über das Wallis hat er aber auch lockere und fröhliche Texte verfasst, wie Stéphane Andereggen belegt.
Kurt Schnidrig: Die Fondation Rilke wird von der Gemeinde Siders finanziell unterstützt. Stéphane Andereggen ist der Präsident des Exekutivkomitees der Fondation Rilke. Was sind die Aufgaben des Präsidenten?
Stéphane Andereggen: Wir versuchen, neue Studien, Dokumente und Bilder über Rilke zu sammeln. Diese Materialien stammen von der damaligen Gesellschaft, die Rainer Maria Rilke noch persönlich gekannt hat. Dazu gehörte etwa Madame de Sepibus oder das Geschlecht der de Courten. Diese Persönlichkeiten haben uns verschiedene Gegenstände, die an Rilke erinnern, zur Verfügung gestellt, von Möbeln über Bilder bis zu Erstausgaben.
Was sind das für Leute, die noch im Besitz von Rilke-Materialien sind?
Das sind Leute, die von Anfang an dabei waren, beispielsweise Persönlichkeiten, die im Kultur-Ressort der Gemeinde mitgearbeitet haben wie der Kantonsbibliothekar oder auch Personen aus Raron, die wir immer wieder gerne bei uns integrieren. Alle diese Mitarbeitenden nehmen die Hilfe eines Direktors in Anspruch. Das Amt des Direktors muss alle 5-6 Jahre neu besetzt werden, denn „Direktor“ ist kein Lebensposten. Zum Beispiel macht Herr Lepper in diesem Jahr noch seine Ausstellung bereit für die 100-Jahr-Feier zum Tod von Rilke. Eine neue Kraft muss dann die nächsten hundert Jahre vorausplanen.
Ist den Menschen von heute der Dichter Rainer Maria Rilke überhaupt noch bekannt? Ist Rilke für die Heutigen immer noch ein Literat, den man gelesen haben sollte?
Persönlich habe ich versucht, die Vorstellungskraft an den Dichter am Leben zu erhalten. Die kommende Ausstellung befasst sich deshalb mit den Themen „Orte, Epochen und Themen“. Bis jetzt haben wir vor allem eine biographische Darstellung der Rilke-Jahre im Wallis im Fokus gehabt. Jetzt wollen wir auch für die Jugend verschiedene Rilke-Themen spielerisch rüberbringen, zum Beispiel mit Wettbewerben. Unser Direktor hat auch bereits in die Lego-Kiste gegriffen und die Burg Muzot neu mit Legosteinen nachgebildet. Damit möchte er die Phantasie anregen und die Jugend einbeziehen. Die Jugend soll einen Bezug aufbauen zu Rilke in Raron, in Siders und in der ganzen Schweiz.
Im Wallis geht das Gerücht um, dass Kollegien in Sitten und in St. Maurice die Schulbibliotheken abschaffen wollen, dass also auf Mittelschulstufe gar keine Bücher mehr vorhanden wären – könnte das Vermächtnis von Rilke ohne Bücher, ohne die schönen Gedichtbände, weiter bestehen?
Da bin ich Ihrer Meinung. Ohne Texte auf Papier können wir nicht alle Dimensionen erfahren und erleben, die beispielsweise ein Gedicht bietet. Aus diesem Grund stellen wir auch eine Bibliothek zur Verfügung, in der die Studierenden und auch auswärtige Besuchende nach Belieben lesen und forschen können. Wir können die Menschen nicht zum Lesen zwingen, wir haben aber eine kleine schöne Buchhandlung, mit der wir beinahe die Hälfte unserer Einnahmen generieren. Die Menschen, die zu uns kommen, die kommen auch wegen des Lesens. Diese Menschen erfahren bei uns ganz neue Dimensionen, was wichtig ist für die Kulturarbeit, die wir alle ehrenamtlich ausführen.
Gibt es noch Forschungsfelder in Zusammenhang mit Rilke, die noch nicht beackert sind?
