
Nicht wenige Schreibende versuchen heute weiterzuführen, was Henry David Thoreau bereits Mitte des 19. Jahrhunderts angedacht hatte. Im Sommer 1845 zog sich der amerikanische Schriftsteller, Philosoph und Freigeist in eine selbstgebaute Blockhütte am Walden-See in Massachussetts zurück. Fernab der schnellen und lauten Zivilisation schrieb er jene Worte, die ein soziales Experiment und eine spirituelle Entdeckungsreise ankündigten: «Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben: intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte.»
Ein Romantiker, der den Rückzug in die Wälder erfand. Das Experiment «Walden» hatte sich damals recht erfolgreich angelassen. Die These lautet: Sechs Wochen Lohnarbeit reichen aus, um den Lebensunterhalt zu sichern. Die verbleibende Zeit können wir nutzen, um zu lesen, um zu schreiben, um nachzudenken, um die Natur zu erkunden! Das Experiment «Walden» hätte unsere Gesellschaft, unsere Sprache, unsere Welt verändern sollen.
Bäume umarmen
Anja konzentriert sich auf die Bereiche ihres Körpers, die den Baum berühren, ihre rechte Seite des Kopfes, ihren Hals, ihren Bauch, ihre Oberschenkel, ihre Füsse. Als sie sich ganz auf ihre Füsse konzentriert, spürt sie plötzlich, wie sich tief in ihrem Innern alles stabilisiert, kräftigt und zur Ruhe kommt. Noch nie im Leben hat sie so viel Ruhe empfunden. Noch nie hat sie so viel Gelassenheit in sich gespürt. Ihre Gedanken setzen zauberhafte Worte frei: «Waldbaden! Durchschreite den Wald achtsam! Spüre den Wald mit allen Sinnen, nimm alles wahr, was dir der Wald bietet! Umarme die Bäume!»
Das Umarmen von Bäumen und das sogenannte «Waldbaden» wird zumindest populärwissenschaftlich gestützt. Glaubwürdige Forscher wollen die Vibrationen der Bäume gemessen haben, die entstehen, wenn sie ein Mensch umarmt. Bei jeder Umarmung schütten die Bäume ätherische Öle aus, die unsere Gesundheit gegen alle Unbill des modernen Lebens boostern. Bereits mehrere Minuten in der Nähe eines Baumes sollen ausreichen, um den Wert des Stresshormons Cortisol zu reduzieren.
Waldmenschen
Autorinnen und Autoren entdecken wieder den Wald und besonders die Bäume als wichtige Komponenten des Ökosystems. Der Klassiker diesbezüglich trägt den Titel „Das geheime Leben der Bäume“, verfasst vom Förster und Baum-Kenner Peter Wohlleben. Es handelt sich dabei um ein Sachbuch, das die beeindruckenden Fähigkeiten von Bäumen und Wäldern beschreibt. Spannend berichtet Förster Peter Wohlleben darüber, was Bäume so alles können: Bäume können sich miteinander unterhalten, Bäume schauen zueinander, Bäume sprechen miteinander.
Spätestens seit Martin Suters Roman «Die dunkle Seite des Mondes» ist der angesagte Rückzug in die Wälder auch in den Chefetagen angekommen. Wirtschaftsanwalt Urs Blank, ein Star in seiner Branche, flüchtet aus dem lieblosen Geschäftsleben. Ein Trip mit halluzinogenen Pilzen führt zu einer Veränderung seiner Persönlichkeit. Blank flieht in den Wald, lernt dort zu überleben und wird schliesslich zum Waldmenschen.
Bereits in der Kinder- und Jugendliteratur ist die Natur- und Waldpädagogik zu einem festen Bestandteil geworden. Der Waldkindergarten liefert optimale Voraussetzungen für ganzheitliche Bildung, denn der Naturraum steckt voller Möglichkeiten zum Entdecken, Erforschen und Experimentieren. Junge Aktivistinnen klettern auf Bäume, um Rodungen zu verhindern. Das Kinderbuch «Anschlag auf den Baumriesen» aus dem Südpol-Verlag erzählt von Baum-Besetzungen. Im Jugendroman «Das Telefon in der Birke», erschienen im dtv-Verlag, kümmert sich die Protagonistin Ayla selbstlos um die Bäume in ihrer Wohnstrasse. Nach einem Todesfall verarbeitet Ayla ihre Trauer in der Baumkrone einer Birke.
Die Natur schlägt zurück
Nicht wenige Naturfreunde und Literaten wünschten sich, dass die Natur zurückerobert, was man ihr genommen hat. Daniela Danz, eine der wichtigsten Lyrikerinnen Deutschlands, schreibt über die Vision, dass die Natur endlich zurückschlägt. Im Gedichtband „Wildnis“ überwuchert die Natur zuerst nur die Gärten, später sind es Stürme und Überflutungen, die ganze Städte untergehen lassen. Rückeroberung ist angesagt. Die Natur bemächtigt sich der Flora und der Fauna. Wolken, Licht, Vögel und Pflanzen sind personifiziert, können also sprechen und handeln wie wir Menschen. Die moderne Literaturtheorie hat dafür auch bereits den Fachausdrück „rebellische Poesie“ geprägt.
Neu sind die Wunschträume von einer Rückeroberung der Natur aber keineswegs. Bereits im Jahr 1982 überraschte der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler mit dem Erzählband „Die Rückeroberung“. Adler und Hirsche halten sich wacker in der Stadt Zürich und lassen sich nicht mehr vertreiben. Als dann aber auch noch 33 Wölfe in Zürich einrücken und sich auf der Landepiste des Flughafens eine Verfolgungsjagd auf die Hirsche liefern, wird es gefährlich. Es rücken immer mehr Tiere in Zürich ein und die Natur erobert sich ihre Reviere zurück. „Von da an begann man sich langsam darauf einzurichten, dass man diese Tiere möglicherweise nicht loswerden konnte; sondern irgendwie mit ihnen Leben musste“, resümiert der Ich-Erzähler in „Die Rückeroberung“.
Bereits in den 1970er-Jahren träumte in Wien der Künstler Friedensreich Hundertwasser von einer „Verwaldung der Stadt“. Er war womöglich der erste Umwelt-Träumer und Literat, welcher der Natur ein Zurückschlagen zutraute. Ein «Haus für Menschen und Bäume» zu bauen, das war Hundertwassers Traum von der Rückeroberung durch die Natur, beschrieben bereits Jahre zuvor in seinem Text „Verwaldung der Stadt“.
„Nature Writing“ liesse sich übersetzen mit Naturliteratur, Naturtext oder naturbezogenes Schreiben. Genau genommen ist „Nature Writing“ keine neue Erfindung. im frühen 18./19. Jahrhundert, hatte man unter dem Begriff „Nature Writing“ aber noch die Erforschung neuer Erdteile mit fremdartiger Flora und Fauna verstanden.
Die Flucht aus den Wäldern
Das „Nature Writing“ unserer Tage befasst sich eher mit dem Kampf gegen die Zerstörung von Natur und Umwelt, hervorgerufen durch die Achtlosigkeit der Menschen. Ein Beispiel dafür ist das Buch „Zugunruhe“ des Schweizer Autors Levin Westermann. In der Ornithologie meint der Begriff „Zugunruhe“ die Rastlosigkeit der Wandervögel, die Sehnsucht der Vögel nach einem Aufbruch, dies gemäss ihrem Instinkt, weit weg in andere, fremde Länder zu fliegen. Im Buch „Zugunruhe“ wandert der Erzähler durch unsere Wälder. In den Wäldern fristen viele Tiere ihr Dasein, ihnen allen sollten wir – gemäss dem Autor – „ein Bleiberecht auf Lebenszeit“ zugestehen. Leider wird dieses Bleiberecht der Tiere seit Generationen von den Menschen missachtet. Der Mensch zerstört nach und nach alles, was den Lebensraum der Tiere ausmacht.
In ihrem neuen Roman „Der Rasen in Guwarra Heights“, erschienen im Telegramme Verlag, thematisiert Marianne Künzle die riesigen Kollateralschäden aufgrund von Waldbränden wie in Australien. „Pflanzen und Tiere verenden oftmals auf brutalste Art und Weise. Einige Tierarten sind aufgrund der Brände verschwunden. Man spricht von bis zu einer Milliarde Wildtieren, die zu Tode kamen. Auf den Rasen von Guwarra Heights haben sich verschiedene Wildtiere geflüchtet. Sie haben sich dort auf engstem Raum zusammengedrängt, um dem Feuer zu entgehen.»
Im „Literatur-Hängert“ auf Radio Rottu Oberwallis sagt Marianne Künzle: „Für mich ist nun mal die Natur von grosser Wichtigkeit in meinem Leben. Wenn ich mich in der Natur aufhalte und arbeite, gibt mir die Natur viel Energie. Entsprechend gross ist meine Sorge um den Verlust von Natur, der in unglaublicher Geschwindigkeit voranschreitet. Dieses Spannungsfeld liefert mir viel Motivation für mein Schreiben.“
Während Literaten seit Jahrhunderten von einem Rückzug in die Wälder träumen, hat die Flucht aus den Wäldern und deren Zerstörung vielerorts bereits begonnen.
Literatur:
- Henry David Thoreau: «Walden. Der Traum vom einfachen Leben». 330 Seiten. Reclam Verlag, 2022.
- Kurt Schnidrig: «Im Zauber der verkleideten Worte». 223 Seiten. Literatur CLUB73 international edition, 2022.
- Peter Wohlleben: «Das geheime Leben der Bäume». 240 Seiten. Ludwig Verlag, 2023.
- Martin Suter: «Die dunkle Seite des Mondes». 320 Seiten. Diogenes Verlag 2001.
- Andrea Possberg und Corinna Böckmann: Die grünen Piraten. Anschlag auf die Baumriesen. 144 Seiten. Südpol Verlag, 2026.
- Alison Mc Ghee: „Das Telefon in der Birke“. 208 Seiten. dtv, 2025.
- Daniela Danz: «Wildnis». Gedichte. 86 Seiten. Wallstein Verlag, 2020.
- Franz Hohler: «Die Rückeroberung». Erzählungen. 112 Seiten. btb Verlag, 2012.
- Robert Hodonyi, Carolin Würfel: «Hundertwasser. Für die Zukunft». 144 Seiten. Hatje Cantz Verlag, 2020.
- Levin Westermann: «Zugunruhe». 192 Seiten. Matthes & Seitz Verlag, 2024.
- Marianne Künzle: «Der Rasen in Guwarra Heights». 272 Seiten. Telegramme Verlag, 2026.
Hinweis: Dieser Beitrag erschien auf pomona.media/rro
Text, Bild und Beitrag für pomona.media: Kurt Schnidrig