
Was macht ein gutes Leben aus? Und was kann uns das Leben noch bieten, wenn eine unheilbare Krankheit oder andere schwerwiegende Lebensumstände uns heimsuchen? Der Roman „Das späte Leben“ des deutschen Bestseller-Autors Bernhard Schlink stimmt nachdenklich.
Der Protagonist im Roman heisst Martin, er ist pensionierter Jurist und soeben 76 Jahre alt geworden. Verheiratet ist Martin mit der viel jüngeren Ulla, die als Malerin mit eigenem Atelier erfolgreich ist. „Er war so unbeholfen verliebt wie damals als Schüler.“ Zusammen haben Martin und Ulla einen Sohn, den sechsjährigen David, der vor der Einschulung steht. Eine flotte Kleinfamilie, möchte man meinen.
„Er nahm das Leben mit Ulla, dem Sohn und den verbliebenen Tätigkeiten als Geschenk, dem man nicht ins Maul schaut.“
Doch dann, inmitten eines blühenden Frühlings, erhält Martin von seinem Arzt eine niederschmetternde Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs! Von einem Tag auf den anderen stellt diese Diagnose das gesamte Familienleben auf den Kopf. Nur noch sechs Monate, zwölf Wochen, hat Martin, um mit seinem Leben abzuschliessen.
„Ja, es war Frühling, und die Natur grünte, und die Sonne schien. Aber seiner grauen Stimmung half es nicht auf.“
Wie plant man die letzten zwölf Wochen des eigenen Lebens? Was ist zu tun, wenn man weiss, dass nur noch ein halbes Jahr an Lebenszeit bleibt? Als Jurist plant Martin das letzte Halbjahr seines Lebens rational. Er gliedert sein verbleibendes Leben in Monate des Glücks, in Monate also, die ihm noch Handlungsfreiheit und Aktivitäten ermöglichen.
„Noch mal nach Amalfi, nach Venedig, nach Schottland, nach Oslo oder in den Odenwald, in dem er als Schüler und Student gewandert und glücklich gewesen war…“
Martin hat überdies auch die Frage zu klären, was er seinem einzigen Kind hinterlassen möchte. So schreibt er denn einen Brief an seinen Sohn David und packt in sein Schreiben all das mit hinein, was ein Sohn von seinem Vater wissen sollte und was ein Vater seinem Sohn hinterlassen sollte.
„Martin wollte David geben, was er selbst vermisst und wonach er sich gesehnt hatte.“
Während die Familie viel Zeit miteinander verbringt, wird vieles besprochen, was ein Leben ausmacht und woran man sich gerne zurückerinnern möchte. Als Lesende tauchen wir ein in die Innenwelt dieser drei Personen, wir nehmen Anteil an ihrer Gefühlswelt und erfahren, was alles ansteht, wenn man nur noch ein halbes Jahr zu leben hat.
Martins Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends. Jeder Tag, der ihm noch bleibt, erhält eine immense Bedeutung, denn jeder Tag soll auch eine bleibende Erinnerung hinterlassen. Die Familie unternimmt lange Wanderungen, der letzte Ausflug führt sie ans Meer. Dort endet Martins Geschichte.
„Es war kühl, David brachte noch eine Decke, Ulla legte sie über ihn, und sie warteten, bis die Sonne ins Meer sank.“
Fazit: Autor Bernhard Schlink versteht sich bestens darauf, herauszuarbeiten, was unser Leben letztlich ausmacht. Bei aller Dramatik ist der Roman „Das späte Leben“ ein sehr eindrückliches und stimmiges Buch über die letzten Dinge eines Lebens. Die Romanstory dreht sich nicht eigentlich um den Tod, sondern vielmehr um das Leben. Verbringe dein Leben jederzeit so, als wär dies heute dein letzter Tag – dies könnte eine Botschaft an die Lesenden sein. Der Roman bietet Raum für eigene Gedanken darüber, was wirklich zählt im Leben.
Zum Autor: Bernhard Schlink, 1944, Jurist, lebt in Berlin und New York. Sein 1995 veröffentlichter Roman „Der Vorleser“, in über 50 Sprachen übersetzt und von Stephen Daldry mit Kate Winslet unter dem Titel „The Reader“ verfilmt, machte ihn weltweit bekannt.
Bernhard Schlink: „Das späte Leben“. 240 Seiten. Diogenes Taschenbuch, 2026
Text, Bild und Radiosendung: Kurt Schnidrig