Alle zwei Jahre organisieren wir eine sogenannte Masterclass mit einem Mitglied aus unserem Vorstand, mit Professor König, der in Osnabrück Karriere gemacht hatte und der nun in Pension geht. Professor König kann jedes Jahr rund ein Dutzend Menschen von Chicago über Athen bis Mailand mobilisieren, die sich intensiv auf akademischer Ebene mit Rilke befassen. Rein akademisch haben die Forschenden kein Problem, immer wieder neue Rilke-Themen zu bearbeiten. Zum Beispiel forschen diese Spezialisten über Sinn, Form und Struktur von Literatur. Die Arbeiten der Forscherinnen und Forscher befassen sich des Weiteren mit Rilkes Reisetätigkeiten sowie mit seinen Begegnungen im damaligen Europa. Die Epoche, in der Rilke gelebt hat, lässt sich mit Hilfe derartiger Forschungsarbeiten zurückverfolgen.
Im Maison De Courten in Siders befindet sich das Rilke-Museum. Was alles bietet das Museum den Besuchenden?
Seit 1986 existiert die Stiftung Fondation Rilke, die Manuskripte, Objekte, Bilder, Erstausgaben, Schenkungen etc. ausstellt. Jeweils nachmittags steht das Museum für Besuchende offen. Das Museum befasst sich nicht nur mit der Person Rilke, vielmehr geht es auch um die ganze Epoche, in der Rilke gelebt hat, es geht auch um das Wallis und um Europa zur Rilke-Zeit und es geht auch um vieles, was die gesamte Literatur anbelangt, insbesondere auch die heutige Literatur.
Als Präsident der Fondation Rilke sind Sie bestimmt ein Rilke-Kenner, einer, der über Leben und Werk des Dichters Rainer Maria Rilke bestens Bescheid weiss?
Natürlich verfüge ich über viele Bücher und Studien. Ich schätze aber auch beispielsweise Rilke-Zitate. Viele kennen Rilke vor allem von Zitaten her, die auf Todesanzeigen stehen. Ich bin im Besitz einer Sammlung von 350 Rilke-Zitaten. Dabei geht es primär darum, dass die Menschen sich dem weltbekannten Dichter Rilke annähern können. Persönlich sehe ich mich als ein aufgeklärter Leser des Poeten Rilke.
„Die Blätter fallen, fallen wie von weit, warte nur, bald fällst auch du…“ Meistens sind Rilke-Gedichte melancholisch-traurige Gedichte. Hat Rilke aber auch optimistisch und fröhlich geschrieben und gedichtet?
Vor allem über das Wallis hat Rilke auch lockere und fröhliche Gedichte verfasst, zum Beispiel über unsere Obstgärten, auch über unsere Landschaften. Die Walliser Quartette hat er aus Dankbarkeit für die freundliche Aufnahme hier im Wallis verfasst. Er hat diese Walliser Gedichte auch auf Französisch geschrieben, weil er hauptsächlich mit Französisch sprechenden Menschen zu tun gehabt hatte.
Könnten Sie uns einen Rilke-Text empfehlen für jemanden, der sich bis jetzt noch nicht besonders intensiv mit diesem Dichter befasst hat? Einen Rilke-Text für Einsteiger gewissermassen?
Da denke ich vor allem an die Korrespondenzen. Rilke hat über 10‘000 Briefe geschrieben an Persönlichkeiten in ganz Europa. Zum Beispiel kann ich empfehlen „Brief an den jungen Dichter“ oder auch die „Briefe an eine junge Dichterin“. Diese Korrespondenzen erlauben womöglich einen Einstieg in Rilkes Werke.
Hegen Sie als Präsident der Fondation Rilke noch irgendwelche besondere Wünsche? Möchten Sie noch das eine oder andere Projekt realisieren?
Grundsätzlich geben wir alles zweisprachig heraus. Gerne würde ich einen Kreis von Interessierten ins Leben rufen, der die Zweisprachigkeit nicht als Last, sondern als Lust darstellt, und dies mit Hilfe von Rilke als Schutzpatron gewissermassen. Dies wäre ein grossartiger Beitrag zur Walliser Kultur.
Ein wunderbares Schlusswort! Herzlichen Dank, Stéphane Andereggen, für diesen Literatur-Hängert rund um den Dichter Rilke und die Rilke-Stiftung.
Der „Literatur-Hängert“ kann jederzeit im Originalton nachgehört werden auf pomona.ch/rro
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig