Alltagsbeziehungen zwischen Romands und Deutschschweizern

Einigkeit des Kantons beim Cupfinal. (Bild: Kurt Schnidrig)

Wie kann ein Zusammenleben von Persönlichkeiten, die unterschiedlichen Sprachgruppen angehören, funktionieren? Warum Fachliteratur die aktuelle Debatte bereichern könnte.

Kurt Schnidrig

Der medial inszenierte Abstimmungskampf um die Verfassung des Kantons Wallis zeugt auch davon, dass die allermeisten Beteiligten, welcher Couleur auch immer, von der einschlägigen wissenschaftlichen Fachliteratur kaum eine Ahnung haben.

Die „Probleme“, die sie als grosse Herausforderung anzugehen und zu lösen gewillt sind, sind zumeist bereits angegangen worden. Lösungsvorschläge lägen auf dem Tisch. Wie aber will man die seit Jahrzehnten ungelösten Probleme endlich einer Lösung zuführen, wenn man die wissenschaftlich ausgearbeiteten und in Buchform vorliegenden Lösungsvorschläge nicht kennt?

Bräuchte es einen Literaturkanon für politisch interessierte Kreise? Eine Pflichtlektüre, die für alle Parteien verbindlich ist? Nur so liessen sich auf der Basis einer gemeinsamen Lektüre-Erfahrung sich wiederholende Leerläufe vermeiden.  

Im Vorfeld der Abstimmung über eine neue Kantonsverfassung zerbrachen sich Verfassungsrat und politisch engagierte Persönlichkeiten die Köpfe einmal mehr über stereotype Fragestellungen wie: Wie würden Sie die Beziehung zwischen Ober- und Unterwallis verbessern? Braucht das Oberwallis einen Minderheitenschutz im Parlament? Wie sollte das Parlament zusammengesetzt sein? Wie lässt sich eine bessere Vertretung der politischen Kräfte erreichen? Wie viele Sitze sollen dem Oberwallis zustehen? Inwiefern ist die christliche Tradition des Kantons zu berücksichtigen? Undsoweiter.  

Die allermeisten Antworten der Involvierten im Abstimmungskampf 2023/24 verrieten zu derartigen Fragestellungen vor allem nur eins: Die Befragten haben mit Sicherheit nie handfeste Studien zu den seit Jahren angesagten Themen gelesen.

Die allermeisten aktuellen Debatten und Argumentationen zu wichtigsten Themen unseres Kantons, insbesondere auch zu den Alltagsbeziehungen zwischen Romands und Deutschschweizern im Kanton Wallis, könnten auch aus einem Abstimmungskampf von Mitte der 1990er-Jahren herstammen. Oder wie im vergangenen Abstimmungskampf zu den Gross- und Staatsratswahlen des Jahres 2021. Antworten von Kandidatinnen und Kandidaten damals im „Walliser Bote“:

„Die Einigkeit unseres Kantons existiert wohl nur beim Cupfinal des FC Sitten“; „Das Oberwallis gerät vermehrt unter politischen Druck des Unterwallis“; „Die kulturelle Vielfalt könnte ein Anziehungspunkt sein“; „Jeder Kantonsteil hat eigene Interessen und sollte darum im Parlament angemessen vertreten sein“; „Wie lässt sich der deutschsprachige Teil des Kantons ausreichend berücksichtigen?“ „Die Sprache stellt das grösste Hindernis dar“ usw.

Nicht wenige der aktuellen Diskussionsthemen des gewählten Verfassungsrats sind so alt wie die seit 1907 geltende Verfassung. Forschungen und Untersuchungen zu denselben Themenkreisen hatte ich auch schon im Jahr 1994, vor genau dreissig Jahren also, offengelegt, und zusammen mit einem interdisziplinären Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Genf in zwei voluminösen Buchbänden präsentiert.

Drei Jahre meines Lebens habe ich zusammen mit sieben weiteren Forschenden damit zugebracht, die Alltagsbeziehungen zwischen den Sprachgruppen im Wallis zu erforschen, zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Bestimmt ist diese unsere Arbeit nicht die einzige zu diesem Thema.

Die Frage sei erlaubt: Wozu gibt man eine halbe Million Franken aus, um drei Jahre zu forschen, wenn auch noch dreissig Jahre später die Studie genauso aktuell ist wie damals, weil sich in der Sache und an den Fragestellungen nichts, gar rein nichts, verändert hat? 

Persönlich habe ich im Rahmen dieser Nationalfonds-Studie die Sichtweise und die Perspektive des Oberwallis untersucht. Es handelte sich damals um ein Nationales Forschungsprogramm, das die „Alltagsbeziehungen zwischen Romands und Deutschschweizern am Beispiel der zweisprachigen Kantone Freiburg und Wallis“ untersuchte.

Auf über 1500 Seiten wurde dargelegt, was die Alltagsbeziehungen zwischen Deutsch und Welsch ausmacht, und was nötig wäre, um das Verhältnis der beiden Kantonsteile zu verbessern. (Literaturangabe vgl. Fussnote).

Liest man in der Presse die Gedanken und Meinungen von politisch tätigen Menschen oder von Medienleuten, kommt man zum Schluss, dass das vertiefte Wissen darüber, wie und warum dieses oder jenes zwischen Ober- und Unterwallis funktioniert oder eben nicht funktioniert, zwischen Buchdeckeln zahlreicher Studien steckengeblieben ist.

In der oben zitierten umfassenden Nationalfonds-Studie wurde auch ein Modell der Koexistenz der beiden Sprachgruppen angegangen mit konkreten und zukunftsweisenden Lösungsvorschlägen. Daraus hat sich zum Beispiel die Frage ergeben, ob nicht die Kantone Freiburg und Wallis in Zukunft ein Modell für die mehrsprachige und multikulturelle Schweiz sein könnten.

Im Rahmen dieser Nationalfonds-Studie wurde die Alltagspresse als feines „Messgerät“ kollektiver Anliegen untersucht. In mehreren hundert ausführlichen Interviews schlug sich nieder, auf welche unterschiedliche Weise Freiburger und Walliser die alltäglichen Sprachkontakte erleben. Dabei werden nicht nur die subjektiven und stereotypen Vorstellungen, sondern auch die tatsächlichen Verhaltensweisen im Alltag der beiden Sprachgruppen erkennbar.

Die nun vorliegende „Enzyklopädie“ der gesellschaftlichen Spielregeln verdeutlicht den Reichtum des sozialen, kulturellen, sprachlichen und politischen „Labors“, wie es das Wallis und die Schweiz verkörpert.

Wir haben damals die Sektoren Wirtschaft, Kultur, Politik, Kirche, Vereine, Verbände usw. nach Methoden der Sozialwissenschaften aufgearbeitet. Schliesslich fassten wir in Empfehlungen zusammen, was zu einem besseren Auskommen und Miteinander der Sprachgemeinschaften beitragen kann:

Im Oberwallis fühlen sich viele durch die französischsprachige Mehrheit im Kanton arg bedrängt, wirtschaftlich, politisch und kulturell in die Zange genommen und in die Ecke gedrängt. Es gibt für sie einen „Graben“ und kulturell wenig Verbindendes.

Auch die Forderung nach einem Halbkanton Oberwallis war bereits in den Forschungsarbeiten vor dreissig Jahren ein Thema. Gesamthaft schälte sich aber doch das Bild heraus, dass man zusammen auskommen will.

Persönlich stellte ich damals an einer Pressekonferenz in Brig das Modell „Zwei Modi im selben Kanton“ vor. In einigen politischen und wirtschaftlichen Bereichen wären zwei verschiedene Vorgehensweisen für die beiden Kantonsteile empfehlenswert. Der staatlichen Einheit und für den Zusammenhalt des Kantons wären „zwei Modi im selben Kanton“ meines Erachtens zuträglich.

„Die Einigkeit unseres Kantons existiert wohl nur beim Cupfinal des FC Sitten“, war im Abstimmungskampf zu den letzten Gross- und Staatsratswahlen mehrmals im Walliser Bote zu lesen. Meine Empfehlung: Den Kulturpreis des Kantons Wallis an Christian Constantin und seinen FC Sion! In Anerkennung seiner Verdienste für den Zusammenhalt unseres Kantons.

Literatur: Erschienen im Jahr 1994: Universität Genf, Hrsg.: Alltagsbeziehungen zwischen Romands und Deutschschweizern. Am Beispiel der zweisprachigen Kantone Freiburg und Wallis. Band 1 (716 Seiten). Band 2 (616 Seiten). Verlag Helbing und Lichtenhahn. Darin: Kurt Schnidrig: „Die Vorstellungen der Oberwalliser über die Beziehungen zwischen den Sprachgemeinschaften“, Seiten 188-274.

Quellenangabe: Der obige Text entstammt dem Buch von Kurt Schnidrig: „Alles, was du bist“, erschienen 2021, Seiten 251ff. Der Text wurde an einigen Stellen aktualisiert. Dieser Text ist auch in der Bücherecke erschienen auf pomona.ch/rro und im Online-Portal von pomona.media